Donnerstag, 6. Oktober 2016

Das neue Jahr...

Jetzt ist es also da. Das jüdische Jahr 5777. 

Das alte Jahr ging mit der Beerdigung unseres früheren Präsidenten Shimon Peres zu Ende. Der unermüdliche Optimist und Friedensnobelpreisträger hatte sich noch im hohen Alter aktiv für die Verständigung zwischen Palästinensern und Israelis eingesetzt und die Hoffnung auf eine Zwei-Staaten-Lösung niemals aufgegeben. Er ist einer der wenigen Politiker in Israel, der von Menschen im gesamten politischen Spektrum geliebt und verehrt wurde. Eine Führungspersönlichkeit, der in der israelischen Politik seit Yitzhak Rabin keiner das Wasser reichen konnte, und die ein Vakuum hinterlässt, das keiner füllen können wird. Oder wie Amos Oz in seiner Rede an der Beerdigung fragte: 
"Wo sind die mutigen Anführer, die aufstehen und das (die Zwei-Staaten-Lösung) wahrmachen können? Wo sind Shimon Peres' Nachfolger?" 
Wie geschätzt Peres auch international war, zeigt, neben den berührenden Beileidsbekundungen aus aller Welt, wie viele Staatsoberhäupter zum Begräbnis anreisten. Da im Judentum die Beisetzung so schnell wie möglich stattzufinden hat, lagen zwischen Peres' Tod und der Trauerfeier gerade mal 48 Stunden, das heißt Präsident Obama, Bill Clinton, Justin Trudeau, Prince Charles, Joachim Gauck und all die anderen mussten ihr Tagesgeschäft buchstäblich stehen und liegen lassen, um rechtzeitig in Jerusalem sein zu können. Dazu Regierungsvertreter aus Ägypten und Jordanien, sogar Präsident Abbas kam aus Ramallah, zum ersten Mal seit 6 Jahren, obwohl er genau wissen musste, dass ihm das in den eigenen Reihen nichts als Ärger (um es mild auszudrücken) einbringen würde. Es war sehr bewegend zu sehen, wie Vertreter der ganzen Welt einem jüdischen Staatsmann in seinem jüdischen Heimatland die letzte Ehre erweisen. 

Das neue Jahr wird ärmer sein, ohne diesen Menschen, Israel wird leerer sein, ohne seine Präsenz, seine Weisheit und seinen Optimismus. 

Was wird es bringen? In Israel wird sich vermutlich vorerst nicht ändern, da bleibt uns Zeit, mit Spannung nach Amerika zu sehen, wo Wahlkampf-TV dieser Tage gleichzeitig unterhaltsamer und ekelhafter ist, als manches Reality-Format. Wo es scheint, als hätte ein Medienmogul beschlossen, die für den Präsidentenjob vermutlich am besten qualifizierteste Frau der Welt gegen den am wenigstens qualifizierten Mann der Welt antreten zu lassen und zu sehen, wie dieses Duell ausgeht. Dass die Meinungsumfragen noch immer so knapp sind, macht mich krank und lässt mich an allem zweifeln, was wir in Sachen Gleichberechtigung und Gleichwürdigung der Geschlechter im letzten Jahrhundert erreicht haben. Anstrengend und wenig hilfreich für den Ausgang dieser Wahl finde ich aber auch manche Vertreter des links-intellektuellen Spektrums, vor allem außerhalb der USA, die nicht müde werden, auf Clintons Fehlern herumzureiten und immer wieder herauszustellen, dass sie ja eigentlich auch überhaupt nicht wählbar oder höchstens das kleinere Übel sei - hallo? Haben die Trump jemals ernsthaft zugehört? Aber ich reibe mich unnötig auf, es hat ja keinen Sinn, man muss es abwarten. Insgesamt würde ich mir sehr wünschen, dass die Welt ein kleines bisschen besser wird im Jahr 5777. Nur sieht es leider nicht so richtig danach aus, wenn ich mir ansehe, dass nicht nur in den USA, sondern auch in good old Europe die Fanatiker in letzter Zeit am lautesten brüllen. 

Privat haben wir den Übergang in das neue jüdische Jahr entspannt im Familienkreis begangen. Das leckere Festessen zu Erev Rosh HaShana fand bei meinen Schwiegereltern mit insgesamt 13 Personen statt - ich hatte, zugegeben, Vorbehalte, weil ich in engen Räumen mit vielen Menschen leicht unentspannt werde, aber es war wirklich sehr nett. Den ersten Feiertag verbrachten wir still und friedlich zu Hause und verschickten abends das Mädchen zu ihrer Cousine zum Übernachten. Der Gatte und ich nutzten die Chance, um uns im Kino "Sand Storm" anzusehen. Ein starker Film über zwei Beduinenfrauen, der wohl für Israel bei den Oscars antreten wird. Nicht ganz einfach zu verdauen. Tags darauf holten wir das Mädchen mittags wieder ab, blieben ein bisschen zum Quatschen und fuhren schließlich noch zum Sonnenuntergang an unseren Lieblingsstrand.

Gute Entscheidung. 




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