Sonntag, 10. April 2016

Grade noch mal den Tag gerettet...

Mama sein heißt manchmal auch, Superheldin sein. Meistens tritt die Krise leider völlig unvermittelt ein, und nicht immer schaffe ich es, die "blöde Mama" abzustreifen und das Superheldinnencape über zu ziehen. Manchmal weiß ich nicht mal, was für eine Superkraft gerade gefragt sein könnte, und manchmal ist es einfach nur pures Glück, Zufall oder eine günstige Fügung des Schicksals, wenn eine solche Krise glimpflich ausgeht. So wie heute.

Es fing damit an, dass ich, in einem Überschwang an mütterlicher Voraussicht, vorschlug, dem Mädchen ein neues weißes Kleid für die kommenden Feiertage zu kaufen. Dazu sollte man wissen, dass man im Judentum zu Festen Weiß trägt und dass das auch von Schulkindern verlangt wird, wenn in der Schule ein jüdischer Feiertag begangen wird. Nun könnte man meinen, dass dazu die weißen Schulshirts gedacht sind, aber in der Praxis erscheinen alle Mädchen (und in dem Fall sind es wirklich alle, nicht nur angeblich alle) in festlichen weißen Kleidern - mit Tüllröcken, Spitzenleibchen, lieblichen Lochstickereien oder Glitzerkram. Muss man nicht mögen, nur hinnehmen.

Nun hat das Mädchen schon seit einiger Zeit ein aus meiner Sicht wunderschönes Baumwollkleid im Schrank hängen, das standhaft verweigert wird, weil es angeblich "religiös" aussieht. Dazu muss gesagt werden, dass man in Israel tatsächlich schon bei Kindern oft erkennen kann, ob sie säkular oder religiös aufwachsen. Religiöse Jungs tragen Kippa und Tzitzit, Mädchen Röcke und oft lange Ärmel, manche auch ganzjährig Strumpfhosen. Der gestufte Rock des weißen Mädchenkleides erinnert zugegeben vom Schnitt her ein wenig an die Alltagsröcke religiöser Mädchen, aber er geht gerade mal knapp über's Knie und das Oberteil ist ärmellos - das ginge in einer religiösen Schule niemals durch. Wie dem auch sei, dieses Kleid wurde vor langer Zeit abgeschrieben, nichts zu machen.

Als ich nun die Tage zufällig bei einer hiesigen Modekette über eine ganze Stange Festkleider stolperte, dachte ich eigentlich, das Mädchen würde überschnappen vor Freude. Tat es aber nicht, drei der Kleider passten zwar tadellos und sahen auch hübsch aus, aber das Mädchen beschloss, dass es eigentlich gar kein weißes Kleid zum Fest tragen will, sondern viel lieber eine weiße Bluse zur Jeans. Mir natürlich eh viel lieber als Spitzentüll, aber ich hakte dennoch mehrmals nach, ob sie sich wirklich sicher ist. War sie und so gingen wir schließlich mit einer sehr hübschen Bluse nach Hause, die das ganze Wochenende über praktisch nicht mehr abgelegt wurde.

Zwei Tage später höre ich das Mädchen vor sich hin murmeln.. "uff, ich glaube, ich hätte doch lieber ein weißes Kleid gewollt..."

Einatmen. Ausatmen.

(kleinlaut) "Mama! Ich hätte doch lieber ein Kleid und keine Bluse für die Pesach-Feier in der Schule. Alle Mädchen kommen im Kleid!"

(geduldig) "Aber Schatz, du hast doch selbst entschieden, dass du lieber die Bluse willst..."

(schon leicht agressiv) "Ja, aber jetzt habe ich mich umentschieden, jetzt will ich lieber ein Kleid, und das stimmt gar nicht, dass du gesagt hast, dass das Kleid für Pesach sein soll!"

Einatmen. Ausatmen.

(vorsichtig) "Doch Liebes, ich bin ganz sicher, dass ich das gesagt habe. Umtauschen können wir die Bluse jetzt leider nicht mehr, aber wenn du unbedingt ein Kleid anziehen willst, kannst du doch vielleicht das nehmen, das du im Schrank hast?"

(skeptisch) "Welches?"

Ich zeige es ihr.

(fassungslos und zornig) "DAS?!!!? Nein! Niemals! Das ist schrecklich. Das sieht religiös aus, das ziehe ich auf keinen Fall an! Dann gehe ich eben gar nicht in die Schule zur Pesachfeier. Dann bin ich eben krank!"

Einatmen. Ausatmen.

Das Kind kurz allein lassen, damit es nicht weiter eskaliert. Fieberhaft überlegen, was zu tun ist. Auf keinen Fall weiter auf dem eigenen Standpunkt herumreiten. Ratlos ein bisschen auf und ab gehen.

Dann auf Zehenspitzen wieder ins Kinderzimmer schleichen, wo sich das Mädchen inzwischen mit einem Videospiel beschäftigt.

(fast flüsternd) "Schau Liebes, ich will nur mal kurz was ausprobieren, ok? Ich hab nämlich eine Idee, du musst auch gar nicht mithelfen."

Und dann war da dieser wunderbare Moment, den man in solchen Krisen niemals vorhersehen kann, was diese Krisen so schwer aushaltbar macht. Der Moment nämlich, in dem es das Mädchen zuließ, dass ich ihr das verhasste weiße Kleid überstreife, während sie - betont unbeteiligt - weiter in ihr Tablet vertieft blieb. Ein schicker Gürtel und ihr neues Täschchen dazu, die Haare schön aufgebürstet, Kettchen um den Hals (ja, ich habe alle Register für diese eine Chance gezogen, sicher ist sicher) und tatsächlich: Plötzlich fand das hässliche Kleid irgendwie doch noch Gnade.

Tag gerettet. Vorfreude auf die Schulfeier wieder hergestellt. Ich kann's selbst kaum fassen.



 Kleid: Jako-o



Kommentare:

  1. Juhu! Supermama;-))
    Ja, mit Kindern ist und bleibt es immer, immer spannend!!
    Manchmal fluppts, manchmal nicht.
    Schön, dass ihr die Krise so elegant gelöst habt!!
    Einatmen, ausatmen, bis 10 zählen,...;-)
    Schön, wieder einen Einblick in euer Leben in Israel bekommen zu haben.
    LG und ein schönes Pesach-Fest,

    Monika

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    1. Danke dir, liebe Monika. Manchmal trifft es einen wirklich unvermutet und ich habe mir sagen lassen, dass die Krisen in den nächsten Jahren eher nicht weniger werden... 😕

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  2. Wie man sieht, bringt es die perfekte Atemtechnik - in Kombination mit pfiffigen Ideen und Abwarten des perfekten Moments...
    Toll, dass Ihr eine gute Lösung gefunden habt. Dann kann das Pessach Fest ja kommen.
    Liebe Grüße
    Andrea (die auch ein weißes Kleid genäht hat und ganz sicher weiß, das die Mädchenmama beim Anblick mit Sicherheit eine Krise kriegt, während das Mädchen da wohl schmerzfrei ist ;-)))

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    1. Ich will jetzt sofort ein Foto von diesem Kleid sehen! ☺

      Gelassen bleiben ist wirklich nicht immer einfach, aber es zählt sich meistens aus. Und ich merke definitiv, dass man mit dem Kind vernünftiger argumentieren kann, als noch vor ein paar Jahren. Dafür werden die Vorstellungen von der eigenen Wirkung in der Welt und den schnöden Äußerlichkeiten komplizierter.

      Liebe Grüße,
      Hadassa

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  3. Das ist das Gute an Krisen, sie machen klar, was für Superkräfte in einem stecken :D
    Wäre ja schade um das weiße Kleid - Kleid und Mädchen gerettet!
    glg Petra

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    1. Genau :)

      Danke für deinen Besuch bei mir!

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  4. Tahiat, Hadassa,
    Zum Erfahren des "Nicht-mehr-ganz-Kind-sein" gehört wohl auch die Einsicht, daß die Eltern nie in den Bottich mit dem "Perfekt"-Trunk gefallen sind. Auch wenn es moms & dads gibt, die dieser Chimäre allen Ernstes nachstreben; so unfehlbar (sic!) kann kein Ratgeber oder Heli sein. Wir bleiben Menschen - glücklicherweise! :-)

    Anmerkenswert, daß ein religiöser Feiertag in der Schule begangen wird; für mich steht da die hartnäckige Assoziation mit schulfrei. Wieder was gelernt.

    Was das Understatement zur einfachen Bluse-Jeans-Kombi angeht, so scheint mir die junge Dame Ihre eigenen Standpunkte (experimentierfreudig) auszuloten; mit der Lotleine auf (Un-)Tiefenerkundung. Mademoiselle auf Seefahrt im Leben...
    Ich metaphere wieder zuviel! ;-)

    Der Kurswechsel ("Ich brauche ein Kleid") ist dann auch nicht von schlechten Eltern; vielleicht angeregt von euphorischen Ausmalungen anderer, junger Damen, was das kommende Outfit betrifft. Wahlweise dann Riff oder Sandbank im Ausguck erspäht.

    Dein Kurs in ruhigere Gewässer läßt dann die "alte" Seebärin in Dir vermuten. Die bedrohlichen Piraten gekonnt hinter den Horizont verfrachtet & eine Südsee-Insel ins Fernrohr gerückt. Et voila!

    Chapeau, Madame la capitaine!

    bonté


    post scriptum
    Der erste Trailer für den diesjährigen Star Wars-Anthology ist online:

    https://www.youtube.com/watch?v=Wji-BZ0oCwg

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    1. Oh, ein neuer Star Wars Film! Davon wusste ich noch gar nichts, sieht aber sehr vielversprechend aus :)

      Danke für die Blumen, nicht immer gelingt es, aber wenn, fühlt es sich hinterher wirklich wie eine gewonnene Schlacht an.

      Jüdische Feiertage sind tatsächlich schulfrei. Aber meist begeht man sie auch in der Schule in irgendeiner Form. Pessach wird in unserer besonders groß aufgezogen.

      Viele Grüße,
      Hadassa

      p.s. fein, dich wieder mal zu lesen :)

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    2. ...netterweise hat der Trailer eine seltsam motivierte Diskussion in die Welt gebracht, ob denn damit eine Feminismus-Kampagne der Macher bezweckt sei. Wohlbemerkt, w e i l im zweiten SW-Film hintereinander eine Frau in der Hauptrolle steht.
      Manche Fans haben eine eher verquere Sicht auf die Welt. Die reale, wie die ihrer Phantasie. Anstatt sich einfach über eine gute SF-Story zu freuen.

      Weil dies scheinbar mein Tag der Fragen ist: Wie war Deine erste Begegnung mit Star Wars?

      bonté

      post scriptum
      Ich bin immer wieder gern hier zu Gast :-)

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  5. Ich begrüße es ja sehr, mehr Heldinnen in Blockbustern zu sehen. Prägen ja doch mitunter eine ganze Generation. Ich kam mit etwa 15 durch Freunde an Star Wars, mein Mann hat dagegen wenigstens einen der Filme sogar bei Ersterscheinen im Kino gesehen - das ist lässig!

    VG,
    Hadassa

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    1. ...auf den einschlägigen Cons in den Staaten tummeln sich nicht wenige Mädels (jeden Alters), die im Rey-Outfit auftreten & die Figur feiern. Der letzte Film hatte also durchweg seine Resonanz diesbezüglich.
      Meine Star Wars-Premiere im Kino war seiner Zeit (1980) übrigens 'Empire'.

      bonté

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