Donnerstag, 28. Mai 2015

Im hohen Norden

Wie letztens erwähnt, hatten wir uns für unseren Feiertag am letzten Sonntag einen Ausflug vorgenommen - in den Norden Israels sollte es gehen. Da Israelis sehr gerne Ausflüge machen, vor allem an Feiertagen, brachen wir für unsere Verhältnisse ziemlich frühzeitig auf und erreichten noch vor der großen Mittagshitze Rosch HaNikra, den nördwestlichsten Punkt des Staates und quasi das Ende unserer Welt.

Hinter einem großen gesicherten Rolltor liegt die libanesische Grenze, nach Beirut sind es von hier aus nur 120 Kilometer, zum Mittagessen könnten wir locker dort am Meer sitzen. Ein schöner Traum, denn die Grenze ist für Zivilisten geschlossen und streng bewacht. An einem sonnigen Tag wie heute kann man leicht vergessen, dass nur wenige Meter hinter dem Zaun der Feind lauern soll, und es beklemmt mich immer wieder, wenn ich mir bewusst mache, wie streng bewacht dieser kleine enge Flecken Erde hier ist. Ich beneide euch Europäer, die ihr einfach übers Wochenende mit dem Auto nach Österreich, Dänemark oder in den Elsaß fahren könnt, offene Grenzen haben schon was von großer Freiheit, die nicht selbstverständlich ist.

Aussicht Richtung Haifa
An der Grenze
Doch zurück zu Rosch HaNikra, dessen Name "Kopf der Felsenhöhle" auf die tiefen Einschnitte und Grotten zurückgeht, die das Meer über die Jahrhunderte in die hohen Kalksteinfelsen gespült hat. Mit einer Seilbahn kann man an der Felswand entlang hinunter zu den Höhlen fahren, beziehungsweise man könnte es, wenn die Seilbahn nicht derzeit außer Betrieb wäre, was wir natürlich im Vorfeld nicht wussten. Minibusse bringen stattdessen die Besucher zum Eingang der Höhlen, was zwar weniger spektakulär ist, dafür aber garantiert schneller geht, als sich stundenlang in die Warteschlange für eine winzige Seilbahn zu stellen. Mit der Seilbahn fahren wir dann wieder im Allgäu :)

Die Grotten von Rosch HaNikra sind aber tatsächlich beeindruckend und der Rundgang durch die verzweigten Tunnel länger als ich dachte, ein Film erzählt von der Geschichte dieser Felsformation, die mich faszinierte. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass schon Alexander der Große hier einen Tunnel anlegen ließ und dass die Briten während des zweiten Weltkrieges einen Eisenbahntunnel hindurch gruben, um auf der Bahnstrecke Haifa-Beirut-Tripoli Material Richtung Norden zu schicken. Dieser Tunnel wurde letztlich im Unabhängigkeitskrieg von der israelischen Armee gesprengt, um das Vorrücken von libanesischen Truppen zu verhindern - Teile des Tunnels sind aber bis heute intakt und auch die Eisenbahnschienen kann man nachverfolgen. 

Die Kalksteinhöhlen
Beeindruckende Felsen
Man könnte fast an Zypern erinnert werden
Da Beirut als Lunch-Location ja leider ausscheidet, machten wir uns als nächstes auf Richtung Akko. Das antike Hafenstädtchen mit seinem orientalischen Flair und der verwinkelten Altstadt ist Unesco Weltkulturerbe und wäre als solches eigentlich einen ganzen Tagesausflug wert. Nach einigen Schweißausbrüchen, Fastzusammenstößen und viel wildem Gestikulieren und Hupen fanden wir einen etwas weiter entfernten, dafür offiziell ausgewiesenen Parkplatz und machten uns an der Promenade entlang auf den Weg in die Altstadt.

Akko Promenade
Stadtmauer


Saftladen und Leuchtturm
Wohnen am Wasser
Da wir inzwischen ziemlich hungrig waren (das Mädchen ganz besonders) und keine Lust auf eine ermüdende Suche nach einem geeigneten Lokal hatten, kehrten wir direkt in das erstbeste ein, an dem wir vorbeikamen. Im Vergleich mit Jerusalem oder Abu Gosh waren die Preise absolut im Rahmen, der Tisch stand direkt am Wasser, der Service war, wie so oft in arabisch geführten Restaurants, einwandfrei, die Salate frisch und das Fleisch lecker. 

Mittagessen
Mediterranes Tafeln... 
Außerdem im Preis enthalten: die Lokalmatadoren beim Kamikazekunstspringen von der Hafenmauer und allerlei lärmende Wasseraction als Unterhaltungsprogramm.

Wasserakrobatik und Entertainment inklusive

Nach dem Essen spazierten wir noch ein wenig durch die Altstadt, es war erstaunlich wenig überlaufen und wir fühlten uns nur ein bisschen wie Touristen. Ok, schon etwas mehr als ein bisschen. Die Karawanserei ist ein tolles Fotomotiv und hätte ich mehr Zeit gehabt, hätte ich da wahrscheinlich noch wesentlich länger Säulen und Bögen fotografiert, aber der Gatte und das Mädchen hatten dafür nicht wirklich viel Sinn. Auch der Basar, das türkische Bad, die Hospitaliter-Festung, die historischen Synagogen und Moscheen werden warten müssen bis zum nächsten Besuch. Immerhin: Zu einem Gang durch die Templertunnel konnte ich sie grade noch überreden, Tunnel sind immer gut. 

Am Eingang der Tunnel stolperten wir über eine unerwartete Sehenswürdigkeit der anderen Art: Mitten im alten Gemäuer von Akko gibt es dort eine öffentliche Toilette nach europäischem Standard. "2theloo", eine niederländische Geschäftsidee, funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip wie die Sanifair-Toiletten, die wir in deutschen Autoraststätten schon kennengelernt haben. Dieses blitzblank geputzte und mit Tork-Papier ausgestattete Luxusklo mutet in seiner antiken Umgebung surreal deplatziert, obwohl die Idee dahinter wirklich genial ist. Leider war ich so perplex, dass ich völlig versäumte, ein Foto davon zu machen, aber ich wünsche mir für die lokalen Betreiber, dass ihr Konzept aufgeht. 

Khan al-Umdan -
alte Karawanserei 
geheimnisvolle Ecken und Tore
bewachsene Nischen und Mauervorsprünge
Kuriositäten... 
...

Wohnen hinter der Stadtmauer
zufriedenes Kind
Taubentreff

Alles in allem ein ausgefüllter Feiertag :)


Wie habt ihr Pfingsten und Schawuot verbracht? 




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Kommentare:

  1. Hallo Hadassa,
    Danke für den schönen Ausflug. Habe ihn sehr genossen.
    Liebes Grüßle an Dich.
    Gudrun :) von Baustelle "Leben"

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    1. sehr gern geschehen liebe Gudrun :)

      Liebe Grüße an dich!

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  2. Was für ein wunderbarer Ausflug! Danke fürs Mitnehmen. Die Tunnel und Höhlen sind wahrscheinlich bei der Wärme angenehm kühl.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. absolut, sehr angenehm! und da ich sowieso bei der hitze immer das dringende bedürfnis habe, mich unter stein und beton zu verschanzen, passte das sehr gut :)

      LG!

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  3. Grüß Dich, Hadassa.
    Inzwischen liegt das bayrisch-schwäbische "Grenzgebiet" unter einem Wärmeausläufer Spaniens - 32 °c. Allerdings plus Gewitter. Wachstumswetter also.

    Die überschaubaren Dimensionen Israels laßen eine geschloßene Grenze umso intensiver ins Bewußtsein fallen. Ungewohnt für den reisefreudigen Westeuropäer, stimmt. Wieso eine Genze definiert, daß alle Menschen dahinter zu haßen/verachten seien, bleibt mir seit Jahrzehnten meines Interesses für Geschichte ein Rätsel. In den Sechzigern galt jetzt der Libanon als die Schweiz des Nahen Osten; ein religiös verwursteter Machtkampf legte das in Schutt wie Asche - und wofür?
    Dafür, daß sich Obere als Herrscher gerieren dürfen - die reine Hybris.

    Schon anmerkenswert, daß der mediterrane Raum doch zu einer ähnlich temperamenthaltigen Fahrkultur neigt - egal an welcher Küste. Man/frau fällt eher durch ein Nichthupen auf - quasi.
    In eine Stadt wie Akko atmet wohl jeder einzige Stein Geschichte!

    Ich kann mir die optische Sonderwirkung einer solchen Bedürfnis-Zelle gut vorstellen - als wäre die TARDIS gerade angekommen. :-)

    Deine Schnappschuß von der bewohnten Stadtmauer erinnert mich direkt an die Häuschen auf der Ulmer Stadtmauer; anderes Klima, aber die gleiche Idee.

    Der Brotkorb macht einem direkt Hunger auf Appetit.

    Ein gelungen schöner Ausflug.

    bonté

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