Montag, 18. Juli 2016

S. - eine Schiffsreise für Bibliomanen



"Wie geht es deinem Zauberbuch?" 


fragt mich ein lieber Kollege regelmäßig, denn er hat miterlebt, wie andächtig ich dieses Schätzchen aus seinem Versandkarton hob, irgendwann Anfang Juni. Seither habe ich mich intensiv damit beschäftigt und werde es sicher immer wieder zur Hand nehmen.

S. - Das Schiff des Theseus von J.J. Abrams und Doug Dorst ist nämlich kein gewöhnliches Buch, sondern ein analoges Abenteuerspiel. Erlebnis-Lesen sozusagen.

Nichts ist zufällig an diesem Werk, das in einem soliden Fake-Leineneinband daher kommt. Ein Siegel muss aufgebrochen werden, bevor man es aus dem Schuber nehmen kann, aber unberührt scheint das Buch nicht zu sein: Es wirkt abgegriffen, hat einen Fettfleck und riecht, als hätte es länger in einer muffigen Kiste auf irgendeinem Dachboden gelegen. Schlägt man es auf, fallen einem Zettel, Postkarten, Fotos und Notizen entgegen und die vergilbten Seitenränder sind dicht mit Notizen und Unterstreichungen versehen. Wenn man am Anfang beginnt und versucht, den gedruckten Text, die Einleger und Anmerkungen simultan zu lesen, merkt man schnell, dass sich in den Randnotizen ein Dialog zwischen dem Literaturdoktoranden Eric und der Bachelorstudentin Jen abspielt und dass die beiden versuchen, zwischen den Zeilen das Rätsel um die Identität des Autors zu entschlüsseln, die über ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen des Romans ungeklärt ist.




S. ist kein Buch, das man einfach so von Anfang bis Ende durchliest. Ich habe meine Lesestrategie mehrmals anpassen müssen, bis ich den Dreh für mich raus hatte. Anfangs dachte ich nämlich tatsächlich, ich könnte alles simultan lesen und aufnehmen. Das stellte sich aber schnell als höchst impraktikabel heraus, denn es verwirrte mich heillos.

Der eigentliche Roman "Das Schiff des Theseus" von V.M. Straka ist nämlich schon komplex-surreal genug (stellenweise fühlte ich mich wie bei Kafka, nur gruseliger), wenn man dann noch gleichzeitig Fußnoten und Randnotizen mitlesen und nachvollziehen soll überfordert das schnell. Dazu kommt, dass es mehrere Sets von Randnotizen gibt, die Eric und Jen zeitlich versetzt verfasst, sich dabei aber nicht zwingend an eine strenge Chronologie gehalten haben. Schlussendlich habe ich den Wälzer (bisher) vier Mal durchgearbeitet:


  1. Den Romantext "Das Schiff des Theseus" ohne Randnotizen und Einleger, Fußnoten nur überflogen
  2. Die Randnotizen in Bleistift, blauem Kugelschreiber und schwarzem Fineliner, Fußnoten, passende Einleger
  3. Randnotizen in Gelb und Grün, passende Einleger
  4. Randnotizen in Violett, Rot, Schwarz und schwarz, passende Einleger


Die Einleger habe ich jeweils angeschaut, geprüft, ob sie gerade zum Text passen und dann entweder mitgelesen oder bis zur nächsten Runde beiseite gelegt. Hilfreich war eine Liste, an welche Stelle im Buch die Einleger hingehören, sie sind mir nämlich öfter mal rausgefallen...

Wäre ich ein scharfsinniges Mastermind, hätte ich möglicherweise versucht, die versteckten Codes, die Jen und Eric hauptsächlich in den - auf den ersten Blick unsinnigen - Fußnoten finden, selbst zu entschlüsseln. Stattdessen habe ich mich darauf beschränkt, jedes Mal andächtig "aaaaah" zu machen, wenn die beiden wieder einen geknackt hatten. Am Ende waren einige Rätsel gelöst, viele Fragen blieben aber offen, und noch immer stecken im Bauch des Schiffes (sorry, der musste sein) zahlreiche Codes und Hinweise, die Jen und Eric nicht entdeckt oder entschlüsselt haben, mit denen sich der geneigte Leser weiter beschäftigen darf. Woher ich das weiß? Na, auf einen davon bin ich tatsächlich selbst gestoßen, entschlüsselt habe ich ihn aber (noch) nicht. Hinweise, Lösungen und "Walkthroughs" gibt es auf Fanseiten wie Who is Straka? und Sfiles22 wo zusätzliches Material verlinkt ist, wie ein "original" Tondokument, auf das sich Jen und Eric immer wieder beziehen und "alte" Zeitungsartikel. Man kann sich verlieren, in diesem Werk, und ich kann daher nicht sagen, dass ich wirklich durch bin damit.




Meine Meinung dazu?


Jetzt wird es kompliziert.. Ich liebe die Idee dieses Werkes, das Konzept, die detailversessene Aufmachung, die Haptik und das liebevoll erdachte Zubehör. Der Roman und die Rahmenhandlung um Jen und Eric sind zwar auch interessant, vom Hocker gerissen haben sie mich aber nicht und die Spannung hielt sich über weite Strecken eher in Grenzen. Nun kann man sagen, dass das Tempo zu der langsamen, analogen Kommunikation der beiden passt und dass dem Leser gar nichts anderes übrig bleibt, als sich viele Ereignisse und Spannungsmomente selbst zusammen zu reimen, aber ich hätte mir dennoch mehr roten Faden gewünscht. Stattdessen bleibt ein bisschen Ernüchterung darüber, dass ich wohl selber nachforschen und Theorien aufstellen muss, wenn ich mich nicht mit Jens und Erics Erkenntnissen zufrieden geben will. Aber auch das ist ja irgendwie genial: ein Buch, das der Leser weiterspinnen muss.


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S. ist bereits 2013 von mir unbemerkt in den USA erschienen. Aufmerksam wurde ich auf dieses Zauberbuch erst nach der Veröffentlichung der deutschen Übersetzung im KiWi-Verlag. Die deutsche Ausgabe ist limitiert.


Kommentare:

  1. Das hört sich spannend an... Könnte ich mir im Herbst und Winter vorstellen, da lese ich irgendwie konzentrierter.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  2. Ja, das kann ich mir auch vorstellen. Die Stimmung im Buch ist ja eher düster und ungemütlich :-/

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