Sonntag, 9. April 2017

Matzen backen

wäre für meine Zwischentraditionensammlung schön gewesen, weswegen ich mich vor etwa zwei Wochen sehr gefreut habe zu hören, dass in unserer Stadt in der Woche vor Pessach eine mobile Matzenbäckerei ihre Öfen anfeuert. Auf Facebook wusste man, wo genau das stattfinden soll, an welchen Tagen und zu welchen Zeiten. Doch als ich mich heute an meinem freien Tag mit dem Mädchen aufmachte, echt pessachkoschere Matzen selber zu backen, stellten wir zu unserer Enttäuschung fest, dass die Aktivität kurzfristig umziehen musste. In einen Kibbutz außerhalb der Stadt, der wiederum so religiös geprägt ist, dass er dann doch ein bisschen außerhalb meiner persönlichen Komfortzone liegt.

Spannend hätte ich das Ganze aber schon gefunden, denn der Prozess der Matzenbäckerei ist, wie so vieles im Judentum, streng reglementiert. Matzen sind ja flache, staubtrockene Teigplatten, die auf den ersten Biss ein bisschen an Knäckebrot erinnern. Da während der Pessachwoche kein Brot und auch sonst keine "gesäuerten" Lebensmittel verzehrt werden dürfen - Ashkenasische Juden verzichten außerdem auf Hülsenfrüchte und Reis - sind diese "ungesäuerten Brote" ein wichtiges Grundnahrungsmittel, das mit herzhaften oder süßen Aufstrichen und zu den Mahlezeiten verzehrt wird. Bei der Herstellung der Matzen sind viele Regeln zu beachten, die alle zusammen sicherstellen sollen, dass der Teig auf keinen Fall "aufgeht", also säuert, bevor er fertig gebacken ist. In der strengsten religiösen Auslegung geht das sogar so weit, dass das Korn ab dem Zeitpunkt der Ernte bis zum Zeitpunkt der Verarbeitung zu Matzen, der sogenannten "Matza Shmurah" überwacht wird, um ganz sicher zu gehen, dass es zu keiner Zeit Feuchtigkeit ausgesetzt wurde.

Handgemachte Matza (Quelle: Yonina)
Bei der Herstellung läuft die Uhr ab dem Zeitpunkt zu dem das Wasser mit dem Mehl in Kontakt kommt und verknetet wird. Ab da bleiben dem Bäcker bis zu 18 Minuten, den Teig zu kneten, in kleinen Portionen hauchdünn auszurollen, mit einem speziellen Teigroller das Lochmuster in den Fladen zu stanzen und den Teig in einem sehr heißen Ofen zu einer harten, trockenen Matze zu verbacken. Natürlich werden heutzutage die meisten Matzen in Fabriken produziert (in New York im Traditionsunternehmen "Streit's" zum Beispiel (charmantes Video)), aber viele Familien möchten für den Sederabend eine handgemachte Matza Shmura, die natürlich, wenn man sich einmal klargemacht hat, unter welchen Mühen sie entsteht, gleich noch einmal ganz anders schmeckt.

Tja, bei uns wird das dieses Jahr mit den selbst gebackenen Matzen wohl leider nichts mehr. Aber immerhin werden wir ein besonderes Seder erleben, dabei sahen wir uns in unserer Vorstellung schon trübsinning alleine vor der Familienpackung Matzen sitzen, denn dieses Jahr war mit der Pessachplanung irgendwo von vornherein der Wurm drin. Eine Woche vor Pessach, als ich schon kurz davor war, verzweifelt ins Netz zu rufen, ob uns nicht doch jemand aufnehmen kann ("will work for food" oder so..), erhielt ich eine Nachricht von Bekannten aus dem tiefen Süden, ob wir wohl noch nichts vor hätten? Es sei ja ohne Frage sehr kurzfristig und sicher wären wir längst verplant, aber falls nicht würde man sich riesig freuen, wenn wir kommen könnten. Das sind dann so die Momente, die mich wirklich anrühren und in denen ich ganz sicher bin, dass in unserem Leben nichts zufällig passiert.

Heute Abend geht's los, mit allem, was die Tradition zu bieten hat, wir sind sehr gespannt.

Kommentare:

  1. Das Filmchen aus New York ist ja sehr interessant. Wie schön, dass Eure Pessach-Planung dann doch noch eine überraschende Wendung erfahren hat. Da bin ich schon gespannt auf deinen Bericht.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  2. Diese 18 Minuten finde ich schon interessant. Wer hat die denn wann und mit welchem Instrument gemessen und festgelegt? Strange!
    Wenn ich kein Brot zuhause habe, mein Sauerteigansatz vergammelt ist, keine Hefe mehr da ist und alle Hunger schreien, rühre ich Mehl, Öl, etwas Salz und Wasser zusammen, rolle ein paar Kugeln daraus, mache die platt und backe in der Pfanne Chapati, indische Fladenbrot, aus. Das geht ruckzuck.
    Ansonsten,
    meines Erachtens gibt es keine Zufälle ;-) diese Einladung passte doch perfekt.
    Schöne Feiertage und viele Grüße,
    Karin

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    1. Scheinbar ist es so, dass im Teig nach etwa 18 Minuten der Gärprozess einsetzt... wer das aber irgendwann mal so festgelegt hat als Gesetz, müsste man recherchieren :)

      Viele Grüße,
      Hadassa

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