Freitag, 4. September 2015

London, Tag 3 - Sightseeing extreme

Jetzt ist es schon einen Monat her, seit wir in den Flieger nach London gestartet sind und ich komme endlich dazu, meinen letzten Reisebericht zu schreiben. Aber da ich erst seit letzter Woche überhaupt wieder in Israel bin und es sich am heimischen Computer einfach am besten Fotos sortieren und bloggen lässt (ich besitze leider keinen Laptop), hat sich das alles ein bisschen verzögert. Die ersten beiden Einträge findet ihr hier und hier.

Für unseren dritten Tag hatten wir uns ein straffes Touristenprogramm zurecht gelegt. Im Nachhinein denke ich, dass es wahrscheinlich ein bisschen zu viel war, aber da wir nicht alle Tage nach London reisen können (leider), es für das Mädchen das erste Mal überhaupt war und der Gatte bei seinem einzigen Besuch vor Ewigkeiten wohl nicht wirklich Sightseeing gemacht hat, war ich fest entschlossen, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten wenigstens zu streifen.

Glücklicherweise ging die Tube nach dem lästigen Streik an diesem Morgen wieder wie gewohnt an den Start und so saßen wir direkt nach dem Frühstück in der Piccadilly-Line, ausgerüstet mit unseren Oyster-Cards und Sightseeing-Pässen, die uns heute überall freien Eintritt ermöglichen sollen. Touri-Flatrate sozusagen :)

1. Halt - Tower Hill 


Unser Tag beginnt im Tower of London, der kurz vor 10:00 noch relativ menschenleer ist. Wir sehen das Traitor's Gate, durch das Anne Boleyn seinerzeit als Gefangene in den Tower gebracht wurde und streifen ausgiebig durch den White Tower, der vollgestellt ist mit Rüstungen, Gewändern, Waffen und anderen Artefakten von Königen und Rittern - angesammelt im Lauf der Jahrhunderte. Für Kinder gibt es dort viel zu entdecken, anzufassen und auszutesten und dabei ist der White Tower nur ein Teil des riesigen Geländes. Vom White Tower aus geht es direkt weiter zum Schafott. Das Mädchen will das nämlich unbedingt besichtigen und ist fast etwas enttäuscht, dass man kein Blut und keine Skelette sehen kann. *grusel*

Da sind die Kronjuwelen doch ein wesentlich hübscherer Anblick, obwohl es einen als Instagrammer natürlich zwangsläufig wurmen muss, dass Fotografieren verboten ist in diesem gigantischen begehbaren Tresor mit den königlichen Insignien der englischen Monarchen in Panzerglasvitrinen. Auf Rollbändern schwebt man an dem ganzen Geschmeide vorbei, das so funkelt und glänzt, dass es fast künstlich wirkt. (Der Gatte ist sowieso überzeugt, dass die wirklich echten Juwelen nicht im Tower untergebracht sind, sondern nur Attrappen, aber lassen wir das..).

Als wir aus der schummrigen Glitzerwelt wieder hinaus ans Tageslicht kommen, nutzen wir die Chance, ein Foto mit einem der berühmten Yeomen-Wächter zu machen und ein Eis zu essen. Jener Wächter macht uns bei dieser Gelegenheit noch unvergleichlich britisch-freundlich darauf aufmerksam, dass wir den kleinen Roller des Mädchens eigentlich gar nicht mit auf das Gelände hätten nehmen dürfen. Aber, so versichert er uns, das sei ja überhaupt nicht unser Fehler, am Eingang hätte es bemerkt werden und verboten werden müssen, und das sollen wir einfach so erklären, sollten wir noch einmal deswegen gerügt werden.

Während der Gatte lieber ein kleines Päuschen auf einer Bank macht, nehmen das Mädchen und ich den Rundgang auf den Tower-Mauern in Angriff. Der zieht sich um das ganze Arreal herum und führt zwischendurch durch verschiedene Türme mit klingenden Namen (Salt Tower, Bloody Tower...) und spannenden Exponaten. Inzwischen sind so viele Leute unterwegs, dass es sich in den engen Wendeltreppen und Durchgängen immer wieder staut und so dauert diese "kleine" Runde länger als gedacht. Wieder zurück beim Gatten beobachten wir noch einen der berühmten Tower-Raben, der lautstark die Touristen ausschimpft, und nehmen dann Abschied von dieser faszinierenden Stätte britischer Geschichte.




Flussabwärts nach Greenwich


Direkt gegenüber ist der Tower Pier wo wir uns nach Greenwich einschiffen. Nach dem weitläufigen Tower-Gelände und dem herausfordernden Mauerspaziergang ist es angenehm, sich eine gute halbe Stunde lang einfach treiben zu lassen. Ein Führer spult per Megafon allerlei historische und neuzeitliche Fakten ab, aber man spürt, dass er diesen Monolog schon sehr oft genauso monoton runtergeleiert hat wie heute, und so schweifen unsere Gedanken schnell ab und ich konzentriere mich stattdessen darauf, gefühlt jeden Meter Küstenlinie fotografisch festzuhalten. Auf dem Fluss ist die Perspektive auf London nämlich wieder ganz anders, es geht vorbei an historischen Hafenanlagen, Yachthäfen und schließlich den modernen London Docklands und den Hochhäusern des Canary Wharfs. Dagegen scheint Greenwich aus der Zeit gefallen zu sein mit seiner baumbestandenen Promenade, dem Old Royal Naval College und den hoch aufragenden Segelmasten der neu restaurierten Cutty Sark.



Cutty Sark 


In Greenwich gelandet wirft das Mädchen - first things first ! -  aber erstmal ein paar Postkarten ein, genau so, wie sich das in England gehört.




Danach entern wir die Cutty Sark, die sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts als schnellster Teeklipper ihrer Zeit einen Namen gemacht hat. Seit den 1950er Jahren liegt sie als Museumsschiff in Greenwich. Nachdem sie 2007 vollständig ausgebrannt war, wurde sie 2012 komplett restauriert neu eröffnet. 


Foto: Gatte



Auf der Cutty Sark habe ich mich gefühlt, wie auf einem großen Abenteuerspielplatz. Das Konzept ist eindeutig auf Kinder (und solche, die sich ihr kindliches Gemüt bewahrt haben) ausgelegt: Am Eingang erhalten junge Besucher eine Entdeckerkarte, mit der sie kindgerecht und spielerisch durch die verschiedenen Decks geführt werden und auf der sie Prägestempel der einzelnen Bereiche sammeln können. Während die Kinder das Schiff hauptsächlich visuell entdecken, gibt es für Erwachsene viele interessante Fakten und Geschichten auf großen Infotafeln zu lesen. So war mir zum Beispiel überhaupt nicht klar, dass bis in das späte 18. Jahrhundert das heutige britische Nationalgetränk ein Luxus war, den sich nur die Reichen leisten konnten. Oder wie lang so eine Schiffsreise von Indien nach England damals dauerte. Kurzum: Hier hätte ich noch eine ganze Weile verweilen und weiter entdecken können. Ein absolutes Highlight unserer Reise.

Inzwischen ist es längst Mittagszeit und da wir keine Lust haben, in ein teures Restaurant hier am Pier zu sitzen, holen wir uns fix bei Boots ein paar Sandwiches (Tipp: die mit Ablaufdatum am selben Tag gibt es oft sehr günstig!) und Snacks und machen ein kleines Picknick mit Blick auf die Cutty Sark.

Eigentlich hatten wir geplant, in Greenwich auch zum Nullmeridian zu pilgern, so wie ich es seinerzeit auf einer Studienreise in der 12. Klasse erlebt hatte, aber ich hatte die Entfernungen nicht mehr richtig im Kopf und der Spaziergang durch weitläufige Parkanlagen auf den Hügel des Royal Observatory, nur um sagen zu können "wir waren da!", ist uns dann doch zu beschwerlich.

Unter der Themse durch


So drehen wir dann nur eine kleine Runde durch den Park des Naval College und suchen dann den Einstieg in den Fußgängertunnel zum anderen Flussufer. Die unterirdische Röhre verbindet Greenwich mit den London Docklands und darf von Fußgängern und Radfahrern genutzt werden. Das Mädchen und ich wechseln uns beim Rollern ab und haben uns kaum an den Gedanken gewöhnt, dass wir unter einem der größten Flüsse Europas spazieren, als wir auch schon am anderen Ende ankommen.

Dort finden wir uns in einem weiteren hübschen grünen Park wieder und so setzen wir uns noch ein wenig an die Promenade und schauen rüber nach Greenwich. Ruhig und friedlich ist es hier, man glaubt kaum, dass London so nah ist, und ich bin froh, dass wir rausgefahren sind.






Mit der Docklands Light Railway geht es von hier aus wieder fix zurück ins Zentrum. Dieses überirdische Stadtbahnnetz läuft voll automatisch und verbindet die Außenbezirke mit dem Londoner Verkehrsnetz. Uns bringt die Bahn wieder an den Ausgangspunkt des heutigen Tages, denn jetzt wollen wir endlich die Tower Bridge besichtigen, die wir vorhin mit dem Schiff unterquert und von weitem schon tagelang bewundert haben.


Schwindelerregend: Tower Bridge Exhibition


Hier müssen wir heute zum ersten Mal geduldig einen Moment am Eingang anstehen und verstehen auch bald warum: Auf den Fußgängerbrücken hoch oben wurde letztes Jahr ein Glasboden installiert, durch den man den Verkehr auf und unter der Brücke beobachten kann. Als wir ihn betreten wollen, können wir zunächst vor lauter Volk überhaupt keinen Glasboden sehen und erkennen auch schnell warum: Die Brücke ist weg! Also nicht wirklich weg, aber hochgeklappt, um ein hochmastiges Segelschiff durchzulassen. Spannend, das aus der Vogelperspektive zu beobachten. Schwindelfrei sollte man aber wohl sein, so ganz "ohne" ist es nämlich nicht, da oben sozusagen in der Luft zu stehen und runterzuschauen. 




Natürlich ist auch die Aussicht aus den Fenstern der oberen Fußgängerbrücken gigantisch, aber wir haben inzwischen das Londoner Panorama so oft fotografiert, dass es uns fast nicht mehr richtig begeistert. Für die aufwändig gestaltete Multimediashow nehmen wir uns dann keine Zeit mehr - es scheint wirklich eine Grenze zu geben, wie viel Sightseeing der Mensch am Tag aufsaugen kann... 

Im Maschinenraum


Die Eintrittskarte zur Tower Bridge Exhibition erlaubt auch die Besichtigung des alten viktorianischen Maschinenraums. Die riesigen Dampfmaschinen sind beeindruckend unwirklich und sehen aus, als seien sie direkt einem wilden Steampunkabenteuer entsprungen. Wir spazieren einmal durch und versuchen uns vorzustellen, wie das hier wohl ausgesehen haben muss, als diese Monster noch in Betrieb waren. 






Noch 'n Schiff - HMS Belfast


Weil sie direkt neben der Brücke ankert und weil sie in unserem Sightseeingpass enthalten ist und weil der Gatte bei der Marine war und weil wir noch nicht genug haben von London, entscheiden wir uns, noch kurz einen kleinen Spaziergang auf der HMS Belfast zu machen. Wirklich aufnahmebereit für die irre Menge an Informationen, die man sich auch dort reinziehen könnte, sind wir nun alle nicht mehr, aber es ist dennoch spannend, das alte Kriegsschiff zu erkunden.

Lebensechte Figuren stellen das Leben an Deck nach und im Funkerraum müssen wir zweimal hinsehen, um zu realisieren, dass da ein echter Mensch sitzt und funkt. Hinterher haben wir herausgefunden, dass dahinter eine Gruppe von Amateurfunkern steckt, die das Equipment aus der Zeit des Zweiten Weltkrieg nutzt, aber erstmal wirkte es auf uns sehr surreal, plötzlich einen "echten" Menschen in dieser Museumskulisse zu sehen.

Die HMS Belfast ist sicher ein spannendes Ziel für Schulklassen und britische Familien für einen Tagesausflug. Im Rahmen einer dreitägigen Städtereise gibt es für den durchschnittlichen Londonbesucher wichtigere Ziele, wenn ihr mich fragt.


Foto: Gatte

Für nach dem Sightseeing habe ich mir in den Kopf gesetzt, in Covent Garden Pizza zu essen. Aber nicht in irgendeiner Pizzeria, nein, es muss eine ganz bestimmte Pizzeria sein, die auf unserem kostenlosen Stadtplan nämlich mit einem Sonderangebot inseriert. (Da bin ich ganz Schwäbin) Inzwischen müde und abgekämpft irren wir eine Weile kreuz und quer durch die Gegend, bis wir endlich die richtige Adresse finden. Natürlich nicht mitten im Geschehen, sondern in einer Seitenstraße, aber das Sonderangebot gilt und gut schmecken tut's auch. Außerdem ist das Mädchen mit dem Kinderspezialmenü hochzufrieden und das ist ja die Hauptsache, wenn man mit Kindern unterwegs ist.

Trotzdem habe ich mich hinterher ein bisschen geärgert, dass wir nicht auf die paar Kröten (nach all den Ausgaben wäre es darauf nun auch nicht mehr angekommen) gepfiffen, ein Restaurant mitten in Covent Garden gewählt und noch ein bisschen mehr von der Stimmung dort mitgenommen haben. Aber nun ja, wir waren am Ende tatsächlich ein wenig erschöpft und wollten wirklich nur noch essen, dann unser Gepäck im Hotel holen und zurück nach Horley. (Außerdem waren unsere Handies leer und wenn man nicht fotografieren kann, kann man es auch gleich lassen, gell?)

Die Rückkehr nach Horley wurde dann allerdings auch noch eine etwas ätzende Odyssee, denn der Pendlerzug ab Victoria Station war stickig und überfüllt, sodass wir mit unserem Gepäck eingekeilt stehen mussten, statt gemütlich vor uns hin zu dösen. Die letzte Nacht war dafür sehr gemütlich und der Transfer zum Flughafen Gatwick im Morgengrauen lief ebenfalls einwandfrei. Die Castle Lodge kann man für Gatwick-Reisende wirklich nur empfehlen.





Tja.. so ging unsere Londonreise zu Ende. Viel zu kurz war sie, eigentlich nur ein Appetithappen, aber womöglich kommen wir ja mal wieder. Es gibt noch so viel zu sehen und zu entdecken. Nächstes Mal allerdings mit weniger Sightseeingstress und mehr Zeit für die Parks und kleinen Gassen, die Kunst und das Theater, die Menschen und die Atmosphäre. Irgendwann...


Rückschau:

London, 1. Tag
London, 2. Tag


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Kommentare:

  1. Oh man, da habt ihr ja ein megacolles Programm gehabt!!! Ja, bei London habe ich immer das Gefühl, dass ich was verpasse, wenn ich das und dies und jenes nicht auch noch gesehen habe.
    Wie du weißt war ich ja letzte Woche noch in London, und ich fand unser Programm auch schon gut gefüllt. Davon werde ich In den nächsten Tagen in Wort und Bild berichten.
    Dein Bericht erinnerte mich sehr an die Tage, als wir noch mit unserem Sony nach London fuhren. Beim Besichtigen der Tower Bridge hatte mein Mann die Eintrittskarten verbummelt und als wir in den Maschinenraum wollten, fand er sie nicht.
    Such und Wühl, nix!! Mein Sohn war mittlerweile leicht aufgelöst, und weinte bittere Tränen, weil er so gerne die Dampfmaschinen und alles sehen wollte, das erweichte wohl das Herz des Angestellten und er winkte uns unauffällig durch.
    Ich muss ja nicht erwähnen, dass mein Mann abends im Hotel die Karte ordentlich weggesteckt im Portomonee fand. ;-)

    Ach , dein Londonbericht weckt so viele Erinnerungen....
    Dank dir für die schönen Bilder und den tollen Text!
    LG, Monika

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    1. Oh, das klingt ja nach einer nervenaufreibenden Sucherei mit euren Tickets an der Tower Bridge! Muss aber mehreren so gehen, denn am Eingang wurde uns sehr nachdrücklich eingeschärft, dass man die Tickets noch mal vorzeigen muss :) Wie gut, dass die Londoner mit verpeilten Touristen so nachsichtig sind, da hatten wir auch das eine oder andere Erlebnis...

      Ja, unser Programm war schon insgesamt ziemlich rund und hatte die wichtigsten der "muss man gesehen haben"-Orten mit drin. Nächstes Mal nehme ich mir dann die Nebenschauplätze vor :)

      Außerdem warte ich sehr ungeduldig auf deine Londonberichte!

      LG,
      Hadassa

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  2. Dein Reisebericht hat mir wieder richtig Lust auf London gemacht! Ich war schon mehrmals dort und bin eigentlich kein riesiger Fan der Stadt, aber mein Freund meinte, dass er gerne mal hinmöchte und ich glaube, es gibt noch sehr viel zu entdecken, was ich noch nicht kenne. Danke für die Inspiration :)

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    1. Doch, unbedingt mal hinfahren, es gibt so interessante Ecken auch jenseits des Touri-Zirkus :)

      LG!

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