Mittwoch, 1. Februar 2017

Die Sache mit den Vorurteilen - Fremde kennenlernen hilft...



Vorurteile sind doof.


Das wissen wir spätestens seit der Mittelstufe, wahrscheinlich sogar schon länger, jedenfalls wenn wir in Deutschland aufgewachsen sind. Vorurteile führen dazu, dass wir unser Gegenüber nicht wertfrei und unbelastet wahrnehmen können, weil wir uns bereits eine Meinung gebildet haben, bevor wir den Menschen richtig kennenlernen konnten. Vorurteile führen dazu, dass Menschen, die von der Norm abweichen, ausgegrenzt werden und Vorurteile führen auch zu Rassismus und Xenophobie. Dabei nutze ich den Begriff Xenophobie nicht, weil er als Fremdwort so en-vogue ist, sondern weil ich die wörtliche Übersetzung "Fremdenangst" treffender finde als Fremdenfeindlichkeit oder Fremdenhass. Viele Menschen, die sich durch Migranten und Flüchtlinge oder einfach Menschen, die anders sind als sie, bedroht fühlen, würden weit von sich weisen, dass sie diese hassen und ich behaupte mal, dass die allermeisten das negative Gefühl, das sie gegenüber Fremden verspüren nicht mal richtig benennen können. Es ist einfach da. Die Theorie ist also klar und mir ist es sehr wichtig, dass das Mädchen schon frühzeitig lernt, wie Vorurteile sich auf Beziehungen und Gesellschaften auswirken können, denn das fängt ja schon im Klassenzimmer an.

Die Praxis ist mitunter nicht ganz so einfach


Ich kann ein Lied singen von Ereignissen in meinem Leben, wo mir Vorurteile im Weg standen, hinter die äußere Verpackung von wundervollen Menschen zu sehen, die später zu meinen besten Freunden wurden - die "fremde" Pfadfindergruppe aus einer anderen Stadt, die braven "Musterschüler" in der Oberstufe meiner neuen Schule, Friedensdienstkollegen, die auf den ersten Blick nichts mit mir gemeinsam hatten und im Studium eine über-motivierte Kommilitonin, die mir auf die Nerven ging. Das Schlimme ist: Diese menschliche Blödheit ist so stark in mir, dass ich immer wieder in die Vorurteilsfalle tappe, obwohl ich aus Erfahrung weiß, wie kontraproduktiv das ist. Glücklicherweise geht es manchmal trotzdem gut aus, zum Beispiel neulich:

***

Ich bin auf ein Frauenwochenende eingeladen und habe im Vorfeld nur wenige der Teilnehmerinnen näher kennengelernt. Eine, die ich bei einem früheren flüchtigen Treffen als "typische" Amerikanerin in Israel abgetan hatte, versuche ich ein wenig besser kennen zu lernen, weil ihre Aussagen und Ansichten sich nicht so recht mit meiner bunten Sammlung von Vorurteilen in Einklang bringen lassen. Mich verwirrt nur, dass jene Frau, nennen wir sie Rosa, mir von Anfang an eher kühl begegnet. (Und das obwohl Amerikaner doch dafür bekannt sind, schnell oberflächliche Freundschaften zu schließen, oder?)

Das Wochenende geht so seinen Gang und am letzten Tag, beim Mittagessen, finde ich mich am gleichen Tisch wie Rosa. Wir plaudern ein bisschen über Gott und die Welt - wir haben eine sehr ähnliche Sicht auf viele Themen - und schließlich sagt sie zu mir:

"Du, ich muss dir jetzt mal was sagen: Ich wollte mit Deutschen eigentlich nie was zu tun haben, du weißt schon, der Holocaust, und halte daher meistens Abstand, wenn ich welche treffe. Aber du, du bist ganz anders, dich würde ich gerne viel besser kennenlernen." 

Ich natürlich vollkommen sprachlos und mit so viel Offenheit erstmal komplett überfordert. (Außerdem geschockt, denn dass jemand mir gegenüber Vorurteile haben könnte, geht ja überhaupt gar nicht!!), antworte nach einer Schrecksekunde:

"Rosa, ich bin so erleichtert, dass du das ansprichst - mir geht es genauso. Ich hatte so eine lange Liste von Vorurteilen über Amerikaner als ich hier ankam, und du erfüllst kein einziges davon." 

Wir schauen uns an, dann bricht Rosa in Gelächter aus, ich lache mit. Über unser Brett vor dem Kopf. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

***

Und weil es hier so schön passt, dieses kleine soziale Experiment aus Dänemark sprengt gerade das Internet:




Habt ihr ähnliche Erfahrungen mit Vorurteilen und Fremdenangst?

Kommentare:

  1. Ich find's ziemlich beeindruckend, dass ihr beide so offen eure Vorurteile einander gegenüber benennen und sie damit dann auch zur Seite schieben konntet. Das ist toll.

    Wegen des dänischen Videos musste ich gerade ein bisschen heulen.^^

    Liebe Grüße,
    Sabrina

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    1. Das stimmt. Vor allem Rosa war sehr mutig, weil sie den ersten Schritt getan und sich damit angreifbar gemacht hat. Ich gestehe, für einen Moment war ich versucht, die Sache mit einem großzügigen "Schwamm drüber, ich nehm's dir gar nicht übel" abzutun und meine eigenen Vorurteile schön unter Verschluss zu halten, es braucht also definitv Mut und sicher auch den richtigen Moment für so viel Offenheit.

      Einen schönen Tag dir,
      Hadassa

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  2. Aloha, Hadassa.
    Kommt man/frau ein wenig in die Gedanken, erscheinen einem schnell die Abstrusitäten, ja Logikbrüche innerhalb der Scheinwelt von gehecten Vorurteilen. Es beginnt bereits mit der Willkürlichkeit der gezogenen Radien - noch nicht allzulange her, da waren "die Anderen" die vom nächsten Dorf. Jedweder gemeinschaftliche Unrat wurde dann "dort" abgelagert. Und diese Grenzen laßen sich seit Anfang der Menscheit munter immer wieder neu ansetzen. Die Mitläufer sind schnell zu finden...leider.
    Qui bono? ist eine nicht unwichtige Frage, die es sich gelegentlich zu stellen gilt, wann immer Vorurteile befeuert werden.

    Die Vorurteile hat jeder im Leben; wichtig bleibt allerdings, daß sie einem nicht dazwischenfunken. Den Gegenüber erst erfahren & dann einschätzen lernen.

    Ich denke die solidarischen Gesten, die es an & in den Flughäfen der Vereinigten Staaten, in den letzten Tagen zu sehen gab - dieser Zusammenschluß gegen einen Akt der völligen Wilkür läßt hoffen.

    "Die Farbe der Augen vermochte noch nie einen Charakter zu bestimmen!"
    (Florance Ippdit)

    bonté

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  3. Über das Video aus Dänemark bin ich diese Woche bei Facebook gestolpert, genauso wie über das mit der DNA-Journey im Sommer 2016 (https://www.youtube.com/watch?v=tyaEQEmt5ls).
    Aber es fängt ja schon mit traditionellem Konkurrenzdenken zwischen Nachbarstädten an, das selbst heute noch zu Verständigungsbeeinträchtigungen, trotz einem gemeinsamen Stadtteil.
    Ich bin bestimmt nicht zu 100% frei von Vorurteilen selbst nach meinen Erfahrungen aus meiner Kindheit als Flüchtingskind und Mutter eines schwerbehinderten Kinds. Unter Umständen und im günstigsten Fall halten sie uns, zu unserem Schutz wie für unser Gegenüber, auch auf Distanz - erst beobachten, dann handeln.
    Wenn ich jedoch auf Reisen bin, meist alleine, ist die Vorurteilsbarriere durch Neugier und die Bereitschaft sich auf Neues einzulassen schon niedriger. Auf mich gestellt bin ich unter Umständen auf Hilfe angewiesen, da sind Vorurteile schnell Nebensache.
    Doch ob ich meinen 60sten Geburtstag, wie seit ganz vielen Jahren erträumt, in New York verbringen werde, steht, Vorurteil lässt grüßen, inzwischen wieder in den Sternen.
    Viele Grüße aus dem Ländle,
    Karin

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