Donnerstag, 22. September 2016

Neuschwanstein, Baby!

oder: Urlaubserinnerung aus der Konserve 

DAS Bild. Von der Marienbrücke aus
In unseren Sommerurlaub versuchen wir immer richtig viel Programm zu packen, damit wir das Gefühl haben, auch ein bisschen touristisch unterwegs gewesen zu sein. Nur gemütlich ausspannen bei der lieben Familie ist zwar auch sehr schön und wichtig, aber man will ja daheim in Israel auch was erzählen können, außer "ach, wir haben halt so rumgehangen, die Wolken beobachtet und DVDs mit Oma und Opa geschaut … "

Als eine der touristischen Aktionen nahmen wir uns für diesen Sommer - vom Gatten gewünscht - einen Ausflug nach Neuschwanstein vor. Die wahrscheinlich berühmteste Sehenswürdigkeit Deutschlands war sogar für mich Neuland und nachdem ich im Internet gelesen hatte, dass dort immer Besucherwahnsinn ist und am meisten im August, wollte ich eigentlich am liebsten direkt wieder einen Rückzieher machen. Das konnte ja heiter werden. Gut, dass ich dazu neige, solche Dinge penibel zu recherchieren, denn das Internet wusste auch, dass man die Eintrittskarten vorab online reservieren kann, damit man vor Ort nicht ewig auf eine Schlossführung warten muss. Und in das Schloss hinein wollten wir unbedingt, wenn man sich schon auf den Weg dorthin macht, nicht zuletzt, weil der Gatte doch so ein Musikfan ist und sich auch mit Wagner ziemlich gut auskennt. 

Märchenschloss
Das liebe Angebot einer Schulfreundin von mir, diesen Sommer ein Wochenende bei ihr in Bayern zu verbringen, passte perfekt zu unseren Neuschwansteinplänen und so reservierte ich schließlich Karten für einen Montagvormittag, in der Hoffnung, die schlimmsten Massen dadurch (vielleicht) zu umgehen.

Die Reservierung kostet €1,80 pro Karte zusätzlich zum Eintrittspreis von €12. (Kinder unter 18 sind frei). Das lohnt sich, um sich eine fixe Einlasszeit zu sichern. Stornieren kann man bis zu 2 Stunden vorher und muss dann nicht mal die Reservierungsgebühr bezahlen. 

An einem der schönsten Sonnentage in diesem Urlaub machen wir uns also schon frühzeitig auf den Weg Richtung Füssen und erreichen gegen 9 das Örtchen Hohenschwangau, das komplett auf den Burgentourismus ausgerichtet ist. Den Gatten lasse ich aussteigen, damit er schon mal zum Ticketcenter gehen und die Karten abholen kann, biege in den ersten ausgeschilderten Parkplatz ein und ergattere einen Schattenplatz.

(6 Euro Parkgebühr wird für den ganzen Tag fällig).  

Hohenschwangau
Unsere Führung soll pünktlich um 10:30 beginnen, wir haben noch etwa eine Stunde bis dahin, genug Zeit, um den Aufstieg zum Schloss zu meistern - nur wie am besten? Zu Fuß soll es etwa 40 min. dauern, das scheint mir fast ein bisschen zu streng, zumal der Gatte eh schon nervös ist wegen der Zeit und vermutlich im Laufschritt voraus stürmen würde. Die Pferdegespanne scheiden aus, 6 Euro pro Person für 20 min. träges Gezuckel und danach trotzdem noch 10 min. bergauf zu Fuß verweigere ich, letztlich nehmen wir den günstigen Linienbus, der einen zügig den Berg hinauf bringt und über dem Schloss, nur 5 min. von der Marienbrücke hält, von der aus man die schönsten Fotos des Schlosses machen kann. Vorausgesetzt, man hat nichts dagegen, den Moment (und die schmale Brücke) mit dutzenden anderen Besuchern und ihren Selfiesticks zu teilen. Wir hatten besonders Glück, denn die Brücke war über ein Jahr lang für Renovierungsarbeiten gesperrt und erst wenige Tage vor unserem Besuch neu eröffnet worden.

Sobald wir die obligatorischen Fotos im Kasten und dreimal nachgeprüft haben, dass sie auch wirklich instapretty genug sind, eilt der Gatte voraus zum Schloss. Denkt er jedenfalls, denn er eilt genau in die falsche Richtung, biegt in einen verwunschenen Waldweg ein, und erst als ich - hinterher hastend - bemerke, wie seltsam es mir vorkommt, dass die Massen auf der Brücke uns nicht folgen, realisiert er seinen Irrtum. Stress kommt auf, ich beruhige ihn, wir korrigieren unsere Route und kommen schließlich trotzdem noch 10 Minuten vor unserer Führung am Haupteingang an.

Innenhof Neuschwanstein

Die Führung durch die inneren Räume des Schlosses ist interessant, obwohl ich viel lieber in meinem eigenen Tempo umher gestreift wäre. In jeder Ecke der detailversessen eingerichteten Wohnräume glaube ich zu erkennen, wie nah bei Ludwig Genie und Wahnsinn wohl beieinander lagen. Gleichzeitig spüre ich einen gewissen Respekt für den Märchenkönig dafür, wie er die Visionen seiner Bauprojekte akribisch geplant und umgesetzt hat, so größenwahnsinnig sie auch gewesen sein mögen. So sinniere ich vor mich hin, fotografieren ist in den Innenräumen verboten, da hat man Zeit seinen Gedanken nachzuhängen, während unser Führer, langhaarig, lispelnd, die Fakten zu den verschiedenen Räumen abspult. Ludwigs Thronsaal, Ludwigs Schlafzimmer, Ludwigs Venusgrotte mit Geheimgang (abgefahren!), Ludwigs Wohnzimmer, Ludwigs Sängerzimmer, Ludwigs Küche und Ludwigs Souvenirshop, durch den man natürlich auch geschleust wird. Diesen Trick kennen wir schon aus London und er wirkt, denn als wir durch sind, hat das Mädchen einen schneeweißen Schwan aus Plüsch unter dem Arm, sicher made in China und schrecklich überteuert, aber vom eigenen Taschengeld. Immerhin.

Spartipp von mir: Neuschwanstein hat zwei Shops, im ersten gibt es hochpreisige Edelware und Plüschschwäne. Der zweite ist im Vergleich dazu ein richtiger Kramladen mit einer wesentlich größeren Auswahl auch an günstigerem Souvenirtand. Perfide daran: Wenn man nicht weiß, dass nach dem Edelshop noch der Kramladen kommt, erliegt man natürlich schon im ersten Shop dem Konsumrausch. Oder aber man macht vorher aus, dass nichts, aber auch gar nichts ,gekauft wird und geht zügig an all den Auslagen vorbei. Das ist unbestritten die königlichste Option, gleichwohl nicht immer ganz einfach umzusetzen.  

Im Anschluss an die Führung kann man noch eine interessante Multi-Media-Präsentation ansehen, die die Entstehung von Neuschwanstein und weitere architektonische Visionen Ludwigs zeigt. Oder von einem Balkon aus die Aussicht genießen, noch mehr Fotos machen und sich freuen, dass man nach der Führung durch die stickigen Räume wieder frische Luft atmen darf. Wir haben wirklich einen ganz herrlichen Tag erwischt, können uns gar nicht recht losreißen und sind insgesamt sehr überrascht, wie stressfrei unser Besuch hier abgelaufen ist.

Es wird wohl zum Teil daran gelegen haben, dass wir eine Reservierung für den Vormittag hatten, denn auf dem Abstieg zum Parkplatz durch einen kühlen Laubwald kommen uns die Besucherhorden entgegen. Auf der beschaulichen Zubringerstraße nach Hohenschwangau hat sich seit heute Morgen ein kilometerlanger Rückstau gebildet, weil die Parkplätze voll ausgelastet sind. Wir winken fröhlich und machen uns auf die Fahrt Richtung Allgäu.

Schön war's beim Märchenkönig!


Blick auf Hohenschwangau von Neuschwanstein aus

Website Neuschwanstein
Ticket-Center


Kommentare:

  1. An Sehenswürdigkeiten direkt bei Toresöffnung zu stehen, macht sich immer bezahlt ;-) Du hast mich gerade an meine Kindheit erinnert, damals waren wir tatsächlich dort und haben uns die Schlösser angeschaut. Die hatten mich auch sehr beeindruckt.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Da hast du absolut recht, es beißt sich nur mit meinem Langschläfergen, aber da muss ich halt ab und an über meinen inneren Schweinehund springen :)
      Wie schön, dass ich dich an deine Kindheit erinnern konnte und liebe Grüße,
      Hadassa

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  2. Servus, Hadassa.
    Über die Aussicht auf Touristen, die sich vor, unter, in & neben seinen heiligen Hallen aufbauen, hätte sich der "Kini" damals wohl ausgiebig erschreckt. Vermutlich hätte er sie dennoch hochziehen laßen - die Ebbe in der Staatskasse war ihm ja ähnlich gleichgültig. Wobei ein Traumschloß zu bauen wohl besser bleibt, als jetzt Krieg zu führen.
    Immerhin hat "Seine Bärtigkeit" die Arbeiter anständig behandelt & entlohnt - auch nicht selbstverständlich. Auf die Nerven gegangen ist er seinen Zeitgenossen deswegen nicht weniger. :-)

    Ein Plüschschwan mag da noch die harmloseste Option, unter dem Nippes, gewesen sein. Denke ich. Allerdings ist die Aussicht das spektakulärere Andenken.
    Dein Gatte wird wohl nach wie vor von diesem Fenster & jenem Treppenaufgang schwärmen...

    bonté

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    1. Ich wüsste ja vor allem zu gern (da kommt die Krimileserin in mir durch!), wie genau es sich jetzt mit seinem Ableben verhält. Das ist ja anscheinend bis heute nicht geklärt... Klingt jedenfalls fast so mysteriös wie ein Sherlock Holmes Abenteuer! Der Plüschschwan ist ja auch niedlich und wie gesagt, vom eigenen Taschengeld. Kristallnippes und Einstecktücher mit Königswappen sind da doch wesentlich kitschiger :)

      Und die Aussicht, hach, die Aussicht!

      Viele Grüße,
      Hadassa

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    2. ...könnte jetzt durchweg zu Holmes passen, daß er von Ludwigs langjährigem Leibarzt aufgesucht wird, um das Schicksal "Seiner Majestät" in jener Nacht zu ergründen. Daß der öffentlich Entmündigte den Tod gesucht hat, dürfte allerdings der Wahrheit nahe kommen.

      Ludwigs Leben ist aber auch beispielhaft dafür, wie sich eine (gesellschaftlich bedingte) Verdrängung der Homosexualität auf die Psyche auswirkt. Von der auf Distanz getrimmter Beziehung zu den eigenen Eltern jetzt nicht einmal zu reden(*).

      bonté

      (*) ein dickes Minus von arangierten Ehen!

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