Mittwoch, 22. Juli 2015

Mein Körper. Eine Geschichte.

Mein Körper und ich blicken auf eine lange komplizierte Beziehung zurück.

Es fing schon damit an, dass ich als Kind und Jugendliche nicht sehr mädchenhaft war. Mir fehlten sämtliche der typischen Mädchenattribute - niedlich, anschmiegsam, lieb, brav, häuslich, putzsüchtig, modebewusst und so weiter - und ich achtete nur sehr ungern auf Äußerlichkeiten. Ich wusste, dass ich mehr Räuber als Prinzessin war und fand das auch ziemlich gut so.



Jedenfalls bis zur Pubertät. Dann wurde mir plötzlich sehr wohl bewusst, dass ich mit meiner stämmigen Figur, der großen Brille, dem pickeligen Gesicht, den Dellen in den Oberschenkeln und aus heiterem Himmel explodierenden Brüsten, so gar nicht mit all den "echten", in meinen Augen "elfengleichen" Mädchen in meinem Umfeld mithalten konnte. Dazu kam meine grundsätzliche Unsportlichkeit. Nein, mein Körper und ich waren überhaupt keine Freunde.

Wie gut, dass damals Grunge und Metal angesagt waren. Ich konnte mich wunderbar in weiten Holzfällerhemden, Band-Shirts und Dr. Marten's verstecken und so tun, als sei es mir völlig egal, dass ich so gar nicht dem gängigen Mädchenideal entspreche, und dass ich gewisse Kleidung nicht tragen kann, ohne darin mindestens moppelig auszusehen.

Erstaunlicherweise schaffte ich es durch diese schwierigen Jahre des Erwachsenwerdens dennoch ohne wirklich ernste Probleme, meine Erfahrung mit Essstörungen kam Jahre später, als ich eigentlich schon aus dem Gröbsten raus hätte sein müssen. Darüber hatte ich vor einiger Zeit schon mal ein paar Sätze verloren und so richtig überwunden habe ich diese Phase erst, als ich meinen Mann kennenlernte, der mir von Anfang an glaubwürdig signalisierte, dass die Form meines Körpers nachrangig ist, und diese Einstellung auch über die Jahre nicht abgelegt hat. Ein Glückstreffer von einem Mann. Es muss schrecklich sein, wenn man als Frau nicht nur mit dem eigenen miesen Selbstbild zu kämpfen hat, sondern auch noch einen Partner, der einen auf Äußerlichkeiten reduziert oder noch schlimmer, dauernd an einem herummäkelt. Horror!

Als ich ein paar Jahre später schwanger wurde kam damit die Sorge, wie sich das wohl auf meinen Körper auswirken würde. Denn irgendwie gehen doch alle Frauen aus der Form, wenn sie schwanger werden oder womöglich sogar stillen (inzwischen hatte ich eine liebevolle Beziehung zu meinen früher so verhassten Brüsten entwickelt), und bekommen nie wieder ihren Körper zurück.

Oder?

Nun, das Leben geht manchmal ironische Wege: Die ersten Monate der Schwangerschaft war mir so kotzübel, dass ich kaum Nahrung bei mir behalten konnte und danach blieb nicht mehr genug Zeit, richtig viel zuzunehmen. Am Ende hatte ich kaum 10 Kilo mehr auf der Waage als vorher. Überhaupt habe ich die Schwangerschaft und Stillzeit eher als versöhnlich empfunden, was meinen Körper betrifft.

Womit ich nicht gerechnet hätte: Dass mein Körper in der Schwangerschaft mit der Diagnose "seltenes Herzleiden" um die Ecke kommen würde, die mich völlig aus heiterem Himmel traf und mir mehrere Tage stationäre Untersuchungen, ein MRT, die Einstellung auf Betablocker und einen vorgezogenen Kaiserschnitt unter Vollnarkose bescherte. Und das mir, die ich fast sogar von Hausgeburt geträumt hatte! Jedenfalls waren von jetzt auf gleich meine problematischen Oberschenkel, mein verhasster Hintern und die Sorge vor ein paar überflüssigen Röllchen auf den Rippen kein Thema mehr. Plötzlich war eine zentrale Funktion des Körpers zum Problem geworden, die "Problemzonen" dagegen nichtig und klein.

Nun lebt es sich im Großen und Ganzen sehr ordentlich mit den täglichen Pillen und ich bin dankbar, dass es "nur" das ist, denn wenn ich seither eines gelernt habe ist es, dass viel mehr Menschen mit teils großen gesundheitlichen Problemen geschlagen sind, als man es als junger, gesunder Mensch immer vermutet. Trotzdem war ich zwei Jahre später doch ein bisschen niedergeschlagen, als mir die Implantation eines Defis unwiderruflich das Dekolleté verhunzte. Da die Batterien nur jeweils ein paar Jahre halten, werden da wohl noch einige Narben dazukommen über die Jahrzehnte, die ich noch mit dem Ding zu leben hoffe.

Interessanterweise fallen die kaum mal jemandem auf und ich kann nicht sagen, dass mich das Ding groß in meinem Alltag beeinträchtigt. Ich gehe schwimmen und zum Pilates und wenn es nachts manchmal unter der Achsel pocht, drehe ich mich einfach auf die anderen Seite. Dennoch: Seit ich körperlich eingeschränkt bin, nervt mich der Körperkult unserer Zeit noch mehr - in einer Gesellschaft, in der Kinder und Jugendlichen lernen, dass ein flacher Bauch und eine Lücke zwischen den Oberschenkeln wichtiger sind als ein starker Körper, ein kreativer Geist und ein freundliches empathisches Gemüt, läuft etwas grundsätzlich falsch. Daher nehme ich meine physischen Schwächen bewusst immer wieder als Aufhänger, um mit dem Mädchen die wirklich wichtigen Dinge zu thematisieren, die unser Menschsein ausmachen.




Diesen Beitrag schicke ich noch ganz fix zur Blogparade bei Fee. 



// Fee ist eine deutsche Bloggerin, die mich persönlich immer wieder mit ihren wahnsinnig tollen Fotos beeindruckt. Bei ihr sieht man auf den ersten Blick, dass es sich nicht um Handyknippsbilder handelt (wie bei mir zum Beispiel) und das schaue ich mir sehr gerne an. //


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Kommentare:

  1. Ein toller Beitrag, du schreibst offen und vom Herzen, das gefällt mir. Ich mache mir abgesehen von meinem Selbstbild auch vorrangig Sorgen um unsere Kinder und Jugend, die mit diesem "Ideal" groß werden. Am schlimmsten ist, dass es immer früher mit diesen Vergleichen los geht, das dauert nicht mehr bis zur Pubertät. Sehe das bei meiner Nichte, die erst 8 Jahre alt ist. Können nur hoffen und ein möglichst gutes Vorbild sein.

    Wünsche dir weiterhin eine glückliche und gesunde Zukunft.

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    1. Ja, ein gutes Vorbild sein. Das ist genau das, an dem ich mich übe, konkret, wenn das Mädchen sich mal wieder über meinen dicken Hintern lustig macht. Dann hinzustehen und zu sagen, dass man den aber eigentlich ganz toll findet in seiner Pracht, obwohl man selbst immer damit gehadert hat, ist nicht ganz einfach. Aber mit der Zeit klappts immer besser ;)

      VG,
      Hadassa

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  2. Liebe Hadassa,
    herzlichen Dank für deinen Beitrag. Ich weiß jetzt gar nicht, wie ich anfangen soll. Wohin man schaut, nur schöne Menschen, da bekommt man schon Depris, wenn man ein paar Kilos mehr auf die Waage bekommt und seine Falten bestaunt. Schlimm ist, dass es schon für achtjährige in München glaube ich Schönheitsstudios gibt. Jeder will schön sein, sehe ich ja auch auf den Blogs, wie die Wirklichkeit aussieht, das würde mich schon auch mal interessieren.
    Du bist du und deine Werdegang spricht für sich - bewundere ich dich doch, dass du mit dieser Sprache und diesem Land so gut zurechtkommst. Allerdings ist das älterwerden nicht schön, der körperliche Verfall. Da gibt es das Bild von Otto Dix "Alter" es ist so furchtbar und doch können wir nichts ändern. Je älter ich werde umso mehr kommen mir die Worte meiner Oma in den Sinn: "Du wirst auch noch älter, leider bekomme ich das nicht mehr mit" Ja, das denke ich oft, wenn ich die jungen Menschen über die Alten lächeln sehe.
    Kein Mensch ist vollkommen, aber er hat die Werte, die man nicht sieht und ich denke immer, an den Satz aus dem kleinen Prinzen: "man sieht nur mit dem Herzen gut". Bleib so wie du bist.

    Lieben Gruß Eva

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    1. Liebe Eva, danke für deinen lieben Kommentar, er bedeutet mir viel.

      Ja, das Älterwerden ist noch mal eine ganz andere Herausforderung des Lebens, stelle ich mir so vor. Ich schiebe das noch ziemlich weit von mir weg, aber ertappe mich schon auch manchmal dabei, wie ich anders darüber denke, was in 20, 30 Jahren sein wird, als noch vor fünf Jahren. Aufhalten lässt sich die Zeit eben nicht, aber so wie ich dich einschätze, händelst du diese Herausforderung ziemlich gut :) Das Zitat vom kleinen Prinzen ist sowieso eines der besten, die je geschrieben wurden. Finde ich.

      LG,
      Hadassa

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  3. Liebe Hadassa,
    Ich habe deinen heutigen post echt verschlungen, teils ein wenig erschrocken, weil du ja wirklich schon so einiges hinter dir hast, teils erstaunt, weil ich gar nicht gedacht hätte, dass du mit deinem Körper so lange im Unreinen warst.
    Vielen Dank für deine offenen Worte.
    Ich hatte gestern schon mal einen Beitrag gelesen, der sich auf Fee's post bezog. Auch Gina, die als Goldlockengina unterwegs in der bloggerwelt ist, hat da sehr offen geschrieben.

    Da kam ich echt ins Grübeln und versuchte mir darüber klar zu werden, wie ich zu meinem Körper stand und stehe. Ich bin wohl das, was man als normalgewichtig bezeichnet, nicht schlank, nicht mollig. Das war ich aber irgendwie schon immer. Nur bin ich als junges Mädchen oder junge Frau da anders mit umgegangen.
    Da fand ich meine stämmigen Beine furchtbar, hatte viele Hosen an und wenn Kleider und Röcke dann immer nur mind. wadenlang. Bis zum Knie, undenkbar!!! Obenrum war ich immer schmaler, als ab der Taille, breite Hüften und dann diese Oberschenkel....
    Viel schlimmer fand ich , dass ich so blass war, ich war so der Typ Schneewittchen, weiße Haut , dunkle Haare, da haben mir die Bemerkungen ( hattet ihr schlechtes Wetter im Urlaub, du bist ja total käsig, etc.) echt viel ausgemacht. Das hat dazu geführt, dass ich mich dann viele Jahre mit mäßigem Erfolg, echt in der Sonne gebraten habe, was meiner Haut sicher nicht gut getan hat und hoffentlich nicht zu Spätfolgen führt.

    Obenrum ist mit den Jahren durch Stillen (und die Schwerkraft) und das Alter einiges dazugekommen, also stimmen die Proportionen heute irgendwie besser.
    Klar habe ich mit den Jahren auch immer mal wieder ordentlich versucht abzunehmen, irgendwann sogar mal 10 Kilo, da hat aber keiner mehr gesagt: Boh, hast du toll abgenommen, sondern: Geht es dir nicht gut, bist du krank! Aber da wog ich dann immerhin noch 58 Kg. Jetzt paddele ich immer so um 70kg, bin ich drüber, habe ich ne Wampe, die mich stört, weniger optisch, als dass die Hosen unbequem werden. Im Moment bin ich drüber,(Urlaub, Geburtstage, Einladungen) und die Kilos hätte ich schon gerne wieder runter, was mit dem zunehmenden Alter echt schwierig wird. Hauptsache ist für mich, dass nicht schleichend nach und nach mehr dazukommen.
    So wie ich jetzt bin, fühle ich mich recht wohl, ich esse was mir schmeckt, bin mit meiner Figur im Reinen.
    Ich ziehe auch Kleider und Röcke an, die knapp bis zum Knie gehen, nicht weil meine Beine schöner sind, sondern weil,ich jetzt einfach denke, wem meine Beine nicht gefallen, der soll wegschauen.
    Ich ziehe am Strand auch schon mal einen Bikini an, möchte damit aber nicht liegend, wie man halt so liegt, geknipst werden, bin auf Fotos immer kritisch mit mir.

    Mittlerweile weiß ich, was ich tragen kann und was nicht geht.
    So sind bei meinen Waden Chinos, die schmal zulaufen, leider nicht drin, weil ich dann, nach dem Aufstehen erst mal eine Art Flamenco veranstalten muss, damit die Hosebeine wieder runterrutschen. ;-)

    Was mir so beim Schreiben klar wird: Ja, ich bin mit mir mehr im Reinen, als als junges Mädchen, ich weiß, was gut für meinen Körper und die Figur ist. Aber ich bin weit davon entfernt, nicht doch kritisch mit dem öffentlichen Bild von mir umzugehen.
    Allerdings, durch die Krebserkrankungen und Tode von engen Freunden, hat sich die Sicht auf das Leben an sich geändert, die Werte und Wichtigkeit von Dingen relativiert. Das hat sicher dazu geführt, dass ich mit den Jahren meinem Körper weniger Bedeutung beigemessen habe, dass ich aber auch vorübergehende, gesundheitliche Probleme (ich habe Bandscheibenvorfälle, und viele Jahre immer wieder starke Rückenprobleme, die ich aber jetzt ganz gut im Griff habe, und nicht mehr sie mich) eher akzeptiere, weil ich denke, dass ist nicht lebensbedrohend!!

    Puh, das ist glaube ich der längste "Kommentar", den ich je geschrieben habe, aber es war mir einfach ein Bedürfnis.
    LG, Monika

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    1. Liebe Monika, danke für deinen langen Kommentar. <3

      Eigentlich könntest du daraus doch glatt noch einen Beitrag für die Blogparade stricken, es würde wirklich gut passen, glaube ich. Meinen zu schreiben ist mir nicht leichtgefallen, zum einen aus Zeitmangel und zum anderen, weil er mir nicht so richtig aus den Tasten fließen wollte. Aber ich wollte ihn unbedingt schreiben, weil ich es wichtig finde, dass wir immer mal wieder voneinander hören, dass es uns allen ganz ähnlich geht. Es macht mich nämlich immer wieder betroffen, wie eigentlich fast jede Frau, die ich kenne, in ihrem Leben mal mehr, mal weniger mit ihrem Körper hadert. Und zwar damit, wie der Körper aussieht, nicht in erster Linie ob er gesund ist, stark genug, die Anforderungen des Alltags zu meistern oder so sportlich, dass er vielleicht mal einen 10km-Lauf schafft oder so. Nein, es geht meistens darum, dass irgendwas nicht schön genug aussieht. Das finde ich so schade. In den letzten Jahren kommt ja auch immer stärker der Jugendwahn dazu, den gerade in Promi-Kreisen viele in einer Weise ausleben, über die ich wirklich nur mitleidig den Kopf schütteln kann. Andererseits weiß ich ja nicht, wie es mir in 20, 30, 40 Jahren mit meinem Aussehen gehen wird, gell?
      Ich freue mich jedenfalls sehr von dir zu hören, dass du mit dir und deinem Äußeren im Reinen bist. Das ist viel wert :)

      Ganz liebe Grüße,
      Hadassa

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  4. Danke für deinen Beitrag und danke auch für die netten Worte zu meinem Blog. Du hast Recht: Ich habe auch erst durch meine Erkrankung (und eine Essstörung im Vorfeld) erkannt, wie krank unsere Gesellschaft in Bezug auf Körper ist. Man sollte meinen, das wäre schon was. Und trotzdem kann man immer noch nicht "richtig" aus seiner Haut...

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    1. Total... diese gesellschaftliche Programmierung auf Äußerlichkeiten vor allem bei Mädchen ist echt übel. Vor allem weil ich ja auch an mir immer noch merke, dass es mir alles andere als gleichgültig ist, so gelassen ich inzwischen auch geworden bin. Seufz.

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  5. Liebe Hadassa.
    Erst mal Danke für dieses Posting. Ich habe COPD, nur eine halbe Lunge. Und seit einem Jahr plagt mich eine nicht abheilende Achillessehnenwunde, die mit einem Krankenhauskeim infiziert war.

    Ich weiss, wie toll es ist gesund zu sein - und ich vermisse es. Das könnte auch eine 38er Figur, die ich eh nie hatte, nicht rausholen. Ich war nämlich immer der dicke Flummi, das Knuddelchen - aber ich habs geschafft auch die Pubertät zu überleben und ein einigermaßen ordentlicher Mensch zu werden. Und mit 51 sehe ich eh viele Dinge viel relaxter.

    Ganz liebe Grüsse zu Dir
    Susi

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    1. Danke für deinen Kommentar ♡

      Es ist wirklich immer wieder überraschend für mich, wie wenige Menschen in meinem Umfeld wirklich komplett gesund sind. Irgendwas haben die meisten und ich finde es gut, auch darüber zu sprechen und zu sehen, dass man eben nicht alleine ist mit dem Handicap :)

      Dass du schon 51 bist hätte ich vom Bild her aber niemals nicht gedacht !

      Ganz liebe Grüße zu dir,
      Hadassa

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