Freitag, 1. Juli 2016

[Buch] Halbjahresabschluss - 6 Lesehighlights 2016

Ich habe schon ewig nicht mehr so richtig ein Buch rezensiert, einfach, weil mir meist die Zeit dafür fehlt. Letztes Jahr waren es noch rund 25 Buchbeiträge, dieses Jahr komme ich gerade mal auf vier, wenn man die kurzen Erwähnungen in den Samstagsfragmenten nicht mitzählt. Das ist natürlich sehr, sehr mager, um nicht zu sagen peinlich für eine Bloggerin, die sich explizit als biblioman bezeichnet. Da wird es allerhöchste Zeit, wenigstens meine bisherigen Lesehighlights von 2016 zusammen zu fassen.

Ein bisschen Statistik vorweg: Ich habe mir dieses Jahr vorgenommen, insgesamt 70 Bücher zu lesen und bin mit knapp 35 genau im Zeitplan. 16 Titel stehen für die thematische Reading Challenge noch aus und für die Buchkulturchallenge, die zeitlich allerdings nicht befristet ist, habe ich dieses Jahr schon 5 Bücher der Gegenwart und 4 der Klassik gelesen. Mein Bücherstapel wird trotzdem nicht kleiner, denn dauernd laufen mir neue Titel zu, die ich irgendwann unbedingt lesen will. *seufz*


6 Lesehighlights


"Das Licht der letzten Tage" von Emily St. John Mandel 

(Originaltitel: Station Eleven)

Der literarische Roman über ein post-apokalyptisches Amerika hat mich begeistert und nachhaltig berührt. Ausführlich rezensiert habe ich ihn hier.

"Tausend strahlende Sonnen" von Khaled Hosseini

(Originaltitel: A thousand splendid suns)

Khaled Hosseini hat mich schon mit dem Drachenläufer unheimlich in seinen Bann gezogen. Das Afghanistan, das er beschreibt, bringt einem die Menschen und das Leben dort schmerzhaft nahe, denn man spürt zwischen den Zeilen, wie schwer es ihm fällt, über die Schrecknisse zu berichten, die seinem Heimatland im Laufe der Jahrzehnte widerfahren sind. Während er in seinem Debütroman das Schicksal zweier Jungen verfolgte, stellt er in "Tausend strahlende Sonnen" Frauen in den Mittelpunkt. Dadurch konnte ich mich noch besser in die Charaktere einfühlen, es hat mich emotional aber auch noch mehr aufgerieben und mitgenommen, als der Drachenläufer. Die zentrale Warnung einer Mutter an ihre Tochter
"So wie eine Kompassnadel immer nach Norden zeigt, wird der anklagende Finger eines Mannes immer eine Frau finden."
zieht sich durch den ganzen Roman und zeigt die hässliche Realität einer patriarchalen Gesellschaft, in der Frauen vollständig von Männern und deren Wohlwollen abhängig sind. Schmerzhaft, brutal und deprimierend liest sich "Tausend strahlende Sonnen" zu weiten Teilen, aber der menschliche Überlebenswille und die Schönheit wahrer Freundschaft schimmert immer wieder hindurch und hat mich als Leserin auch durch die furchtbarsten Szenen getragen.

"Das Rosie-Projekt" von Graeme Simsion

(Originaltitel: The Rosie Project)

Lange habe ich mich geziert, dieses vielfach gehypte und hochgelobte Buch in die Hand zu nehmen, bis ich es von einer Freundin quasi aufgedrängt bekam. Es kam, wie es kommen musst: Einmal angelesen, konnte ich es praktisch nicht mehr aus der Hand legen. Die Geschichte des Aspergerautisten Don, der, auf der Suche nach einer perfekt mit seinem doch recht speziellen Lebensstil kompatiblen Frau, zufällig auf die chaotische Rosie trifft und eine aberwitzige Kooperation mit ihr eingeht, ist urkomisch und rührend zugleich. Für mich war der Blick in das Leben eines Menschen aus dem Autismusspektrum sehr augenöffnend dahingehend, wie ungeheuer schwierig es für diese Menschen ist, im sozialen Miteinander zurecht zu kommen. Beziehungsweise wie sehr ich mein Gespür für menschliche Befindlichkeiten und Zwischentöne als Selbstverständlichkeit hinnehme, während jemand wie Don sich ständig vor sozialen Fallstricken in Acht nehmen muss. Absolut lesenswert mit  - Vorsicht Spoiler! -                                Happy End-Garantie

"Der Schieber" von Cay Rademacher

(als Hörbuch)

Ich lese gerne gute Krimis. Am liebsten solche mit interessanten Schauplätzen und Ermittlern, die Ecken und Kanten und dadurch Charakter haben. Cay Rademacher hat mich vor Jahren schon einmal mit "Der Trümmermörder" überzeugt - einem Krimi über eine Serie von Mordfällen im Nachkriegshamburg 1947. In "Der Schieber" ermittelt Oberinspektor Frank Stave erneut, diesmal in einem grausamen Mordfall an einem Teenager, der wohl in Schwarzmarktgeschäfte verwickelt war. Mich fasziniert an dieser Krimiserie das Setting: Cay Rademacher erweckt die deutsche Nachkriegszeit regelrecht zum Leben: Ich sehe beim Lesen die zerstörten Straßen, den Schwarzmarkt und die ständig müden, erschöpften Menschen beinahe vor mir und meine, dadurch ein besseres Bild vom Leben nach dem Krieg zu bekommen, von dem mir meine Großeltern manchmal erzählten. Dazu kommen glaubwürdig herausgearbeitete Charaktere und ein spannender Aufbau. Im Hörbuch gewinnt "Der Schieber" noch durch den herausragenden Vorleser Burghart Klaußner. Mir ist beim Hören nicht mal aufgefallen, dass das Hörbuch gekürzt ist. 

"Gader Haya" von Dorit Rabinyan 

(erscheint im August unter dem Titel "Wir sehen uns am Meer" im KiWi-Verlag)

Die "Romeo und Julia"-Geschichte um einen Palästinenser und eine israelische Jüdin war Anfang des Jahres nicht nur in Israel in den Schlagzeilen, weil das Erziehungsministerium sie mit fadenscheinigen Begründungen aus der Lektüreliste der Oberstufe nahm. Da musste ich das ja lesen und wurde sehr berührt. Ausführlich besprochen habe ich den preisgekrönten Roman hier.

"Soldier" von Julie Kagawa 

(Drachenherz Teil 3, auf Deutsch noch nicht erschienen)

Ich mochte Märchen schon immer. Die Grimms waren eine feste Größe meiner Kindheit und vor einiger Zeit habe ich mir ein eigenes Grimms-Märchenbuch angeschafft, denn ich finde, es gehört in jeden Haushalt.

Julie Kagawa schreibt auch Märchen, beziehungsweise Urban Fantasy. Eigentlich für Teenies und Jugendliche, aber ich lese sie für mein Leben gern. Über ihre Feen und Vampire habe ich hier recht ausgiebig gebloggt, ihre neue Serie "Talon" kam bisher ein wenig zu kurz, dabei ist auch ihr Drachenmärchen sehr lesenswert. Der Hintergrund: Drachen in Menschengestalt unterwandern unsere Gesellschaft und verfolgen den perfiden Plan, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Unerbittlich verfolgt und bekämpft werden sie nur vom Orden des Heiligen Georg, der mit erstklassig ausgebildeten Soldaten Jagd auf die Reptilien macht. Es kommt, wie es kommen muss: Ein Soldat des Ordens und ein Drachenmädchen verlieben sich und stellen alles in Frage, was sie ihr Leben lang geglaubt haben. 

Den dritten Band der Reihe "Soldier" habe ich direkt nach Erscheinen fast fiebrig verschlungen und kann nicht richtig erklären, warum diese Geschichte, die literarisch ganz sicher nicht wertvoll ist, so eine Sogwirkung auf mich hat. Julie Kagawa kann scheinbar einfach gut erzählen, mit einem "Nachteil": Ihre Cliffhanger sind extrem fies, vor allem, wenn man weiß, dass man mindestens ein Jahr auf die Fortsetzung warten muss. 






Auch überaus lesenswert... 


"Geschenkt" von Daniel Glattauer 


Von Daniel Glattauer habe ich letztes Jahr beinahe manisch "Gut gegen Nordwind" und "Alle sieben Wellen" mehr oder minder in einem Rutsch durchgehört. "Geschenkt" - die unglaubliche Geschichte eines erfolglosen Journalisten, der durch eine anonyme Spendenserie ungewollt ins Rampenlicht rückt und dabei sogar den Respekt seines pubertierenden Sohnes gewinnen kann, fand ich ebenfalls sehr unterhaltsam. Ich habe mich jedenfalls köstlich amüsiert, denke aber, dass man den speziellen Humor, die Wortspielchen und Kalauer mögen muss, sonst kann es leicht nervig werden.

"Die Analphabetin die rechnen konnte" von Jonas Jonasson 

(als Hörbuch)

Aberwitzig komisch und mit Katharina Thalbachs trocken-lakonischer Lesestimme genial besetzt. Mich hat es noch besser unterhalten, als "der Hundertjährige", obwohl es manche Länge hat. Ich vermute, dass dieses Werk in der gekürzten Version an Schwung und Tempo gewinnt und könnte mir vorstellen, dass ich bei der Originalversion ab und an quergelesen hätte, um voran zu kommen. Trotzdem unbedingt empfehlenswert für alle die den "Hundertjährigen" auch mochten.

"Die Herrlichkeit des Lebens" von Michael Kumpfmüller 


Franz Kafkas letztes Jahr - einfühlsam und vorstellbar rekonstruiert. So könnte es wirklich gewesen sein, ein schreckliches und zugleich herrliches Jahr, denn der damals weitgehend unbekannte Autor hatte endlich die große Liebe gefunden. Mir hat diese ruhige Erzählung Kafka überhaupt zum ersten Mal etwas näher gebracht, denn ich wusste über seine Person und sein Leben bisher so gut wie nichts.


"Nachtzug nach Lissabon" von Pascal Mercier


Das Leben eines Altphilologen, der in Bern als ein von Kollegium und Schülern geschätzter Lehrer tätig ist, gerät durch eine Zufallsbegegnung aus den Fugen. Er lässt alles hinter sich und bricht nach Lissabon auf, wo er den Spuren eines unbekannten Schriftstellers folgt, dessen philosophische Gedanken ihn aufwühlen und dazu bringen, immer tiefer in dessen Umfeld und Vergangenheit einzutauchen. Das Tempo dieses Romans ist wechselhaft: Mal wollte ich unbedingt ganz schnell wissen, was hinter der nächsten Wegbiegung auf Merciers gutmütigen Helden wartet, mal musste ich mir Zeit lassen, einer der philosophischen Ideen zu folgen - der Nachtzug braucht Muße, man kann ihn nicht zwischendurch lesen und man muss bereit sein, sich darauf einzulassen. Für mich hat dafür wohl gerade alles gepasst, denn ich habe diesen Roman wirklich gemocht.


***


So, das war jetzt gar nicht sooooo schwer. Ich sollte wirklich wieder öfter was über Bücher schreiben. Habt ihr einen oder mehrere der Titel gelesen? Wenn ja, wie war euer Eindruck?


Kommentare:

  1. Hach, ich liebe deine Buchrezensionen. Selbst lese ich zwar sehr viel, und so gerne, dass ich die Zeit lieber lesend verbringe, und dann nichts drüber schreibe. Von deinen vorgestellten Büchern kenne ich wenige: Tausend strahlende Sonnen, Die Analphabetin, die rechnen konnte (schon etwas langatmig, aber hören passiert langsamer als lesen, also spielt das für mich keine Rolle) und das Rosie Projekt (ich hab mich so amüsiert - und nebenbei erkannt, dass einer meiner Schüler ev. Aspergerautist sein könnte. Echt jetzt. Elterngespräche positivst geführt und es nützt dem Jungen echt was, dass ich dieses unterhaltende Buch gelesen habe). Danke für den Tipp mit "Schieber". Ich fand den Trümmermörder auch so toll! Die anderen Titel seh ich mir auch an.
    glg
    Petra

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    1. Das freut mich sehr Petra, vor allem für deinen Schüler - ein unerwarteter aber guter Nebeneffekt des Bücherlesens, da soll noch mal einer sagen, Lesen ist nur ein Hobby :D

      Einen schönen Sonntag dir noch,
      Hadassa

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