Montag, 5. Oktober 2015

Jordanien - wundersames Nachbarland

Ich hatte ja schon das eine oder andere Mal erwähnt, wie sehr ich (euch) Europäer darum beneide, dass ihr einfach ins Auto steigen und ganz unkompliziert in eure Nachbarländer reisen könnt. In Israel sind die Grenzen zu unseren beiden Nachbarn im Norden komplett dicht und mit Jordanien und Ägypten gibt es zwar Friedensabkommen, richtig "normal" sind die nachbarstaatlichen Beziehungen aber nicht. Und wir sind leider weit entfernt davon, mal eben über's Wochenende zum Shopping nach Amman zu fahren oder zum Badeurlaub nach Sharm El-Sheikh. So war ich, als sich mir die Chance bot für ein paar Tage nach Jordanien zu reisen, ziemlich gespannt.

Da der Landweg über einen der drei Grenzübergänge schwierig und langwierig ist, mache ich die Reise über den Jordan mit Royal Jordanian - reine Flugzeit 25 Minuten. Mit mir sitzen nur eine Handvoll Passagiere im Flieger, es fühlt sich surreal an. Erst geht es über urbanes Gebiet Richtung Jerusalem und dann sehe ich plötzlich nur noch unendliche Wüste. Ab und an ein paar vereinzelte Bauten oder eine Tierherde, sonst nichts. Als ich gerade darüber nachsinnen will, wie weit es wohl noch bis zur irakischen Grenze ist, gehen wir in den Sinkflug und setzen kurz darauf nicht im Wüstensand, sondern auf der Landebahn des neuen Queen Alia Flughafens auf. 

Welcome to Jordan.

An der Passkontrolle lässt man mich, nachdem ich ein Touristenvisum für rund 40 Euro erworben und in eine Hightechkamera gestarrt habe, ohne weitere Fragen passieren. Mir bleibt kaum Zeit, die moderne Ankunftshalle zu bestaunen, denn wenig später rollt schon mein Gepäck vom Band und draußen erwartet mich ein freundlicher junger Taxifahrer, der mich nach Amman bringen wird. Ob ich das WiFi-Passwort will? Klar! Wie nett, von dieser Seviceattitude könnten sich die israelischen Taxifahrer mal eine Scheibe abschneiden. 

Überhaupt werde ich in den nächsten Tagen feststellen, dass in Sachen Service und Höflichkeit gegenüber Touristen die Jordanier ganz weit vorne sind. Ich wurde regelrecht überwältigt von all dem "Yes Madam", "May I help you, Madam?", "Good morning, Madam", "Thank you, Madam".

Auf der Fahrt in die Hauptstadt frage ich meinen Fahrer ungeniert aus und erfahre schon einiges interessante über Jordanien und Amman. Außerdem entdecke ich, dass IKEA auch hier Wurzeln geschlagen hat. Das Logo erkenne ich in jeder Sprache. Schneller als gedacht sind wir an meinem Konferenzhotel angekommen, ich bedanke mich herzlich bei meinem Fahrer, nehme von ihm noch den wichtigen Hinweis entgegen, mich in den kommenden Tagen keinesfalls von lokalen Taxifahrern übervorteilen zu lassen und checke ein. In meinem Zimmer läuft die Klimaanlage auf Hochtouren und ein Blick aus dem Fenster zeigt mir Gebäude aus hellem Stein, die mich an Jerusalem erinnern. Die nächsten Stunden verbringe ich in einem ebenso wohltemperierten Konferenzsaal, ich bin nicht (nur) zum Spaß haben hier, aber am späten Nachmittag stürze ich mich in das Getümmel in Downtown Amman. Mit dem Taxi geht es schnell und der Preis ist sehr moderat, vorausgesetzt man erkundigt sich vorher, was ein angemessener Preis ist und verhandelt entsprechend.  

Downtown Amman


Fotos: 1) Straße in Downtown, 2) historisches Gebäude, 3 und 6) Minarette der al-Husseini Moschee, 4) Gewürzhändler, 5) Schaufenster eines Schmuckladens, 7) Fenster 


Mitten im Geschehen lässt uns der Taxifahrer unweit der al-Husseini-Moschee raus und ich brauche einen Moment, mich zu orientieren. Es ist viel los um diese Uhrzeit und man weiß nicht so recht, wo man überhaupt anfangen soll. Fast fühle ich mich wieder so wie bei meinem allerersten Besuch in Jerusalem, so viele Eindrücke, Gerüche, Farben und über allem der geschäftige Lärm eines orientalischen Stadtkerns. Und doch ist die Atmosphäre wieder ganz anders. Selbstbestimmter, weniger unter Strom, freier und "zurückgelehnter". Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein...

Gewürzhändler verkaufen buchstäblich bergeweise Zatar, Sternanis, Kardamom, Zimtstangen, Kräutermischungen, Käsepulver und losen Tee. In Parfümerien gibt es viele Sorten Olivenölseifen, Parfüms in hübschen Flakons und wer keines entdeckt, das ihm gefällt, kann sich aus feinen Duftölen einen eigenen Lieblingsduft anmischen lassen. In vielen Läden gibt es traditionelle Gewänder zu kaufen, aufwändige Festkleidung von Hand bestickt für mehrere hundert Euro oder einfache Alltagskleider, deren Maschinenstickerei für den Laien nur auf den zweiten Blick als solche erkennbar ist.


Waren wie aus 1001 Nacht

Sehr angenehm ist in allen Läden die unaufdringliche Freundlichkeit der Händler. In keiner Situation hatte ich das Gefühl, etwas kaufen zu müssen, im Gegenteil durchstreiften wir viele verschiedene Läden und konnten diese jederzeit wieder verlassen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn wir nichts gekauft hatten. Das habe ich in Jerusalem schon ganz anders erlebt, gerade als unbedarfter Tourist.

Highlight #1


In der "Gold- und Silberstraße", wo die Schaufenster voll Geschmeide hängen und der Preis für Schmuckstücke nach Gewicht bestimmt wird, möchte ich dem Mädchen ein Armkettchen als Mitbringsel kaufen. Filigran soll es sein, nicht zu teuer, hübsch und "made in Jordan". Vor allem "made in Jordan". Diese Mission stellt sich als schwieriger heraus, als gedacht, denn die zarten Silberkettchen sind alle entweder italienische oder thailändische Importware, der jordanische Schmuck ist wunderschön, aber schwer und für ein Mädchen zu massiv. Einen Laden nach dem anderen klappern ich und meine Begleiterinnen ab, ich glaube, ich habe noch nie so viel Gold gesehen, es wirkt unwirklich und künstlich, so massenhaft wird es hier ausgestellt.

Am Ende, im allerletzten Laden, hat ein hilfsbereiter Verkäufer die rettende Idee: Er individualisiert mir ein einfaches Silberkettchen mit kleinen Charms, die ich mir aus einer großen Auswahl selbst aussuchen darf. "Made in Italy - designed in Jordan" quasi, das gefällt mir. Wir einigen uns auf einen Preis für ein Kettchen mit fünf Charms und er macht sich an die Arbeit. Es ist herzig zu sehen, wie dieser coole junge Kerl mit seiner Juwelierszange winzige Schmetterlinge, Blumen und Ornamente an dem zarten Kettchen anbringt. Als er fertig ist, stellt er stirnrunzelnd fest, dass die Charms nicht gleichmäßig verteilt sind. So kann er mir das Kettchen unmöglich verkaufen, es geht gegen seinen ästhetischen Anspruch. Deshalb soll ich mir noch zwei Charms aussuchen - "same price, don't worry" - und danach noch einen, bis er endlich das Ergebnis erreicht, das ihn zufriedenstellt.

Er weiß, dass ich das Kettchen für meine Tochter kaufe und so packt er es liebevoll in ein rosanes Glitzerschächtelchen und steckt das zusätzlich in einen roten Schmuckbeutel. Rund 15 Euro bezahle ich dafür, keinen Piaster mehr als vereinbart, das Erlebnis ist unbezahlbar. Ich frage ihn wie er heißt und verspreche ihm, meiner Tochter zu erzählen, dass er diesen Schmuck extra für sie gefertigt hat. Wie gern würde ich ihm erzählen, dass es ein israelisches Mädchen ist, das ihn tragen wird, aber das ginge wahrscheinlich zu weit. So lasse ich ihn lediglich ein wenig überrascht darüber zurück, dass ich seinen Namen spontan beinahe akzentfrei aussprechen kann.


Flagge am Königspalast in Amman (Foto: Shannon Hobbs)


Nach Einbruch der Dunkelheit erwacht in Amman langsam das Nachtleben. Junge Jordanier treffen sich in der Stadt in Cafés und Restaurants zum Essen, oft begleitet von einer Shisha, die fast überall angeboten werden und mich total faszinieren. Mädchen wie Jungen treffen sich zum gemeinschaftlichen Wasserpfeifchen, es sieht unheimlich entspannt und gemütlich aus.

An meinem ersten Abend in Downtown Amman essen wir auf der Dachterrasse eines Restaurants, das außer uns hauptsächlich von Einheimischen gut besucht ist. Wir bestellen Kofta, in einer tiefen Pfanne gebackenes Hackfleisch mit Kartoffeln und Sesamsoße, und essen leckeren Hummus dazu. Von der Straße weht der Lärm der Stadt zu uns herauf und im Gastraum unter uns hören wir die fröhlichen Gespräche der anderen Gäste.

Highlight #2 

An einem anderen Abend verschlägt es uns in eine andere Ecke der Stadt: Die Rainbow-Street könnte auf den ersten Blick auch in einem angesagten Berliner Kiez oder in Tel Aviv zu finden sein: Hippe Cafés, Boutiquen und Restaurants reihen sich hier aneinander und der Showroom der Jordan River Foundation ist ebenfalls hier zu finden. Dort kann man wunderschönes Kunsthandwerk bewundern (auch auf Instagram übrigens) und kaufen. Der Erlös kommt den wohltätigen Projekten der Stiftung für jordanische Kinder und Familien zugute.

In einem Buchladen findet sich von Twilight, über Kamasutrabücher, christliche Erziehungsratgeber bis hin zu einem Reiseführer zum Jesus-Trail in Galiläa so ziemlich alles, was man nicht vermuten würde. Und das angeschlossene Café im bunten Retrolook, in dem wir leckerste geeiste Pfefferminzlimonade trinken, hat hausgemahlenen Kaffee, Cocktails und leckere Kleinigkeiten wie Pizza auf der Karte. Außerdem Steckdosen im Fußboden an denen die Gäste unkompliziert ihre Smartphones und Laptops aufladen können. Ich schaue mich um, beobachte datende Pärchen, zwei plaudernde Freundinnen und eine Gruppe albernes Jungvolk mit Laptop, und sinne darüber nach, wie einfach alles sein könnte, wenn man sich in unserer Region über die Landesgrenzen und Ethnien hinaus mehr als Individuen und nicht immer als "Araber vs. Juden" wahrnehmen könnte. Seufz.

Es sind laue Sommerabende in Amman, die Probleme des Nahen Ostens weit weg, und ich hätte noch viel länger verweilen, Land und Atmosphäre aufsaugen mögen, wohl wissend, dass sich mir so bald wohl keine Chance mehr auf einen Besuch bieten wird.


Abends in Amman 

Highlight #3


Ein Ausflug führt uns zu den Überresten der antiken römischen Stadt Jerash im Norden Jordaniens. Es ist unglaublich, wie fantastisch die typisch römischen Bauwerke erhalten und über die Jahre restauriert worden sind. Das Gelände ist riesig und man bräuchte eigentlich einen ganzen Tag, um alles in Ruhe zu bestaunen.

Kapelle
Wir haben leider nur wenige Stunden zur Verfügung, und so legt unser Führer ein recht zügiges Tempo vor, um den Rundgang im vorgesehenen Zeitrahmen zu schaffen. Wir starten am großen säulenumstandenen Forum und steigen dann hoch in Richtung Amphitheater, das bis heute unter anderem als Konzertbühne genutzt wird. An diesem Tag ist es nahezu menschenleer, dennoch geben uns drei traditionell gekleidete Musiker ein fröhliches Ständchen.

Wir spazieren an mehreren Tempeln und einer byzantinischen Kirche vorbei bis zum Nordtheater mit Blick auf das Nordtor. Der Rückweg geht über den römischen Cardo, vorbei am Nymphäum, massenhaft Überresten von weiteren kunstvoll gemeißelten Säulen bis zum alten Markt. Ich finde Archäologie ja wahnsinnig faszinierend und so kam ich aus dem Fotografieren gar nicht heraus. Inmitten all der Bauwerke und Reste dieser großen Zivilisation ist es leicht, sich vorzustellen, wie das Leben damals hier pulsiert haben muss, und unwillkürlich wünscht man sich eine Zeitmaschine herbei, um sich das alles einmal "in echt" ansehen zu können.


Jerash - Gerasa


Über das Forum spazieren wir schließlich Richtung Hadriansbogen zum Ausgang, wo verschiedene Händler traditionelle Waren und Andenken verkaufen. Es ist deprimierend zu sehen, wie ausgestorben an dieser wichtigen Sehenswürdigkeit hier alles ist: Der Tourismus in Jordanien ist in den letzten Jahren massiv zurückgegangen, und es bricht mir das Herz zu sehen, wie dieses Land, das es geschafft hat, sich aus den Unruhen und Kriegen der umliegenden Länder bisher weitgehend rauszuhalten und dabei gleichzeitig wahnsinnig viele Flüchtlinge aufzunehmen, unter dem Chaos leidet.

Dabei hat Jordanien so viel zu bieten (das Essen!) und ich hatte bei meinem kurzen Besuch das Gefühl, nur mehr an der Oberfläche gekratzt zu haben. Wadi Rum, Petra, die alten Wüstenschlösser und das Dana Naturreservat würde ich zu gerne auch einmal sehen. Wie ich neulich bei einem Reiseblogger gelesen habe: Jordanien ist die Wundertüte der arabischen Welt. 




Follow on Bloglovin


Kommentare:

  1. Das muss wirklich ein sehr interessantes Land sein. Danke, dass du da eine kleine Tür aufgestossen hast.
    Liebe Grüße
    Andrea

    AntwortenLöschen
  2. Tahijat, Hadassa.

    "Politische Ideologien & ideologische Politiken treiben seit Beginn der Geschichtsschreibung(en) Keile überall hinein, wo der Mensch, eigentlich wie im Grunde, normal mit dem anderen Mensch umgehen kann."
    (F. Claire Serine)

    Jordanien ist der Reisen viele wert; eben weil die Wüste das Land zu großen Teilen bestimmt. Quasi bildet sie die Fassung für die Edelsteine & Perlen, die sich in den Zentren des Zusammenlebens fanden und finden. Die historische Dichte ist hier ähnlich ausgeprägt wie an jedem anderen Flecken Naher Osten.

    Was das Ehrenhafte im Handwerk (im Sinne der eigenen Arbeit) angeht, so könnten sich Studiengänge für Betriebswirtschaft Inspirationen hier abholen. Vergessenes & Vergrabenes wieder zu schätzen lernen. Denke ich.

    Es bleibt anmerkenswert wie viele Volkschaften durch diese Region im Verlauf von Jahrtausenden gezogen & geblieben sind; so besehen wirkt das aufeinander Eindreschen (verbal wie tatsächlich) oder Abgrenzen allzu befremdlich lächerlich.

    Freut mich jedenfalls, daß Du eine angenehme Reise zu den Nachbarn genießen konntest.

    bonté

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Die historische Dichte ist in Jordanien, auf so einem kleinen Fleckchen, wirklich erstaunlich und hatte ich unterschätzt, eben weil so eine große Fläche Wüstenland ist.

      Was du über die Völker und Ideologien sagst ist wohl wahr. Diese Gegend hier könnte ein gigantisches Freilichtmuseum der Religionen, Kulturen und Zivilisationen sein, wenn wir uns nur endlich einigen könnten, an einem Strang zu ziehen. Und wenn nicht für uns, für unsere Kinder und Jugendlichen. Es ist ein Elend.

      Viele Grüße,
      Hadassa

      Löschen