Sonntag, 27. Dezember 2015

Zur Heiligen Nacht...

Wir leben in einer verrückten Welt in diesen Tagen und Wochen. In einer Welt, in der es so scheint, als würde alles vor die Hunde gehen. Als wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis wir es schaffen, uns gegenseitig vollständig zu vernichten, das menschliche Leben auf diesem Planeten unmöglich zu machen. In einer Welt, in der manche Israelis mir sagen, dass "meine" Merkel verrückt sei, so viele "Araber" in Deutschland aufzunehmen und dass Paris nur ein Vorgeschmack sei, auf das was auf Europa noch zukommen wird. Diese Europäer, so sagt man mir, würden schon noch sehen, was es heißt, ständigem Terror ausgesetzt zu sein. In einer Welt, in der manch christlicher Hardliner mit fast zufriedener Überzeugung das baldige Ende voraussagt, aber erst, nachdem alles noch viel schlimmer geworden ist, als das, was wir heute erleben. Einer Welt, in der es so viele Flüchtlinge gibt, wie niemals zuvor, in der dreißig Jahre nach LiveAid immer noch täglich viel zu viele Kinder verhungern, weil wir in der "ersten Welt" so komfortabel und fortschriftlich leben, wie nie zuvor. In einer Welt, in der nicht nur Kleidung zum Wegwerfen gekauft wird, die zuvor unter unmenschlichen Bedingungen irgendwo in Fernost produziert worden ist, von Mitmenschen, die sich von ihrem Lohn kaum ernähren können. In einer Welt, in der man vielleicht Präsident der Vereinigten Staaten werden kann, obwohl man zwar Geld hat, aber sonst nichts kann, außer gegen Fremde, Frauen, Juden und sogar Behinderte Stimmung zu machen. In einer Welt, in der sinnlos getötet und massakriert wird, in der Frauen und Mädchen in Massengräber geworfen werden, wenn sie für den Sexhandel nicht taugen und in einer Welt, in der wir Israelis es immer noch nicht geschafft haben, eine tragfähige Lösung für den Konflikt mit unseren Nachbarn zu finden. Eine Welt, in der 13-jährige mit Messern ausziehen um Zivilisten anzugreifen und in der wir unseren Schulabgängern Waffen in die Hand drücken, um sie den Status Quo bewachen zu lassen.

Ja, man kann schwermütig werden, wenn man das alles betrachtet und darüber nachsinnt, wie vieles schief läuft in dieser Welt, die uns anvertraut worden ist und wie wenig wir dafür tun, dass sie ein besserer Ort für alle werden kann.

Aber es ist auch eine Welt, in der Menschen sich aufmachen, etwas zu verbessern. Eine Welt, in der ganz normale Deutsche Flüchtlingen Unterkunft, Kleidung und Lebensmittel spenden. In der mit syrischen Kindern Weihnachtsplätzchen gebacken werden und freiwillige Helfer Sprachunterricht und Hilfe bei Behördengängen anbieten. Eine Welt, in der israelische Mütter Babytragen an die Flüchtlingsbrennpunkte schicken, damit den Eltern, die ihre Kinder schon so weit getragen haben, die Last vielleicht ein wenig leichter wird. Eine Welt, in der Juden und Palästinenser Geschäftsbeziehungen und Freundschaften bauen und in der viele laut bekennen, dass sie keine Feinde sein wollen, sondern für Dialog und Frieden einstehen. Eine Welt, in der einer der reichsten Männer auf dem Planeten entscheidet, sein Vermögen für Bildung und Chancengleichheit verfügbar zu machen, und eine Welt, in der ganz normale Amerikaner sich gegen Xenophobie und für interkulturelles Miteinander solidarisieren. Eine Welt in der Menschen sich über Religionsgrenzen die Hand reichen und erkennen, dass wir letztlich alle Wesen aus Fleisch und Blut sind. Eine Welt in der ich fest glaube, dass wir Menschen trotz allem noch einen Unterschied mit unseren Worten und Taten machen können. Das mag naiv sein, sogar gutmenschig, aber wenn ich diese minimale Hoffnung aus den Augen verliere, so fühle ich, gehe ich unter in dieser Welt. Daher will ich mich nicht auf das große Ganze konzentrieren, das so unüberwindlich schlecht scheint, sondern auf den kleinen Flecken Welt, den ich bewohne und in dem ich vielleicht ein kleines Licht sein kann. Nicht nur zu Weihnachten.

Frohes, gesegnetes Fest euch allen!


(Fotos aus der #AdventsABCFee - Foto-Challenge von Fee.)


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Kommentare:

  1. Gesegnete Weihnachten dir un deiner Familie, liebe Hadassa.

    Die Welt, die du beschreibst, hier vor meiner Tür, ist offener und menschlicher geworden in diesem Jahr. So viele Menschen um mich herum haben die Fremden, die hier angekommen sind - in unvorstellbaren Anzahlen - freundlich aufgenommen, sodass sie schon nicht mehr so ganz fremd sind. Xenophobe Äußerungen habe ich viele gelesen. Gehört habe ich in meine Umfeld seit Monaten keine mehr. Skepsis gegenüber dem was kommt höre ich viel. Und dann krempeln die Skeptiker die Ärmel hoch und sehen, was sie tun können, um zu helfen.

    Meine Welt ist heller und freundlicher geworden.

    Auf ein gutes neues Jahr!

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    1. Das finde ich schön, möge das neue Jahr noch viel heller und freundlicher für euch werden :)

      LG,
      Hadassa

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  2. Mo'adim Lesimkha, Hadassa.
    Ein Blick in die Historie der zerrupften Menschheit zeigt immer wieder, daß sich Niedertracht & Großherzigkeit einander gegenüber stehen. Nicht erst seit heute oder gestern. Für ultimative Pessimismen wie Optimismen steht kein Anlaß ins Haus - es bleibt das hin & her.

    Bemitleidenswert bleibt die S/W-Sicht der Zeitgenossen, die Dir die Merkel/Araber/Terror-Melange meinten unterbreiten zu müssen; ähh, der zehnjährige Terror des braunen Untergrunds ging definitiv von deutschen Gewächsen aus! Nur so als Beispiel (von vielen).
    Aber mit Simplifizierung lebt es sich scheinbar leichter. Überall.

    Einen schönen Baum habt Ihr geschmückt, wie ich nebenan sehe.

    bonté

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    1. Ja, so ist es wohl leider *seufz* Aber so lange es noch beide Seiten gibt, bleibt ja auch Hoffnung.

      Ein gutes neues Jahr dir!

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  3. Du schreibst bzw. sprichst mir aus der Seele, und deshalb muss ich heute endlich einen Kommentar hinterlassen. Ich bin nun im Herbst meines Lebens angelangt und müsste in Verzweiflung fallen angesichts dessen, was meine Generation nicht geschafft hat, in dieser Welt zu ändern. Aber jetzt ist mir auch klar geworden, dass ich dieses kurze Leben auch habe, um es für mich zu leben und auch zu genießen. Und so habe ich es gestern Abend doch geschafft, all die Trauer abzulegen und mich zu freuen an der Lebendigkeit meiner Enkelin und auch wieder Hoffnung zu fassen, so vertrackt diese Welt ist.
    Ich nehme an, dass du dies tagtäglich leistest an dem Ort, an dem du lebst.
    Ich wünsche dir und deiner Familie alles, alles Gute! Frohe Weihnachten!
    Astrid

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    1. Danke für deinen Kommentar :)

      Ich glaube, man muss sich immer wieder aus der Trübsinnigkeit reißen, damit man nicht resigniert. Geht mir jedenfalls so, seit ich irgendwann als Teenager realisiert habe, wie kaputt diese Welt ist :/

      Alles Gute für dich!

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  4. Liebe Hadessa, du bringst viele meiner Gedanken so wunderbar zu Papier, äh ins Netz, dass ich dir dafür danke sagen muss und mich endlich mal wieder mit einem Kommentar melde. Wie du weißt, dank Instagram, habe ich das ganze traurige der Zeit in der letzten Woche hinter mir gelassen und habe meinen, persönlichen Traum gelebt. Aber auch (oder besonders) an diesem Ort holt einem natürlich der Schrecken (in Form der ganzen 9/11-Tragödie) ein. Ich werde darüber sicher noch berichten.
    Aber hier ist erst mal der Ort, dir und deinen Lieben ein glückliches, gesundes und hoffentlich friedlicheres Leben in 2016 zu wünnschen.
    Habt einen guten Start hinein und bis bald,
    LG, Monika

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    1. Das ist schön, Monika. Und es tröstet mich immer sehr, dass es doch noch viele Menschen gibt, die nicht bereit sind, zu resignieren. Das ist doch das was wirklich zählt.
      Viele liebe Grüße,
      Hadassa

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  5. Danke für deine Worte, du sprichst mir aus der Seele. Frohe Weihnachten und ein glückliches Jahr 2016 dir und deinen Lieben! glg

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    1. Dankeschön, dir und deinen Lieben auch :)

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  6. Man kann wohl jeder nur ein einziges Fragment des Ganzen leben und versuchen, gerade dieses eine kleine sinn-, liebe- und friedvoll zu füllen.
    Liebe Weihnachtsgrüße
    Andrea

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    1. Genau so ist es Andrea. Genau so. Auch wenn es sich unbedeutend anfühlen mag.

      Liebe Grüße und einen guten Übergang ins neue Jahr,
      Hadassa

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