Freitag, 20. Mai 2016

Israel und der ESC - mit richtig viel Musik drin :)

Fragt man Israelis, die bereits in den 1970er und 80er Jahren hier gelebt haben, was sie vom ESC halten, bekommen diese häufig ein bisschen feuchte Augen. Hach ja, heißt es dann, damals sei Israel ja noch eine richtige Größe gewesen bei diesem Wettbewerb. Damals, als Israel noch ein Jahr nach dem anderen den ESC gewonnen hat... Das waren noch Zeiten!

Israel hat was?


Ja, es stimmt tatsächlich, ich habe das in den letzten Tagen mal alles ein bisschen ausführlicher "recherchiert", oder wie man das heutzutage sonst nennt, wenn man sich zu nachtschlafender Zeit im Internet vom Hundertsten ins Tausendste klickt. Dabei hatte ich wiederholt einen "das kenn ich doch!"-Moment, denn es stellt sich heraus, dass alle israelischen Beiträge bekannte Hits sind, die bis heute gern im Radio, auf Festen und Schulzeremonien gespielt werden. Ich lasse euch mal an meinen Erkenntnissen teilhaben, dann kommt wenigstens was produktives dabei rum. 

Seit wann und warum eigentlich?


Der ESC hat in Israel eine jahrzehntelange Tradition. Seit 1973 sind israelische Musiker regelmäßig am Start, obwohl es in den letzten Jahren nicht immer bis zum Finale reicht. Teilnehmen darf Israel, das ja weder geographisch noch politisch zu Europa gehört, weil die israelische Rundfunkanstalt (IBA) Mitglied der Europäischen Rundfunkunion ist, die den ESC ausrichtet.

Als erste Israelin ging 1973 Ilanit an den Start und wurde mit ihrem Lied Ey-Sham ("Irgendwo") aus dem Stand Vierte. Das Orchester dirigierte die Komponistin des Liedes, Nurit Hirsch, als zweite Frau in der Geschichte des ESC überhaupt. Nurit Hirsch komponierte dieses und einige weitere Lieder für den ESC und trat mehrfach als Dirigentin auf.





In den Jahren darauf schnitt Israel eher mittelmäßig ab, mit nur zwei weiteren Platzierungen in den Top 10 - was hat es also mit der begeisterten Nostalgie mancher Israelis auf sich?


Die goldenen Jahre


1978 begannen die großen Jahre für Israel beim ESC mit Izhar Cohens Siegerlied A-Ba-Ni-Bi. Ein Ausschnitt aus der ORF- Übertragung von damals liefert eine Erklärung für den - auf den ersten Blick - unsinnigen Titel und ist auch sonst ein echtes Juwel der 1970er Jahre :)



1979 wurde der Contest beim Titelverteidiger hier in Jerusalem ausgetragen und Israel gewann direkt ein zweites Mal: Gali Atari und ihre Band Milk & Honey begeisterten Europa mit "Hallelujah", einem Lied, das auf eine unaufdringliche Art musikalisch so wundervoll ist, dass mein Gatte nie müde wird, es zu hören. (Weswegen er auch im Moment nicht wie sonst manchmal stöhnend in einer Ecke sitzt, weil er meine Blogrecherchemusik nicht mehr hören kann.) Auf dem Video sieht man zudem sehr schön, dass die landestypischen Einspieler zwischen den Auftritten schon immer irgend etwas zwischen kurios, sinnlos und charmant waren:



Ein zweites Mal konnte sich Israel die Austragung in so kurzem Abstand nicht leisten, weswegen 1980 der ESC relativ kurzfristig in Den Haag ausgerichtet werden musste und dann gleich ganz ohne Israel, denn das Datum kollidierte mit dem Gefallenengedenktag.

Nach einem ordentlichen siebten Platz wurden Avi Toledano ("Hora") und Ofra Haza ("Hi") 1982 und 1983 jeweils Zweite. Ofra Haza gelang nach diesem Auftritt der internationale Durchbruch mit ihrem Lied und man möchte sich noch heute schwarzärgern, dass sie den Titel am Ende nicht holen konnte - 7 Punkte hätten gefehlt - sieben!

Große Momente ab 1990


Nachdem die späten 1980er eher mäßig für Israel gelaufen waren, konnte 1991 das Duo Datz mit "Kan" ("Hier") in Rom an den früheren Erfolgen kratzen und landete auf einem respektablen 3. Platz bei 22 teilnehmenden Ländern. Als ich dieses Lied gerade anspielte, hatte ich wieder so einen Moment, denn ausgerechnet heute hat die Klasse des Mädchens auf dem Schulfest einen Tanz mit dieser Hintergrundmusik aufgeführt. Dauerhafte Hits, die israelischen ESC-Lieder, ich sagte es ja bereits. Dass Moshe Datz schon einmal beim ESC war, hätte ich nie gedacht, denn ich kenne ihn nur als Entertainer auf Kinderfesten, bei denen er mit dem Schaf Shoshana auftritt. (Hier zum Beispiel im Fernsehen mit seinem ESC-Hit....)

Erster wurde Israel nur noch ein einziges Mal, als 1998 Dana International mit "Diva" in Birmingham den Titel holte. 2011 trat sie noch einmal an, konnte sich aber leider nicht für das Finale qualifizieren. Zum 60. Jubiläum des ESC performte sie 2015 ihren Siegersong noch einmal als Ehrengast für die BBC. Noch glamoröser.





Der ESC und ich 


Ich verfolge den ESC erst seit ich in Israel lebe einigermaßen regelmäßig. Ok, Guildo Horn und Stefan Raab habe ich auch gesehen, aber abgesehen von diesen Spaßauftritten hatte die Show für mich immer eher ein angestaubtes Oma-Image, weswegen ich sehr erstaunt war, als mich Israelis meines Alters aufklärten, was das hier für einen Stellenwert hat*.

An den letzten großen israelischen Erfolg 2005 erinnere ich mich noch sehr deutlich und er macht mir heute noch Gänsehaut, so mächtig sang uns Shiri Maimon seinerzeit mit "HaSheket sheNishar" ("Die Stille, die bleibt") auf Platz 4. Seitdem ist der Contest zunehmend unübersichtlicher und undurchsichtiger geworden, und es lässt sich wohl nicht leugnen, dass Israel bei den Zuschauervotings aus politischen Gründen ziemlich abgestraft wird, denn einige Lieder der letzten Jahre hätten musikalisch gesehen besser abschneiden müssen. Besonders enttäuscht war ich 2009 über den 16. Platz von Noa und Mira Awad, die einen leidenschaftlichen Appell für den Frieden in Hebräisch, Arabisch und Englisch vortrugen: "There must be another way". 

Danach gab es noch einen 14. Platz und dann erstmal vier Jahre nichts, weil es kein Israeli bis ins Finale schaffte.

2015 konnte sich der 16-jährige Nadav Guedj mit "Golden Boy" qualifizieren und schaffte es sogar in die Top 10. In Israel wurde der coole Partysong sofort zum Hit und im Radio rauf- und runter gespielt. Man kann ihn aber auch super mitsingen :)


Und dieses Jahr?


Letzten Samstag war ich ziemlich zuversichtlich, dass "unser" Beitrag wieder ordentliche Chancen hat, denn Hovi Star trat stimmgewaltig mit einer eingängigen Powerballade auf, die für den ESC wie gemacht schien. Die deutschen Juroren sahen das auch so und bewerteten "Made of Stars" mit 12 Punkten. (Damit hat sich Deutschland in Israel 12 richtig fette Sympathiepunkte gesichert, übrigens!). Die Zuschauerwertung drückte ihn anschließend leider wieder ins untere Mittelfeld.





Ich habe mir ja geschworen, dass nächstes Jahr nicht mehr Eurovision geschaut wird. Oder wenigstens nicht bis zum bitteren Ende. Das ist immer so frustrierend und zieht sich so ewig lange in die Nacht. Mal sehen, wie ich 2017 dazu stehe, am Ende hocke ich doch wieder vor der Kiste und fiebere mit :)


Wie ist das bei euch? Seht ihr den ESC? Kennt ihr ihn womöglich noch von früher? War damals alles besser? Und warum kriegt Deutschland eigentlich nichts mehr gebacken in Sachen Eurovision?

Sagt mal....




* Über 10 Jahre später hat sich das ein bisschen geändert, weil Israel es in den letzten Jahren einfach nicht mehr richtig reißen kann. Aber viele schalten trotzdem immer wieder ein und sei es nur, um sich hinterher zu ärgern (so wie ich).

Kommentare:

  1. Die Beiträge aus den 70igern kenne ich noch, da habe ich wohl als Kind mit den Eltern vor dem Fernseher die Sendung mit verfolgt. Danach hat der Songcontest mich nicht mehr so interessiert. Je größer die Teilnehmerzahl wurde, desto schlimmer fand ich ihn. Wenn mal Songs (anderer Länder)gefielen, konnte ich mir sicher sein, dass sie nicht gewinnen. (z.B. 2013 Anouk: "Birds").
    Dieses Jahr mochte ich den deutschen Beitrag, na klar...
    Lustig, dass ich die Songs aus den 70igern wieder erkannt habe. Ist das jetzt das Zeichen, dass ich alt werde?
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Nein, nein! Das ist ein Zeichen, dass früher alles besser war! ;) Meine Eltern haben früher auch den 'Grand Prix d'Eurovision de la Chanson' wie er damals noch hieß auch regelmäßig gesehen. Irgendwann hat sich das dann geändert.

      Liebe Grüße,
      Hadassa

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  2. Ich komme aus keinem ESC-Haushalt, sehe mir das aber seit ein/zwei Jahren doch an. Lass mich überlegen, wieso eigentlich....ich glaube, weil es völlig absurd ist, politisch motiviert erscheint und ich mir manchmal danke: Noch nen Schnaps für mich, bitte, das ist die größte Musikshow unserer Zeit, der Gipfel der Zivilisation, bitte noch nen Schnaps für mich.

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    1. Haha! Ja, das trifft es ganz gut :) Ich lag mit dem iPad und 'ner Buddel Bier im Federbett :)

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