Freitag, 10. Juni 2016

Manchmal habe ich es echt satt...

Erst vor ein paar Tagen habe ich mich hier lang und breit darüber ausgelassen, warum ich hier lebe und warum ich hier gerne lebe. Dass man unheimlich schnell lernt, um den Konflikt und seine Risiken herum zu leben und sich nicht davon beeindrucken zu lassen. Aber manchmal da habe ich es wirklich satt. Heute habe ich es satt. Ich habe es satt, dass ich den furchtbaren Terroranschlag mitten in Tel Aviv, in der derzeit wohl angesagtesten Meile Israels - dem hippen Sarona Markt - zwar betroffen zur Kenntnis genommen, aber bis zum Morgen schon wieder in einer hinteren Ecke meines Bewusstseins verstaut hatte. 

Vier Menschen sind bei dem kaltblütigen Anschlag ums Leben gekommen, 16 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Ein Professor der Ben Gurion Universität, ein Familienvater, der mit Frau und Kindern zum Abendessen in Sarona war, eine 32-jährige, die auf ihren Verlobten wartete, und eine Mutter von vier Kindern, die mit Freunden ihren Geburtstag feierte. Es ist schrecklich, wenn man sich vorstellt, wie grausam diese vier mitten aus ihrem Alltag gerissen wurden und wie das Leben für ihre Hinterbliebenen nun weitergehen muss. Und man muss den Gedanken aushalten, dass so etwas in Israel jeden treffen kann, so lange wir Menschen keinen anderen Weg finden


Sarona, Tel Aviv (Foto: Schwiegervater)

Aber man ist so schnell dabei, zu verdrängen. Auf dem Weg zur Arbeit gestern, weil mein Bus unmittelbar an Sarona vorbei fährt, habe ich noch mal kurz daran gedacht, danach ging ich zur Tagesordnung über. Wie die allermeisten Israelis. Ein Schutzmechanismus, klar, aber auch ein Zeichen dafür, wie die Gesellschaft zunehmend abstumpft und hinnimmt, dass es keinen Ausweg aus dieser unendlichen Spirale der Gewalt gibt. Resignation darüber, dass der Konflikt seit Jahrzehnten besteht - unlösbar, ohne Perspektive für eine bessere Zukunft. 

Und das habe ich so satt. 

Ich habe es satt, wenn man mir erklärt, dass man als Israeli einfach so wird, werden muss, wenn man sein ganzes Leben hier verbracht hat. Dass ich das nicht verstehen kann, weil ich hier nicht aufgewachsen bin. 

Ich habe es satt zu hören, dass die Attentäter vom Mittwoch mancherorts als Helden gefeiert und von der PA ab jetzt ein monatliches Gehalt für ihre Taten beziehen werden, so wie ich es satt habe zu hören, dass man Terroristen niemals festnehmen oder gar in einem israelischen Krankenhaus behandeln, sondern gleich an Ort und Stelle erschießen sollte. 

Ich habe es satt zu hören, dass es vollkommen legitim, logisch und sogar notwendig ist, als Reaktion auf den Anschlag die Häuser der Familien der Attentäter zu zerstören und über 80.000 Palästinensern ihre besonderen Reisegenehmigungen für den Ramadan zu entziehen. Kollektive Rache, die Feindbilder zementiert und garantiert nicht dafür sorgen wird, dass das Leben in Israel sicherer wird. Ich will nicht, dass in Ramallah eine Mutter ihren Kindern erklären muss, warum sie von heute auf morgen nicht zu den Cousins nach Jerusalem fahren können. Oder nach Jaffa ans Meer, vielleicht zum ersten Mal überhaupt.

Ich will auch meinem Mädchen nicht erklären müssen, was in Tel Aviv passiert ist - denn wie kann man das "richtig" erklären? Wie ein Kind beruhigen, wenn es realisiert, dass die Welt draußen gefährlich ist, dass Bushaltestellen und Cafés gefährlich sein können? 

Und ich habe es satt und bin furchtbar wütend auf mich selbst, dass ich dieser Tage im Bus jeden zusteigenden Araber von oben nach unten "scanne" und mit Gewalt die fiese Stimme im Ohr unterdrücken muss, die mir sagt "was wäre, wenn das jetzt ein Terrorist wäre?" Oder dass ich mich frage, worüber sich der arabisch sprechende Busfahrer wohl am Telefon unterhält, während ich mich in normalen Zeiten einfach freue, die Sprache zu hören und ab und an etwas aufschnappen zu können. 

Ich habe es so satt. 
  

Kommentare:

  1. ein schöner ehrlicher traurig machende text...schade, dass wir menschen es nicht hinbekommen :(

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Absolut. Das macht mich sehr niedergeschlagen, wann immer ich drüber nachdenke :(

      Löschen
  2. Starke Worte hast du da gefunden.
    Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sein muss, so nah bei einem Ort zu wohnen, an dem ein Anschlag geschehen ist. Klar, dass viele da eher abstumpfen, statt sich nicht mehr in die Nähe großer Menschenmengen zu trauen, weil sie denken, ihnen könnte jeden Tag das gleiche passieren.
    Ich habe solche Gedanken auch nach den Anschlägen in Paris und Brüssel, aber ich wollte und konnte mich nicht davon abhalten lassen, weiterhin durch Berlin zu spazieren und mein Leben zu leben. Auch wenn ich natürlich darüber nachgedacht habe, dass Berlin vielleicht auch eines Tages ein Anschlagsziel sein könnte.

    Ich stimme dir zu: Es ist generell traurig, dass Menschen gegenüber solcher Gewaltakte so abgestumpft werden. Vor allem hier in Europa gegenüber den Anschlägen im nahen Osten. Diesen Eindruck habe ich zumindest. Anschläge in Europa wühlen Europäer mehr auf als Anschläge in Afrika oder dem nahen Osten, weil automatisch jeder Angst um seine eigene Haut bekommt und man sich vorher ja so sicher war, dass "so etwas hier nicht passiert". Das macht mich wütend, auch auf mich selbst, aber gleichzeitig würde es so viel Kraft kosten, um all die Menschen zu weinen, die es verdient hätten.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Zum einen das, aber mich drückt auch nieder, dass mam als Mensch dazu tendiert durch die eigene Resignation passiv zu werden und sich zunehmend damit abzufinden, dass es eh keine Hoffnung, keinen anderen Weg gibt. Ich nehme das im Hinblick auf den Konflikt hier bei ganz vielen so wahr und es führt dazu, dass die 'normalen' Menschen das Thema abhaken und als gegeben hinnehmen, während der Extremismus weiter zunimmt.

      Seufz.

      Danke für deine Gedanken dazu,
      Hadassa

      Löschen