Sonntag, 10. Januar 2016

Die Sprache der anderen ...

Ana a'eish fi Israil -

Ich lebe in Israel, seit über 10 Jahren. Ich habe geheiratet, mich assimiliert, wurde schließlich eingebürgert, habe eine Familie gegründet, arbeite und zahle Steuern, aber die Landessprache beherrsche ich nicht.

Ivrit schon, ja. Sehr gut sogar inzwischen, aber von der zweiten Amtssprache Arabisch, die immerhin jeder fünfte Israeli als Muttersprache spricht, hatte ich bis vor kurzem keinen blassen Schimmer. Dass ich damit bei meinen jüdischen Landsleuten in guter Gesellschaft bin, ist zwar einerseits beruhigend, andererseits aber auch furchtbar peinlich. Denn während die arabische Bevölkerung mehrheitlich fließend Hebräisch spricht, kann der Durchschnittsisraeli gerade mal ein paar Brocken und die meist auch nur, weil sie mit der Zeit in die israelische Umgangssprache eingeflossen sind. Arabisch ist in der jüdischen Schulbildung kein Pflichtfach und selbst wer es in der Mittelstufe als zweite Fremdsprache wählt, lernt nicht den gesprochenen Dialekt der hier lebenden Muttersprachler, sondern standardisiertes Schriftarabisch, das auf der Straße kaum zu gebrauchen ist. Oder extrem ausgedrückt: Selbst Schüler, die einen guten Schulabschluss in Arabisch hinlegen, können möglicherweise nicht einmal eine Portion Falafel in der Jerusalemer Altstadt bestellen, ohne auf Englisch oder Hebräisch auszuweichen.

Natürlich hat Arabisch lernen in Israel auch eine gewisse politische Komponente. Viele jüdische Israelis wollen die Sprache überhaupt nicht hören, geschweige denn erlernen, und sehen dazu auch überhaupt keine Veranlassung. Fluchen und Schimpfen auf Arabisch geht gerade noch, aber Arabisch lernen, um womöglich mit einem Palästinenser kommunizieren zu können - wozu? Die Sprache ist durch Jahrzehnte der Auseinandersetzungen und Kriege mit dem "arabischen Feind" weitgehend negativ besetzt, möglicherweise ähnlich wie Deutsch in Holland oder Dänemark, wo man die Sprache des großen Nachbarn zwar lernt, sie aber deswegen noch lange nicht mag, weil sie, zumindest in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg, unweigerlich auch mit Nazi-Deutsch verbunden wurde.

Für mich, in meiner eingeheirateten Naivität war eigentlich von Anfang an der Wunsch da, wenistens rudimentär Arabisch - die Sprache der Nachbarn, nicht der Feinde - zu lernen. Allerdings erst nachdem mein Ivrit so stabil verankert wäre, dass mir das nah verwandte Arabisch keinen "Salat" machen könne im Kopf. An diese Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich schon immer ein Faible für Fremdsprachen hatte und ein Talent. Es ist mir nicht lästig, mich mit einer neuen Sprache auseinanderzusetzen, im Gegenteil: Es macht mir Spaß und war für mich bisher in jedem der von mir "erlebten" Länder ein wichtiger Schlüssel zur Identifikation mit den Menschen und der Kultur.

Arabisch also. 



In unserer Stadt bietet der Sprachzweig der "Open University" Kurse für gesprochenes Arabisch nach palästinensischem Dialekt an, der auch dem jordanischen, libanesischen und syrischen ziemlich ähnlich sein soll, also genau was ich suche. Ich sehe keinen Sinn darin, zuerst mühsam das ganze arabische Alphabet und dann die Standardsprache zu lernen - ich möchte Falafel bestellen, "Hallo" und "auf Wiedersehen" sagen, meiner arabisch-israelischen Lieblingsserie folgen und einfache Alltagskonversation machen können. So gerne ich auf Facebook und Co. all die arabischen Beiträge mitlesen würde - das ist ein Fernziel, das ich zumindest am Anfang realistischerweise ausblenden muss.

Erstaunlicherweise hat der Kurs eine so hohe Nachfrage (ermutigend eigentlich), dass ich vor rund einem Jahr schon mal vergeblich versucht hatte, mich anzumelden. Zum Wintersemester hat es nun endlich geklappt, gerade als mein Arbeitgeber beschlossen hat, Arabischunterricht der Mitarbeiter zu fördern - danke dafür! Die Klasse ist zum Sprechen üben eigentlich fast zu groß, dafür haben wir einen sehr erfahrenen Muttersprachler als Lehrer, der aktuell den allerersten Kurs für Knessetabgeordnete überhaupt unterrichtet, uns mit Vokabeln überhäuft und in der Grammatik streng vorangeht. Vermutlich sagt er sich, dass man Israelis auf keinen Fall unterfordern darf, weil sie einem sonst das Heft aus der Hand nehmen. Unrecht hat er damit ja nicht und so gibt es immer mal wieder Gejammer, er solle nicht so schnell machen, aber insgesamt sind alle zufrieden und eifrig bei der Sache.

Außer mir sind fast nur Ivrit-Muttersprachler im Kurs, die es einerseits ein wenig leichter haben, weil sie die Hebräisch transliterierten Wörter nicht noch im Kopf in lateinische Buchstaben umwandeln müssen, wie ich. Andererseits habe ich durchaus Vorteile bei der Grammatik, die der neu-hebräischen so ähnlich ist, dass ich die im Kopf abgespeicherten Schablonen aus meiner Ulpanzeit leicht angepasst auch hier anwenden kann.

Richtig verzwickt finde ich die Aussprache und die Art und Weise, wie Wörter beim Sprechen zu einer "Melodie" zusammengezogen werden, das braucht Übung und ein Gefühl, das hoffentlich mit der Zeit kommen wird. Einstweilen verbeiße ich mich in den Vokabeln und der Grammatik, höre bei jeder Gelegenheit arabisches Radio und sperre überall wo ich Arabisch höre, die Ohren weit auf. In meinem Umfeld leider selten, denn wenn man nicht gerade in einer gemischten Stadt lebt, kommt man problemlos ohne Berührungspunkte mit seinen arabischen Landsleuten durch den Alltag. Es sei denn, man sucht die Begegnung bewusst, das kann also noch kommen. Denn am besten lernt man Sprachen immer noch durch Immersion :)




Soundtrack (ohne Gewähr, was davon in Deutschland abrufbar ist....):

A-Wa - Habib Galbi (Liebe meines Herzens)

Mira Awad - Bukra (Morgen)

Amal Murkus - Keber elAlb (Herz an Herz)

Souad Massi - Mesk Elil (Honeysuckle)

Mira Awad - Yousef


Kommentare:

  1. Ich finde es toll, dass du diese in meinen Augen sehr schwere Sprache lernst. Hut ab!
    Ich denke aber auch, wie du, das. Es wichtig ist die Sprache zu sprechen, die die Bevölkerung spricht. (ok, die Halbe)
    Ich wünsche dir viel Erfolg dabei.
    Liebe Grüße
    Andrea
    (die Videos sind abrufbar)

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    1. Lieben Dank für deine Antwort und dass du die Videos für mich getestet hast :*

      Ich fühle mich schon ziemlich herausgefordert, aber ohne Herausforderungen ist das Leben ja langweilig, gell?

      LG!

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  2. Die Sprache des anderen zu lernen, ist ja schon ein erster Schritt auf ihn zu. Ich finde es toll, dass Du diese gerade die gesprochene Sprache lernst. Dass man mit Hocharabisch auf Verständigungsprobleme trifft, hätte ich nicht gedacht.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Mir war das auch lange nicht so klar, ich dachte immer, der Arabischuntericht an den Schulen führt zu mehr Dialog mit den Nachbarn, aber das ist nicht so. Ist vielleicht vergleichbar mit Altgriechisch, man kann Zeitungen, Nachrichten und Literatur verstehen, aber auf der Straße ist es nicht sehr brauchbar. So richtig begreifen kann ich das selbst immer noch nicht :)

      LG!

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    2. Schau mal, hier ist ein interessanter Artikel dazu: Klick

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  3. Masa el cheir o ahlan o sahhlan, Hadassa.
    Sich für Sprachen offen zu halten hat noch keinem wirklich geschadet; selbst wenn es nur ein paar Brocken für den Urlaub sind. Eine Fremdsprache richtig anzugehen - just im erwachsenen Alter - ist dann schon ein Projekt mit Engagement.
    Wobei das Arabisch des Alltags, dem modernen Hebräisch gegenüber, annährend wie ein Cousin zweiten Grades sein dürfte. Mit dem kleinen Latinum läßt sich Französisch auch leichter angehen.

    Stimmt, die Fluchlitaneien sind schon gewaltig. :-)

    Das Arabisch Eurer direkten Nachbarn unterscheidet sich jetzt nicht sonderlich. Bayern, Schwaben, & Österreicher verstehen sich ja auch.

    Dann wünsche ich viele Erfolgserlebnisse!

    Tahiat o

    bonté

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    1. So ist es :) und selbst wenn ich mich irgendwann in Jerusalem oder Jaffa ein bisschen mit den Leuten verständigen kann, ist mein Minimalziel ja schon erreicht :)

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