Dienstag, 19. Januar 2016

[Buch] Emily St. John Mandel: Station Eleven / Das Licht der letzten Tage

Station ElevenStation Eleven by Emily St. John Mandel
My rating: 5 of 5 stars

20 Jahre nach unserer Zeitrechnung befindet sich die Erde in einer Realität, in der die technischen Errungenschaften unserer Gegenwart unwiderruflich vergangen sind. Ein Wimpernschlag der Geschichte hat die moderne Zivilisation, von der keiner gedacht hätte, wie zerbrechlich sie ist, zum Zusammenbruch gebracht. Nur noch rund ein Prozent der Weltbevölkerung ist übrig  - Überlebende, für die jeder Tag voller Ungewissheit und Risiken steckt, auf die man früher keinen Gedanken verschwendet hätte. Es gibt keinen Strom mehr, kein Benzin, keine Medikamente, kein Telefon und kein Internet. Regierungen und Städte sind untergegangen, Menschen wandern rastlos durch die gesetzlose Wildnis oder lassen sich in Gruppen in Siedlungen nieder, denn Gefahren lauern überall. Und dennoch gibt es noch Schönheit und Licht in dieser tristen neuen Welt, denn die Menschen halten mit aller Kraft an den Resten der Zivilisation fest und suchen zu bewahren, was für immer verloren scheint.

Eine Musik- und Theatergruppe zieht durch das post-apokalyptische Nordamerika, Gaukler gewissermaßen, aber mit höchstem Anspruch an ihre künstlerischen Darbietungen mit denen sie ihr Publikum verzaubern. Die Reise der "Travelling Symphony" bildet den Rahmen für Mandels atmosphärischen Roman, der von den Erzählungen und Erinnerungen ihrer Personen lebt, die zunächst fast willkürlich angeordnet erscheinen, bis klar wird, wie kunstvoll sie miteinander verflochten sind. 

Ich habe schon lange kein Buch mehr gelesen, das mich so fasziniert und verzaubert hat, wie Station Eleven. So viel Weisheit und Philosophie steckt darin, dass ich ihn wohl noch einige Male lesen werde, um alle Facetten zu erfassen. Die Vorstellung des Lebens nach der Apokalypse ist düster, wird aber durch die wunderbaren Menschen in dieser Geschichte erhellt, die überlebt haben, die füreinander einstehen und an den guten Dingen der Vergangenheit festhalten, während sie an einer lebbaren Zukunft bauen. Ganz ohne erhobenen Zeigefinger erinnert die Autorin daran, wie viel wir heute als selbstverständlich hinnehmen, wie glücklich wir uns schätzen müssen, dass wir gerade in diesem Kapitel der Weltgeschichte in diesem westlichen Überfluss leben dürfen. Sie zeigt auch, dass es viele Möglichkeiten gibt, ein anständiger Mensch zu sein, ungeachtet der Umstände, und dass auch kleine Entscheidungen einen großen Unterschied machen können.

Wenn man betrachtet, wie grausam der Menschheit in Station Eleven mitgespielt wurde, muss man den Roman wohl als Dystopie bezeichnen. Dennoch schimmern immer wieder fast utopische Momente hindurch, die bei mir ein sehr hoffnungsvolles Gefühl hinterlassen haben.


Auf Deutsch ist Station Eleven letzten Herbst unter dem Titel "Das Licht der letzten Tage" im Piper-Verlag erschienen



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Kommentare:

  1. Danke für die interessante Rezension. Ich bin immer um das Buch herum gekreist und war noch unsicher..
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. So, jetzt habe ich es durchgelesen. Ich fand es interessant, aber irgendwie hat es mich nicht berührt. Manche Fäden hätte ich gern weiter gesponnen gesehen. Vorher hatte ich von Claire North: Die vielen Leben des Harry August gelesen. Irgendwie hatte mich das mehr gepackt.
      Liebe Grüße
      Andrea

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    2. Oh, schade .. aber so ist es ja manchmal mit der Kunst. Den einen berührt sie, den anderen weniger, es freut mich, dass du es dennoch interessant fandst :)

      Liebe Grüße,
      Hadassa

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    3. Jedenfalls bin ich immer gespannt auf deine Literaturtipps.
      Liebe Grüße
      Andrea

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  2. Sabahh el cheir, Hadassa.
    Die Tünche der Zivilisation ist dünn. Sie ruht zwar auf den Fundamenten von Wissen, Einsicht, breitem Wohlstand & Fortschritt - aber jede Form von Katastrophen vermag solides Bauwerk zu unterhöhlen. Blicke in die Menschheitsgeschichte genügen, um aufzuzeigen, daß Menschen immer wieder bei Null neu ansetzen müssen.
    Nicht genug, bringt ein jeder Zusammenbruch auch den charakterlichen Abschaum zum Durchbruch. Und das sind nichgt immer durchgeknallte S/M-Punks wie in Mad-Max-Welten.

    Bei der kunstvollen Verknüpfung von scheinbar nicht zusammen gehörenden Geschichten kommt mir wieder einmal Leo Perutz' Meisterroman "Nachts unter der steinernen Brücke" in den Sinn. Das allerletzte Kapitel schlägt einen prachtvoll gearbeiteten Rahmen um all die Geschehnisse & Figuren davor. Wunderbar.

    bonté

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    1. Ups, jetzt sehe ich erst, dass ich dir gar nicht geantwortet hatte. Vielen Dank für den Tipp, meine Liste wächst :)

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  3. Hallo,
    dieses Buch hat mich auch total umgehauen, ich konnte es gar nicht mehr aus der Hand legen und habe ihm auch noch einige Zeit nach Beendigung nachgehangen. Habe es jetzt auch schon einige Male verliehen und habe nur begeisterte Rückmeldungen bekommen.
    Viele Grüße
    Annika

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