Donnerstag, 7. Mai 2015

[Buch] Eshkol Nevo: שלוש קומות / "Drei Etagen"

שלוש קומותשלוש קומות by Eshkol Nevo
My rating: 4 of 5 stars

Eshkol Nevo, ich habe es schon öfter erwähnt, ist einer meiner liebsten Neuentdeckungen der letzten Jahre. Langsam aber sicher arbeite ich mich durch seine bisher erschienenen Werke, "Schalosch Komot" (wörtlich "Drei Etagen") ist nun das erste, das ich von Anfang bis Ende auf Hebräisch gelesen habe.

Nevos neuen Roman könnte man fast als drei Novellen unabhängig voneinander betrachten. Denn er wählt als Kulisse ein Wohnhaus, irgendwie mitten in Israel, und teilt ihn in drei Etagen: Unten lebt Arnon mit seiner Frau und zwei kleinen Töchtern, in der zweiten Etage Chani, deren Mann beruflich viel reist und sie mit den Kindern allein lässt, und oben Dvora, eine erst kürzlich verwitwete Richterin im Ruhestand. Sie alle machen einer nahestehenden Person ein intimes Geständnis: Arnon beichtet einem alten Armeefreund, mit dem er sich in einem Café trifft, Chani schreibt einen langen Brief an ihre Schulfreundin im Ausland und Dvora spricht ihres auf den alten Anrufbeantworter, auf dem immer noch die Ansage ihres verstorbenen Mannes zu hören ist.

Wie immer dringt Eshkol Nevo tief in die Psyche seiner ganz normalen Protagonisten ein und beleuchtet ihre alltäglichen Nöte von innen heraus. Bei ihm habe ich ganz oft das Gefühl, dass er eigentlich über mich schreibt, so nah ist er an der ganz schnöden - und dennoch oft so schwierigen - Lebensrealität, die ich selbst nur zu gut kenne. Die Komplexität von Beziehungen aller Art zieht sich dominant durch alle "Etagen" und hat mir einiges zu denken gegeben. Ich mag an Eshkol Nevo, dass er nicht banal wirkt, keine einfachen Lösungen für ein gutes Ende aus dem Hut zaubert, aber dennoch oft einen positiven Unterton behält. Das lässt mich immer wieder gerne seine Geschichten zur Hand nehmen.

Bei Schalosch Komot ist mir das auch dadurch leicht gefallen, dass es durch die Drittelung überschaubar war, weil ich so die einzelnen Teile ziemlich losgelöst voneinander lesen konnte. Am meisten hat mich die dritte Etage angesprochen, und ich finde es fast schade, dass Dvora keinen eigenen Roman nur für sich bekommen hat. Ihre Geschichte gäbe aus meiner Sicht noch mehr her und endet viel zu früh (obwohl es ein gutes Ende ist. Ja.) Auch die beiden anderen haben mich berührt und beschäftigt, aber nicht so sehr wie die pensionierte Richterin.

Insgesamt ein gutes, dichtes und wieder sehr israelisches Buch von Eshkol Nevo.


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Weitere Rezensionen:

Eshkol Nevo: Neuland / Drei Häuser und eine Sehnsucht


Auf Deutsch erscheinen Eshkols Bücher im dtv.


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Kommentare:

  1. Hallooooo,
    wenn du morgen gucken möchtest, ich habe einen Bericht über den Besuch der Stuttgarter Synagoge morgen
    veröffentlicht. Da habe ich den Samstagskaffee.
    Gestern war auch der Israeltag in Stuttgart am Schloßplatz sehr interessant.
    Ich habe ne Menge gelernt und sehe vieles anders.
    Wenn du gucken magst, falls du mir Tips geben möchtest, bzw. Kritik oder Lob hast, so darfst du mir
    gerne ein Mail schicken, weil ich doch keine Kommentarfunktion habe.
    Mit lieben Grüßen Eva
    Vielleicht mache ich doch mal eine Reise nach Israel.

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    1. Eine Reise nach Israel ist immer gut. Ich kenne niemanden, der das bereut hätte :)

      Ganz liebe Grüße!

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  2. Salut, Hadassa.
    Da Du von drei eher unabhängigen Novellen schreibst, deren dritte gar das inhaltliche Potenzial für einen eigenen Roman hätte, nehme ich die Vermutung an, daß die Figuren - obschon unter einem Dach lebend - eher keinen Kontakt zueinander hegen. Eher ungewöhnlich, oder liegt dieses soziale "nicht Sein" eher unter einer dünnen Tünche alltäglicher Floskeln verborgen!?

    Unser tägliches Leben endet ja nicht mit einem Happy End, das unterhaltsame Geschichten gern verwenden; nachdem sich ein Paar gefunden hat oder eine Verwechlungskomödie entworren ist - das Leben geht weiter, nimmt unbeirrt seinen Lauf. Von daher sind solche Stories nahe an der Realität gebaut.

    Eben im Radio vernommen, daß mit 'Café Ta´amon, King George Street, Jerusalem' ein Dokumentarfilm über eben dieses, die politischen Hitzköpfe & visionären Dichter darin, anläuft.

    bonté

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    1. Doch, die drei Protagonisten kennen sich untereinander schon, aber es scheint eher eine oberflächliche "wir grüßen uns höflich im Treppenhaus"-Beziehung zu sein. So ähnlich kenne ich das aus allen bisherigen Wohnsituationen hier in Israel. Man kennt und grüßt sich, aber so richtig tiefgehende Beziehungen entstehen zwischen Nachbarn in Mehrfamilienhäusern meiner persönlichen Erfahrung nach nur wenn man Glück hat.

      Der Dokumentarfilm klingt interessant, ich werde die Augen offen halten...

      LG :)

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