Sonntag, 11. Oktober 2015

Samstagsfragmente #16 - Kunst!

Umm el-Fahem, Israel

Samstag


Gestern war ich zu einer Vernissage im Norden Israels. Die Tourneeausstellung moderner deutscher Kunst seit 1949 "Weltreise" des IfA wird hier im Land für mehrere Monate gastieren und in zwei Teilen zeitgleich im Kunstmuseum des Kibbutz Ein Harod und in der Kunstgalerie der arabischen Stadt Umm el-Fahem ausgestellt. Beide Standorte sind auf ihre Weise bedeutungsvoll: Das Kunstmuseum in Ein Harod wurde 1948 mitten im Unabhängigkeitskrieg gegründet und ist damit eines der ältesten Museen in Israel.

Die Kunstgalerie in Umm el-Fahem besteht seit 20 Jahren und fördert aktiv die arabische und palästinensische Kunstszene. Die Vision, dort in Zukunft das erste arabische Kunstmuseum in Israel zu bauen ist stark, die Baupläne ambitioniert. In der Galerie werden Kunstworkshops für Jugendliche und Kinder angeboten und sie wird regelmäßig von Schulklassen und Kindergärten besucht. Im Obergeschoss hat die jüdische Keramikkünstlerin Rina Peleg ihr Studio und veranstaltet dort auch Workshops für arabische Hausfrauen, die unter ihrer Anleitung wunderschöne Keramikarbeiten herstellen. Eine zauberhafte Oase des kulturellen Dialogs zwischen Juden und Arabern also, in einer Stadt, die der gemeine Israeli sonst nur aus den Nachrichten kennt, wenn es mal wieder zu gewalttätigen Protesten und Unruhen gekommen ist.

Und so verrückt es klingt, am Ende einer derart von Gewalt geprägten Woche zu einer Kunstausstellung mitten in einer arabischen Stadt zu fahren, entschieden wir uns gerade deshalb nach einigem Abwägen dafür.

Zugegeben, ein bisschen zaghaft manövrierte ich durch die engen, steilen Straßen bis zur Galerie, nicht ohne mich trotz Navi einmal im typisch arabischen Verkehrschaos zu verfahren, und atmete erstmal tief durch, nachdem ich das Auto unbeschadet geparkt hatte. Die aufrichtige ungläubige Freude der Veranstalter darüber, dass wir uns in diesen Tagen auf den Weg hierher gemacht haben, räumte dann aber die letzten Zweifel im Handumdrehen aus. Und die Atmosphäre war, obwohl bedingt durch die angespannte Lage viel weniger Besucher erschienen waren als geplant eine ganz besondere. Der Galeriegründer Said in seiner Eröffnungsrede:

Zu einer solchen Eröffnung erwarten wir normalerweise 1000 Besucher. Aber heute sind die, die gekommen sind, so viel wert wie 2000!

Der Vizebürgermeister der Stadt war besonders überschwänglich und herzlich und die Frau des Galeriegründers untröstlich darüber, dass sie uns nicht direkt zu sich nach Hause zu Kaffee und Kuchen einladen konnte. Aber beim nächsten Mal, ja? "Anytime", ihr seid willkommen bei uns, jederzeit. Auf Nachfrage empfahl sie uns ein Restaurant zum Mittagessen. Wir sollen einen Gruß von ihrem Mann ausrichten, am Wochenende gäbe es dort manchmal besondere Kleinigkeiten zu essen.

Als wir dort ankamen, wurden wir zunächst etwas kritisch beäugt (zwei offensichtlich ortsfremde Frauen verschlägt es sicher nicht oft her), aber umgehend höflich und professionell bedient. Als wir unseren Gruß ausrichteten, leuchtete das ganze Gesicht des jungen Obers auf - ja, den kenne man natürlich! Das "schnelle" Mittagessen wurde zu einem Festmahl, fast war es uns unangenehm, wie königlich wir hier behandelt wurden, und die Festreden in Ein Harod, wo etwas später am Tag der zweite Teil der Ausstellung eröffnet wurde, verpassten wir auch.

Aber so ist das eben im nahen Osten - wenn man zu Gast ist, darf man nicht auf die Zeit achten.







Die Woche



5 Erfreulichkeiten:


Meine Erfreulichkeiten suche ich ja immer in meiner sehr privaten, ganz persönlichen "Bubble", aber diese Woche, in der ich oft wie gelähmt war vor lauter Elend, ganz besonders. 


1. Der erste Regen !

2. Das Laubhüttenfest ist mit einem wunderschönen Raclette-Abend bei Freunden ausgeklungen.

3. Unser Hundeding hat sich wieder fast vollständig erholt. (Da fällt mir ein, dass ich von ihrem Unfall hier gar nichts erzählt habe vor lauter Schreck, oder? Egal, es ist glimpflich ausgegangen und unser Bankkonto wird sich auch wieder erholen. Mit der Zeit.)

4. Ein Sodasprudler ist diese Woche bei uns eingezogen! Bye, bye Flaschenschlepperei und Plastikmüll :)

5. Den plötzlichen Wintereinbruch (ha!) habe ich zum Anlass genommen, meine kuschelige Daunendecke aus dem Schrank zu holen. Und schon schläft es sich viel besser.


Erlesenes:



"Blindness" / "Die Stadt der Blinden" von José Saramago hat mich diese Woche sehr beeindruckt und auch ein wenig erschüttert. Ich muss mal sehen, ob ich meine Gedanken dazu noch in einen richtigen Beitrag sortiert bekomme.




"Sherlock Holmes and the Chilford Ripper" von Roger Jaynes ist ein Krimi angelehnt an den Kanon von Conan Doyle. Sowas mag ich ja und dieser las sich flüssig und angenehm, obwohl ich ihn etwas vorhersehbar fand.





Webfragmente:



Noch mal Sherlock Holmes: Der Trailer für das Christmas Special der BBC-Serie Sherlock ist online...

Fotogalerie mit Fotos von Büchermenschen im frühen 20. Jahrhundert - sehr sehenswert :)

Erstaunlich: Deutsche "Lehnwörter" im Hebräischen.





// der Post geht wieder ganz schnell noch zu Frau Karminrots Samstagsplausch //






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Kommentare:

  1. Oh, ich freue mich dich mal wieder dabei zu haben...
    Die Ausstellung war bestimmt schön und interessant. Wobei das Bewirtet werden bestimmt auch nicht ohne war. Ich finde euch auf jeden Fall sehr mutig.
    Die Stadt der Blinden schau ich mir gleich mal auf deutsch an. Ich lese nicht gerne in englisch.
    Und schön, das es deinem Hundeding wieder besser geht. Auch wenn es den Tierarzt bestimmt ein wenig reicher gemacht hat.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Ups.. aus irgendeinem komischen Grund ist bei dir der falsche, d.h. ein alter Link gelandet ... Mein aktueller Samstagsbeitrag ist auf meiner Startseite zu finden :)

      Danke fürs vorbeikommen und einen schönen Nikolaus!

      Hadassa

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