Montag, 9. Januar 2017

"Seid ihr emotional ok?"

Das wurde ich heute von einer Freundin aus Deutschland gefragt und musste erstmal kurz überlegen, worauf sie sich wohl beziehen mag. Sekunden später war mir klar, dass es um den Anschlag in Jerusalem gehen muss, bei dem gestern 3 junge Soldatinnen und 1 Soldat getötet wurden und den ich, schon wieder in die hintere Schublade meines Bewusstseins verdrängt hatte. Er hat in Deutschland mehr Schlagzeilen gemacht als sonst, weil er so sehr an die Anschläge von Berlin und Nizza erinnert und sogar dazu geführt hat, dass das Brandenburger Tor heute Abend mit den Farben der israelischen Flagge angestrahlt wurde. Auf Facebook sammeln sich Beiträge dazu: Die Israelis sind tief bewegt über diese Geste der Solidarität aus Deutschland, denn viel zu oft fühlen sie sich von der ausländischen Berichterstattung ignoriert oder, und das ist für viele sogar noch schlimmer, einseitig repräsentiert.





Meine Antwort auf die Frage - "Ja, alles ok." - scheint mir dann aber ein bisschen zu nonchalant und so erkläre ich, wie ich es schon so oft erklärt habe, dass man in Israel sehr schnell lernt, Anschläge zwar betroffen zur Kenntnis zu nehmen, aber anschließend den Alltag so unbeeindruckt wie möglich weiter zu leben. So lernt es der Neuankömmling und so geben wir es an unsere Kinder weiter. Das war in Israel schon immer so. Natürlich geht jeder ein bisschen anders damit um: Manche sind furchtbar wütend und machen ihrem Ärger in den sozialen Netzwerken Luft, andere haben ein großes Redebedürfnis im Freundes- oder Kollegenkreis, andere bloggen oder diskutieren online über die Geschehnisse. Besonders betroffen machen einen die Beiträge von Leuten, die eines der Opfer persönlich kannten. Ich ziehe mich meist zurück und konzentriere mich auf meine "Weitermachen!"-Taktik. Das wirkt auf manche wahrscheinlich abgestumpft oder sogar gefühlskalt, letztlich ist es aber tatsächlich genau das: Eine Taktik, das alltägliche Leben am Laufen zu halten, nicht mehr und nicht weniger.

Was nicht heißt, und an dieser Stelle wird es jetzt sehr ehrlich, dass ich nicht manchmal im Bus unruhig werde, wenn er überfüllt ist und viele Pendler aus der Westbank mitfahren. In solchen Momenten muss sich mein rationales Ich sehr anstrengen, die irrationalen Ängste in Schach zu halten, denn statistisch gesehen sind sie das natürlich. Dennoch kann ich nicht aus meiner Haut, obwohl ich mich dafür schäme und sonst immer sehr vehement den Standpunkt vertrete, dass man nicht generalisieren darf, weil man sich damit zum Rassisten macht und dadurch selbst zum Teil des Problems wird.

Die Psychologie des Terrors ist kompliziert.

1 Kommentar:

  1. Tahiat, Hadassa.

    "Es ist die Geißel "Angst", die strippenziehenden Manipulatoren wesentlich wichtig ist, um ihr dreckiges Machtspiel am kochen zu halten. War so in der Historie. Ist so in der Realität der Gegenwart. Wird wohl denn auch die Zukunft der Menschen weiter mitbestimmen. Und was bleibt dem Gros der Leute guten Willens übrig!?
    Ich denke, nicht dem Hass das Sagen zu überlassen. Denn der Hass ist die Gemeinsamkeit, in der sich alle Radikale der Welt einig sind.
    Das Dogma des Hasses führt allein in die absolute Leere der Existenz - und mitnichten zu einer Wahrheit!"
    (Myrelle Minotier, aus "Pour Langue")

    bonte

    AntwortenLöschen