Freitag, 27. Mai 2016

11 Fragen an Auswanderer - 11 Questions for Expats

Arad, Negev Desert, Israel

Ich habe ein Stöckchen von Karen aus Turku aufgesammelt - 11 Fragen an ausgewanderte Blogger, da muss ich ja mitmachen!

[e] As some people (you know who you are) have expressed a desire to get more English content on my blog and this article is kind of asking for a multi-language version, I've answered the questions in English as well as German. For everyone's enjoyment, or so I hope :) 


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Warum bist du in dem Land, in dem du gerade bist?

Das war eine krasse, aber durchaus bewusste Entscheidung: Ich wollte in Israel leben. Schon bei meinem ersten Besuch hier, hatte ich dieses eindeutige Gefühl, im "richtigen" Land zu sein. Ein Gefühl, dass während meiner ersten Monate im Land und im Ulpan stärker geworden ist. Als später der Gatte auftauchte, war das für mich eine Bestätigung, dass ich hier getrost Wurzeln schlagen kann.

[e] How did you end up in the country you're living in right now?

It was a daring but very conscious decision: I wanted to live in Israel. Even during my first visit I had a strong sense of belonging which became more apparent through my first years in the land and in Ulpan (Hebrew language program). When my husband entered the stage it was just another confirmation to make my permanent home here.


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Kannst du dir vorstellen wieder in dein Heimatland zurückzukehren?

Grundsätzlich ja, wenn die Umstände es erfordern würden. Ich glaube aber, dass es mir gar nicht leicht fallen würde, mich in Deutschland wieder so einzugliedern, dass ich mich richtig wohlfühlen würde. Die Direktheit der Menschen, die flachen Hierarchien in Betrieben, die vielen Sonnentage, das Essen - das alles würde mir sehr fehlen. Ich bin einfach nicht mehr 100% Deutsche, so wie ich nie 100% Israelin sein werde, ein Los, das alle Expats teilen. Von meiner Familie, meiner Tochter, die keine andere Heimat kennt, ganz zu schweigen.


Alpenveilchen im Frühjahr / Cyclamen in the spring

[e] Can you imagine to go back to your home country? 

Yes, theoretically, if I had to. I think however, that adjusting back to the German way of life wouldn't be easy as I've come to appreciate the Israeli straightforwardness, the informal less-hierarchy work culture, the many sunny days, the food - a lot! I just am not 100% German anymore as I won't ever be 100% Israeli, something every expat has to deal with I guess. Not to mention my family, especially my daughter who was born and raised here. 

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Welches Ziel verfolgst du mit deinem Blog?

Bloggen ist für mich ein tolles Mittel, meinen Alltag zu sortieren und in irgendeiner Form festzuhalten. Ich blogge in diesem Format jetzt seit 2012 und merke, dass ich mich oft und gerne ins Archiv klicke und mich freue, wenn ich mich dadurch an besondere oder weniger besondere Dinge unseres Lebens erinnern kann. Familie und Freunde in der Ferne lesen gerne mit, was hier so los ist und sind dadurch immer einigermaßen auf dem Laufenden.

Darüberhinaus verfolge ich ganz klar das Ziel, das "normale" israelische Leben abzubilden und der deutschsprachigen Welt ein wenig zugänglicher zu machen.

[e] What's the purpose of your blog? 

A blog is great for sorting and documenting all the little things that happen in life. I've been blogging on this blog since 2012 and browsing through the archive always brings back fond memories from years past. Family and friends that are not living close by appreciate it as a means to stay in touch with our lives and stay up to date. 

Apart from that I'm also blogging to open a window into Israeli life and show the world that in spite of the conflict most people here are mainly just leading very "normal" suburban lives. 


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Welche Dinge über dein neues Land verstehen Deutsche irgendwie immer falsch?

Ich bin immer wieder sehr erstaunt, wie hartnäckig sich die Vorstellung hält, dass man in Israel ständig um sein Leben bangen muss. Viele Leute mit denen ich spreche, könnten sich nicht vorstellen, hier Urlaub zu machen (auf keinen Fall mit Kindern) und fragen mich, wie ich mit dem Sicherheitsrisiko umgehe. Nun muss man dazu natürlich sagen, dass man in dieser Hinsicht mit der Zeit zwangsläufig ein bisschen abstumpft, wenn man in Israel lebt, aber ich habe auch in meiner Anfangszeit hier schnell gemerkt, dass sich der Konflikt im Alltag gut ausblenden lässt und man sozusagen "daran vorbei" leben kann. Ziemlich gut sogar. Schwierigkeiten haben viele Deutsche und andere Nicht-Israelis auch damit, dass wir in Israel nicht einfach Frieden mit den Palästinensern machen. Dazu kann ich nur sagen: It's complicated. So sehr es mich frustriert.

[e] What do people always get wrong about your country?

It always surprises me that in the minds of people that have never been to Israel, you are constantly risking your life in this country. I keep hearing how people cannot imagine to travel to Israel (never with kids anyway!), and then ask me how I cope with the security risk. Well, over time you do develop (if you like it or not) sort of a "so what?"-mentality living here, but even during my first year in Israel I realised how easy it really is to push the conflict aside and just arrange your life around it. Works great for most Israelis. The other thing a lot of Germans and other non-Israelis cannot seem to understand is why we don't simply make peace with the Palestinians. To which I can only say: It's complicated. Even though it frustrates me no end. 


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Was sind drei Orte in deinem Land, an die du Touristen mitnehmen würdest? 

Tel Aviv - Der Carmel Markt ist definitiv einen ausgiebigen Besuch wert. Und Florentin, das alternative In-Viertel der Stadt, das sich sehr gemausert hat, seit wir dort wohnten. Eine Graffiti-Tour, zum Beispiel mit Guy Sharett, lohnt sich hier sehr. Danach an den Strand. Oder zum Abendspaziergang nach Jaffa. Ist ja alles in der Nähe.

Ein Gedi - Übernachten im Kibbutz-Hotel mit botanischem Garten, Wasserfälle im nahe gelegenen Naturpark und ein schönes Strandbad am Toten Meer ist gleich gegenüber. Einer meiner liebsten Orte in Israel, seit ich das erste Mal hier war.

Jerusalem - Spazieren auf der alten Stadtmauer bis zur Westmauer und danach ab in die Altstadt in den bunten Basar. Zwischendurch Falafel oder Hummus essen.


Graffiti in Florentin, Tel Aviv

[e] Name three sites you would go visit with tourists in your country

Tel Aviv - The Carmel Market definitely deserves a visit. And Florentin, the hip alternative neighbourhood that has improved greatly since we moved away years ago. A guided graffiti tour with Guy Sharett is highly recommended, then go to the beach. Or take a walk in Old Jaffa, everything is just around the corner here. 

Ein Gedi - Stay the night in the Kibbutz Hotel with their beautiful botanical garden. Go waterfall hiking in the nature reserve next door and visit the Dead Sea Spa and Beach which is just across the road. One of my most favourite places in Israel. 

Jerusalem - Do the Ramparts Walk starting from Jaffa Gate all the way to the Western Wall where you can admire the most holy site of Judaism and get a good view of the Dome of the Rock. Then get lost in the hustle and bustle of the vibrant and colourful Old City bazaar.  

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Auf was in deinem neuen Land könntest du gar nicht mehr verzichten? 

Den ganzjährigen Sonnenschein.


Tel Aviver Hafen im Dezember / Tel Aviv Harbour in December

[e] Is there anything you couldn't do without if you had to move elsewhere? 

Sunshine all year long. 


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Was kochst du zuhause? 

Was mir gerade in den Sinn kommt und wofür ich Zutaten im Haus habe. Ich koche spontan, wenig nach Plan und saisonal mit Bio-Gemüse frisch vom Bauern. Gerichte, die ich noch aus der Kindheit kenne (Kartoffel-Gratin, Nudeln mit Soße, Pizza), aber auch vieles, was ich erst hier richtig kennengelernt habe, wie Couscous, Ptitim oder ganzes Huhn. Ich würde sagen, dass ich überwiegend "westlich" koche, aber ich kann auch jemenitisches "S'chug" und Hummus.

[e] How do you cook at home? 

As the mood strikes depending on the ingredients I have on hand. I cook spontaneously without pre-meditated meal-plans using fresh seasonal produce from our organic farmer. Sometimes meals I know from my own childhood (potato gratin, pasta, pizza) but also food I've only come to appreciate here like couscous, 'ptitim' and whole chicken. I'd say my cooking style is mainly Western but I can also whip up yemenite "S'chug" and Hummus. 

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Was war für dich der schwierigste Teil der Auswanderung? 

Die Bürokratie rund um die Einbürgerung. Und zu akzeptieren, dass in Israel das Familienverständnis ein ganz anderes ist, als in Deutschland. Nicht besser oder schlechter, aber sehr anders. Das gab am Anfang unserer Beziehung ziemliche Reibungspunkte, heute ist es ein bisschen entspannter.

Dass es nicht immer ganz einfach ist, so weit weg von seiner Herkunftsfamilie zu sein, habe ich erst richtig gemerkt, als ich das erste Enkelkind für meine Eltern auf die Welt brachte. Aber wir sehen sie ja zum Glück sehr oft. Gut, dass Israel nicht in Südamerika ist oder so.


Mandelblüte / Almond Blossom

[e] Which part of your expatriation did you find especially difficult? 

The bureaucracy around my application for residency and later citizenship. While I'm sure it's very similar in different countries, it's an ordeal I wouldn't wish on anyone. Also, the sense of family is very different than in Germany. Not better or worse, just very different, which lead to quite a bit of friction in the beginning of our journey together. 

I only came to realise how difficult it really is to be far away from home, when I gave my parents their first grandchild. I would've loved to have them closer to us during the early years, but we do see them a lot - thank God, Israel is not in South America or the Far East.    


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Was würdest du Leuten, die in dein Land auswandern wollen, sagen? 

Überlegt es euch gut. Planlos nach Israel zu stolpern, geht ganz oft schief, bei mir ist es zum Glück glimpflich ausgegangen, aber easy war es nicht. Die Lebenshaltungskosten sind horrend, was einem erst mit der Zeit so richtig klar wird, wenn man nicht mehr ganz jung und blauäugig ist. Oder wie ein alter Spruch besagt:
Wie kann man in Israel ein kleines Vermögen machen?
Indem man mit einem großen Vermögen einwandert. 
Oh, und auch das: Zieht auf keinen Fall nach Israel, weil ihr euch durch euren israelischen Freund unter Druck gesetzt fühlt. Wenn man sich im Ausland, womöglich im Urlaub, kennenlernt ist immer alles schnuckelig-romantisch und die Idee, gemeinsam in Israel zu leben, klingt ganz großartig. Ich habe leider genug traurige Geschichten gehört, um euch versichern zu können: Kommt nur, wenn ihr euch 1000%ig sicher seid, dass Israel das Richtig für EUCH ist, nicht (nur) für euren Partner.



[e] What advice would you give to people that are planning to immigrate to your country? 

That they should think it through very well before making any decisions. Stumbling into Israel with no real plan usually doesn't end well and even if my story worked out okay it hasn't been easy. The cost of living is extremely high in Israel which you don't realise in the beginning when you're young and think you can take on the whole world. Or to say it with an old joke:
How to make a small fortune in Israel?
By immigrating with a big fortune. 
Oh and one more: Never come because you feel pressured by an Israeli boyfriend you met abroad when everything was lovey-dovey and the idea to live together in Israel seemed like a dream come true. I've seen enough sad stories over the years, believe me: You want to be 1000% sure that moving to Israel is the right thing for YOU and not only for your spouse. 

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Ohne welches Essen könntest du gar nicht mehr leben? 

Falafel. Hummus. Richtig guter Cappuccino.


Hummus

[e] Which food you couldn't survive without anymore? 

Falafel. Hummus. Cappuccino, the real, good kind. 

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Was ist das Beste daran zu wohnen, wo du wohnst? 

Die Menschen. Israelisches Frühstück. Das Wetter.

Und dass man theoretisch morgens den Sonnenaufgang in Massada beobachten, dann schnell ein Selfie im Toten Meer machen, mittags die Altstadt in Jerusalem erkunden und später den Tag am Strand in Tel Aviv ausklingen lassen kann, weil alles in Israel so nah beieinander ist.

[e] What's the best part of living in your country?

The people. Israeli Breakfast. The Weather. 

And the fact that you can watch the sunrise in Massada, take a selfie in the Dead Sea, explore the Old City of Jerusalem and chill into the sunset on the beach in Tel Aviv - all in one day. 



Ein Gedi, Dead Sea

Ich lasse das Stöckchen mal hier, vielleicht mag ja noch jemand das Thema aufgreifen.

[e] Fellow expats, please feel free to grab the questions and answer them on your blog as well. 


Kommentare:

  1. Das sind wirklich spannende Einblicke. Ich hab auch gleich mal bei Karen geschaut. Ich hab mal die Fragen Richtung Vermont geschickt, vielleicht kommt von dort auch mal ein Beitrag.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Super! Ich habe auch gleich an Liv gedacht :)

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  2. Mir zerbricht mein Herz in tausend Teile vor Sehnsucht nach Israel, vor allem nach Tel Aviv, wenn ich das hier so lese. Ich war in den letzten 1,5 Jahren, vor allem wegen der Liebe (zuerst zu einem Mann, dann auch zu dem Land selbst), 8 mal in Israel, das letzte mal ist gerade 3 Wochen her, wobei es mir wie eine halbe Ewigkeit vorkommt. Ich kann mich immer gar nicht entscheiden, ob ich Texte, Bücher und Bilder aus Israel meiden soll um meiner Sehnsucht nicht noch mehr Futter zu geben, oder ob ich mich dem besonders hingeben soll, um wenigstens gedanklich dort zu sein.
    Ich hab deinen Blog ganz zufällig gefunden; ich habe deine Rezension zu Sayed Kashuas "Dancing Arabs" bei Good Reads gelesen und hab auf deinem Profil dort deinen Blog gesehen und erfreue mich nun sehr an deinen Einträgen. Damit habe ich die Entscheidung, Israel Berichte zu meiden oder zu suchen, wohl getroffen ;) Beste Grüße aus dem kalten, regnerischen Hamburg.

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    1. Ach Mensch, das ist hart, wenn man mit einer solchen Sehnsucht leben muss :( Ich kann das so gut verstehen, denn auch bei mir hat alles mit dieser großen Sehnsucht angefangen. Es hilft dir sicher auch nicht, wenn ich dir sage, dass man nach Jahren Alltag in Israel vieles etwas weniger "verklärt" sieht...
      Aber wenn du jetzt öfter hier vorbei schaust, kriegst du davon sicherlich genug mit :)

      In diesem Sinne: Brucha HaBaah!

      Hadassa

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