Sonntag, 3. Januar 2016

Samstagsfragmente #24


Gestern


war Winter. Das ganze Wochenende lang. Kalt, grau, feucht und ungemütlich. Das Mädchen und ich hatten unsere Erkältungen gerade überwunden, als der Gatte mit Schnupfen und Halsweh anfing. Also blieben wir gemütlich im Warmen, machten Hühnersuppe und tranken literweise heißen Tee mit Honig.

Die Woche


durfte ich wieder einmal ein Paradebeispiel für israelischen Balagan erleben. Wie aus heiterem Himmel wurde ab 1. Januar eine landesweite Reform im öffentlichen Nahverkehr ausgerollt, nach der man, anders als bisher, mit einer Monatskarte alle Verkehrsmittel in einem bestimmten Gebiet nutzen können soll. Das ist tatsächlich revolutionär, denn bisher gab jede Transportgesellschaft eigene Tickets aus, Kombikarten waren selten und lohnten sich kaum. Außerdem, so heißt es, könne man jetzt seine ÖV-Karte online zu Hause mithilfe eines Lesegeräts aufladen, das in den ÖV-Büros zu erwerben sei. So trabte ich also mit großer Begeisterung am 31.12. am frühem Nachmittag zu unserem städtischen ÖV-Büro, um ein Lesegerät zu erwerben. Easy, dachte ich...

Es tue ihr Leid, sagt die Dame, Kartenleser seien aus, sie hätte zwar welche bestellt, könne aber leider nicht sagen, wann sie sie rein bekommt. Alles klar, sage ich, dann könne SIE mir ja vielleicht die neue Monatskarte auf meine Smartcard laden. Sagt sie, das gehe auch nicht, da sie bereits die Kasse zum Jahresabschluss auf Null gesetzt hätte, ich solle doch morgen wiederkommen. Oder aber einen der zahlreichen Kartenautomaten nutzen. Nun muss ich an dieser Stelle anmerken, dass die Automaten meist entweder außer Betrieb sind oder aber wahlweise nur Bargeld (in kleinen Scheinen) oder nur Kreditkarten annehmen, je nachdem, was man gerade nicht dabei hat. Aber gut. Trabe ich weiter zum Automaten (er ist in Betrieb!) und will schon die Kreditkarte zücken, als mir auffällt, dass mir der alte (teurere) Preis für die Monatskarte angezeigt wird. 

Ächz. 

Am nächsten Tag stehe ich also zum zweiten Mal bei selbiger Dame im Büro auf der Matte. Ja, sie könne mir eine Monatskarte aufladen, aber nur Bargeld annehmen, keine Kartenzahlung. Potzwellenblech und Stacheldraht: In Israel kann man sogar am Kiosk mit Karte zahlen, das ist echt nicht zu fassen. Als ich ihr verzweifelt erkläre, dass ich gestern vergeblich am Automaten versucht habe, die Karte zu kaufen, wird sie stinkig. Das sei natürlich noch nicht der neue Preis, wo denke ich hin?, und überhaupt seien die neuen Kombikarten natürlich noch nicht an den Automaten erhältlich (wir reden von Chipkarten, die elektronisch aufgeladen werden!), so eine große Reform, das sei doch wohl klar, geht schließlich nicht von heute auf morgen. Und warum ich mich überhaupt bei ihr beschwere, sie hätte damit rein gar nichts zu tun, ich solle doch bitteschön beim Kundenservice ihrer Firma anrufen. Meine Frage, was denn dann eigentlich ihre Aufgabe sei, Servicedienstleisterin ja wohl nicht, beantwortet sie mir nicht mehr. 

Das Happy End dieser aberwitzigen Geschichte erlebe ich schließlich am Bahnhof. Dort kennt man sich aus in Sachen Reform und lädt mir unkompliziert eine Monatskarte auf meine Smartcard. Ich bezahle mit Kreditkarte. Natürlich. (Und wenn jetzt einer fragt, warum ich nicht gleich zum Bahnhof bin, beiße ich in die Auslegeware!)

Erfreulichkeiten 


1. Eine ÖV-Monatskarte gekauft ^^

2. Silvester frei gehabt (und nicht gefeiert, Silvester war mir schon immer egal)

3. Schon wieder im Kino gewesen. Diesmal in "Suffragettes" - heftig zum Teil, aber sehr gut. Und beleuchtet eine Zeit über die man sich viel zu wenig Gedanken macht (ich jedenfalls), obwohl sie kaum 100 Jahre her ist

4. Das alte Jahr gelassen abgeschlossen

5. Bei IKEA gewesen und das Kinderzimmer noch ein bisschen mehr optimiert in Sachen Stauraum


Erlesenes 


The Catcher in the Rye von J. D. Salinger stand schon lange auf meiner Liste, und ich finde, er liest sich erstaunlich modern. Aber deprimiert irgendwie. 


Nathan der Weise von Lessing, auch als Vorbereitung auf einen Theaterbesuch, denn Ende des Monats soll der Nathan hier als szenische Lesung in drei Sprachen aufgeführt werden 


Webfragmente 


Sibylle Berg hat den Terroranschlag in Tel Aviv an Neujahr aus nächster Nähe miterlebt.

Die Geschichte der Australierin Sonia Singh, die letztes Jahr zur Internetsensation wurde, weil sie abgelegten Bratz-Puppen neues Leben einhaucht und sie mit diesen "Makeunders" viel liebenswerter und natürlicher macht, ist herzerwärmend. Sehr empfehlenswert für Momente allgemeiner Trübsinnigkeit.

Carrie Fisher reagiert verletzlich auf gehässige Kommentare zu ihrem Aussehen in "The Force Awakens" 30 Jahre nach ihren letzten Star Wars Film. Sie sei schlechter gealtert als ihre männlichen Kollegen. Uff.

Die 18-jährige Angela Clayton entwirft und näht wahnsinnig tolle und detaillierte Kostüme, da kommt man sich gleich wieder total untalentiert vor, aber auf eine überwältigte Art.



Die Samstagsfragmente schicke ich noch ganz schnell zu Karminrot :) 



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Kommentare:

  1. wie schön, dass Deine Geschichte ein Happy-End hatte, ich musste so grinsen...
    Deine erlesene Literatur gehört seit meiner Jugend zu meinen absoluten Lieblingswerken!
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Happy End, Teil 2: Die Karte funktionierte heute sogar im Bus. Da hatte ich doch ein ganz kleines bisschen Zweifel. :)

      Holden Caulfield wächst mir gerade immer mehr ans Herz, gleichzeitig tut es mir fast körperlich weh mit anzusehen, was er so treibt, und ich habe Angst, was es wohl für ein Ende nehmen wird mit ihm.

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  2. Hadassa, mit deiner ÖV-Kartengeschichte hast du mich zum Abschluss eines Tages den ich in mood indigo verbracht habe, doch noch zum Lachen gebracht. Danke dafür! (Isch 'abe gar keine Auslegeware!)

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    1. (ich auch nicht, aber ich liebe diesen Ausspruch)

      Es freut mich, dass ich dich erheitern konnte und wünsche dir einen helleren Tag heute :*

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    2. Danke! das war er. Ich blieb auf dem Weg zur Arbeit mit dem Auto liegen (hätte ich doch eine ÖV-Karte ;)) und alle waren nett und hilfsbereit und es war total klasse.

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  3. Salut, Hadassa.
    Winter war über Nacht jetzt auch in Schwaben; wenn auch der Nassschnee bis Mittag wieder abgeschmolzen ward.
    Traditionen folgend, machen Erkältungen natürlich immer die Runde in der Familie. ;-)

    Revolutionäre Dienstleistungen sind jetzt auch kein leicht Ding; Planung, Voraussicht, die neuen Karten bereits deutlich vor dem Stichtag anbieten...ist alles nicht so einfach, für Bürograten weltweit.

    Die Geschichte der Suffragetten ist anmerkenswert; dies zumal, weil wir ohne ihr Aufbegehren, ihr Engagement, ihre Leidfähigkeit noch immer ein patriachales System von anno Tobak hätten. Und das Streben nach Gleichberechtigung bleibt akut, weil der Konservatismus gernst von seinen Pascha-Verhältnissen träumt (tatsächlich konnte mir noch keiner erklären, warum hängende Testikel einen per se schon zum Weiß-alles-kann-alles machen!).
    'Iron Jawed Angels' ist ein ähnlich empfehlenswerter Film darüber. Zur Geschichte der Suffragetten-Bewegung mußte ich letztens auf eine englischsprachige Publikation ausweichen, weil sich im deutschsprachigen Bücherraum kein Titel finden ließ.

    Zu Sibylle Bergs Artikel kommt mir in die Gedanken, daß sich Extremisten (jedweder Art), in ihren Radikalisierungszielen seit jeher & gernst die imaginären Hände reichen; stets über die Köpfe aller anderen hinweg, für das Köcheln eigener Machtsüppchen. Hier hat die Menschheit über die Jahrtausende hinweg nicht viel dazu gelernt - leider.

    Wie armselig sind eigentlich Nasen, die Carrie Fisher vorwerfen "nicht gut genug gealtert" zu sein? Galoppierende Stupidität? Respektlosikeit bis zur Beleidigung? Schlichte Arroganz? Oder nur Resultate des angebeteten Jugendkults?!
    Mitunter auch ein Ausfluß der Twitter-Diarrhoe, mit den Symptomen "erst tippen" & "bloß nicht denken"...

    Stimmt, die Cosplayer-Mädels sind da ziemlich fit drauf! Exzellente Arbeiten, wunderbar in Szene gesetzt/fotografiert. Chapeau für Angela Clayton!

    bonté

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