Freitag, 17. April 2015

#Schreibzeit (4) Demut - Deutsch sein am Jom HaShoah

Bines #Schreibzeit-Thema diesen Monat lautet "Demut". Ein Begriff, unter dem sich wohl jeder ein bisschen was anderes vorstellt. Manche werden es spirituell auslegen, denn Demut gilt ja in vielen Religionen als Tugend. Andere ermahnen sich selbst zur Demut, wenn sie mal wieder über allerlei Widrigkeiten des täglichen Lebens lamentieren, während anderswo die Menschen kaum genug Reis zum Überleben haben und ein Bekannter von mir schrieb die Tage einen wunderbaren Artikel über seinen Krankenhausbesuch bei einem alten Mann, dessen Weisheit und Gottergebenheit am Ende ihn, den besuchenden Seelsorger, demütig und gleichzeitig gestärkt nach Hause fahren ließ.

Mir selbst ist der biblische Demutsbegriff nicht fremd, und ich übe mich, mal mehr, mal weniger, im demütig sein, denn ich bin von Natur aus ein eher widerspenstiger Mensch. Große Demut verspüre ich aber jedes Jahr wieder am israelischen Holocaustgedenktag Jom HaShoah, der hier gestern begangen wurde.

Am Jom HaShoah wird in Israel der Opfer des Holocausts und der Helden des Widerstandes gedacht und die Überlebenden geehrt. Am Vorabend des Gedenktages entzünden in Yad VaShem stellvertretend für 6 Millionen ermordete Juden (davon 1,5 Millionen Kinder) Überlebende (Videos und Zeitzeugnisse) 6 Gedenkfackeln. Ähnliche Zeremonien werden auf öffentlichen Plätzen, in Schulen und Universitäten abgehalten. In den letzten Jahren sind die teilweise weit über 90-jährigen Überlebenden Menschen, die damals noch Kinder waren. Das macht ihre Zeitzeugnisse für mich persönlich besonders schwer auszuhalten. 

Ein Schüler an der Schule meiner Tochter las das Zeugnis seines Großvaters vor, der sich als Junge in einem Keller versteckt hatte und nur überleben konnte, weil er dort Kisten mit Schokolade fand und Eis zu Trinkwasser schmelzen konnte. Wir hören von einer 12-jährigen, die mit ihrer kleinen Schwester allein in Frankreich untertauchen musste, nachdem die Eltern deportiert worden waren, und von einer Mutter, die im letzten Moment ihrem 9-jährigen Mädchen zur Freiheit verhelfen konnte, bevor die ganze Familie nach Treblinka deportiert und ermordet wurde. Und von Brüdern, die sich bei der Ankunft in Auschwitz als Zwillinge ausgaben, um den Gaskammern zu entgehen und in der Folge von Mengele für grausame Menschenversuche missbraucht wurden. Es sind diese Einzelschicksale, die mir die Luft abschnüren und in mir als Deutsche jedes Jahr neu ein Wechselbad der Emotionen auslösen.

Dieses Gefühl ist auch nach über 10 Jahren im Land immer wieder ganz frisch, vielleicht weil mir jedes Jahr neue grausame Aspekte bewusst werden. Dieser Jahr der unter anderem der Todesmarsch von 1300 Frauen nach Volary oder der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in den Lagern. Das ist schwer auszuhalten, aber es zeigt mir immer wieder, dass wohl kein Mensch jemals das ganze Ausmaß des Holocaust wird erfassen können und bestärkt mich in meiner Meinung, dass es ein "zu viel" an Aufklärung und Unterricht zu diesem Thema nicht geben kann und die mitunter gehörte Behauptung in Deutschland, man könne es jetzt ja auch mal gut sein lassen mit dem Thema, eine ganz große Farce ist.

Demütig stehe ich aber auch vor diesem Volk, dass es geschafft hat, nach dieser unbegreifbaren, grausamen Vernichtungskatastrophe aufzustehen und eine Zukunft für die Nachgeborenen zu schaffen. Eine hart erkämpfte Zukunft, und damit meine ich nicht nur die Kriege um das Staatsgebiet Israel, sondern auch den täglichen Kampf der traumatisierten Opfer, ihr ganz alltägliches Leben zu stemmen. Dass ich heute in diesem Land leben darf, habe ich diesen Helden zu verdanken, die es geschafft haben, sich aus tiefschwarzer Dunkelheit zurück ins Licht zu kämpfen.

Das und auch, dass ich als Deutsche hier leben darf und nie nach meiner Herkunft bewertet werde (in all den Jahren hatte ich genau eine negative Begegnung in diesem Zusammenhang), lässt mich immer wieder demütig zurück. 

Aus der Dunkelheit ins Licht - Zeichnung meiner Tochter (8)


/// Unter der Überschrift #Schreibzeit lädt Bine (was eigenes) einmal im Monat alle Bloggerkolleginnen ein, wild im Kopf herumschwirrende Gedanken zu einem bestimmten Thema in Worte zu fassen und aufzuschreiben. ///


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Kommentare:

  1. Liebe Hadassa,
    als ich in den Nachrichten von dem Gedenktag in Israel hörte, dachte ich natürlich spontan an dich und wie du dich als Deutschstämmige an diesem Tag dort fühlst, ob du angefeindet wirst oder worden bist.
    Deshalb kam mir dein post zu diesem Thema gerade"recht", und ich finde es sehr, sehr schön (doofes Wort, aber erfreulich hört sich in dem Zusammenhang auch komisch an), dass die Menschen wohl sehr gut unterscheiden können zwischen den Nazideutschen und der jungen Generation, die weit nach dem Krieg geboren wurde.
    Ich stimme dir zu, dass sollte einem demütig machen, wie Menschen die den Holocaust und dessen Folgen überlebt haben, ihr Leben danach gemeistert haben.

    Ich weiß noch, was ich beim Besuch in Auschwitz gedacht habe: Alles, alles, was ich vielleicht als Probleme ansehe, ist nichts!!! Nichts kann so schlimm sein, wie das, was Menschen hier angetan wurde. Und immer, wenn ich seitdem über vermeintliche Sorgen grübele, schaue ich mir den kleinen Stein, den ich dort vom Gleisbett mitgenommen habe, an, oder nehme ihn fest in die Hand und schon relativiert sich alles. Das ist meine Form der Demut.

    Mich würde mal interessieren, wie ihr innerhalb deiner Familie mit dem Thema umgeht.
    Eure Tochter ist ja noch recht jung, aber ist da deine deutsche Herkunft ein Thema in dem Sinn: Was war mit Oma/Opa, Uroma/Uropa in der Nazizeit?

    Ich erinnere mich der Diskussionen und Angriffe, die ich nach der Serie "Holocaust" in den Siebzigern (ich war da ein Teenager) mit meinen Eltern hatte, die wie Millionen Deutsche keine Nazis waren, aber eben auch nicht im Widerstand waren. Heute denke ich oft darüber nach, ob ich offen Widerstand geleistet hätte, oder nicht.

    Ich könnte noch so viele Gedanken dazu aufführen, aber das würde die Kommentarfeld sprengen.
    Also, vielen Dank für den Anstoss und ich werde mal wieder öfter reflektieren, was wirklich wichtig ist im Leben.
    LG, Monika

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    1. Liebe Monika,

      danke für deine Gedanken, die ich so gut nachempfinden kann. Obwohl der Holocaust bei uns Zuhause schon sehr früh sehr offen besprochen und thematisiert wurde (ich meine noch bevor es in der Schule "dran" war), war die "Holocaust"-Serie, die ich viel später sah, ein einschneidendes Erlebnis, in dessen Folge ich erstmalig vehement die Passivität meiner Großeltern hinterfragte. Als Jugendlicher ist man ja noch überzeugt, es mit der ganzen Welt aufnehmen zu können, nicht? Heute bin ich auch in diesem Punkt sehr demütig geworden und würde es nicht mehr wagen, zu beschwören, dass ich natürlich Widerstand geleistet hätte, obwohl ich es natürlich hoffe.

      Bewundernswerterweise habe ich immer wieder von Überlebenden gehört, dass unsere Generation selbstverständlich keine Schuld trifft, dennoch empfand ich lange anders. Erst auf einem Hügel in Yad Vashem konnte ich in dieser Hinsicht zur Ruhe kommen. Ausgerechnet dort, das war für mich ein ganz besonderer Moment!
      LG,
      Hadassa

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  2. Liebe Hadassa,
    was Du geschrieben hast, hab mich berührt und mich daran erinnert, wie furchtbar ich mich geschämt habe, als ich als Jugendliche das KZ Sachsenhausen besucht habe. Die Bilder, die Geschichten, die unschuldigen Menschen.... DA war ich wirklich demütig und hätte mich im Angesicht dieses furchtbaren Teils unserer Geschichte am liebsten vergraben. Ich glaube, eine stillere Rückfahrt in einem Bus voller junger Menschen gab es sonst nie. Ich glaube auch, das gar nicht genug aufgeklärt werden kann.
    Liebe Grüße,
    Christiane

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    1. Liebe Christiane,
      danke für deinen Besuch bei mir. Ich kann sehr gut nachfühlen, was du beschreibst. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar dafür, dass sie den ersten Besuch eines KZs (Buchenwald, ich muss wohl etwa 12 gewesen sein) mit mir zusammen gemacht haben und mich auffangen konnten.
      Liebe Grüße,
      Hadassa

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  3. Schabatt Shalom Hadassa,
    wir haben versucht, die Überschrift auf dem Bild Deiner Tochter zu entziffern. Es will uns aber nicht recht gelingen.
    Vielleicht kannst Du uns die einzelnen Buchstaben nennen und was es dann zusammengesetzt heißt.
    Habe Dank für die kleine Hilfe und noch einen schönen Schabatt.
    Schalom Gudrun :) von Baustelle "Leben"

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    1. liebe gudrun,

      die übersetzung steht im bilduntertitel ;-)

      mem-chet-vav-shin-chaf(sofit) lamed-aleph-vav-resh : miChoshech laOr

      liebe grüße zu dir,
      hadassa

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  4. Toda raba Hadassa,
    Danke für den Hinweis und die Erklärung der einzelnen Buchstaben. Als ich das dem Mann gezeigt habe, hat es sofort klick bei ihm gemacht und er wußte Bescheid. Ich hingegen verstehe nach wie vor nur Bahnhof und hoffe inständig, dass sich das jetzt bald mal ändert.
    Schawua Tov
    Gudrun :) von Baustelle "Leben"

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  5. Huch, wo ist mein Post hingegangen?

    Hallo Hadassa,
    ich war erstaunt, dass du so frei geschrieben hast. Aber leider ist die Ressonanz zu diesem Thema eher weniger.
    In meinem früheren Post habe ich schon öfters über den Genozid geschrieben. Auch am gestrigen Sonntag habe ich
    vom Aufstand im Warschauer Getto geschrieben. Der Post wurde kaum angeklickt. Die Leute wollen es einfach nicht mehr wissen. Für mich als Deutscher - auch wenn wir noch nicht auf der Welt waren - ist es eine Pflicht dieses Geschehene weiterzugeben.
    Ich war schon in einigen Konzentrationslagern und war jedesmal erschüttert, wie man Menschen sowas antun kann.
    Vor allen Dingen mit so einer Präzision. Ich hoffe, du verstehst das jetzt nicht falsch.

    Mit lieben Grüßen
    Eva
    wenn du willst schau einfach mal auf meinem Blog und lese zum gestrigen Sonntag, was ich geschrieben habe.

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    1. nicht post, entschuldige,
      ich hatte einen kommentar geschrieben und der war auf einmal weg.

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    2. Liebe Eva,

      der Kommentar ist angekommen, keine Ahnung, was das System da für einen Schluckauf hatte..?

      Ich habe deinen Beitrag über den Aufstand im Warschauer Ghetto vorhin unterwegs auf dem Handy gelesen. Kennst du das Jugendbuch "28 Tage lang" von David Safier? Das hat mich letztes Jahr sehr bewegt.

      Überhaupt wusste ich über den Aufstand bisher skandalös wenig, aber es gibt hier einen Kibbutz, der nach Mordechai Anielewicz benannt ist und auch ein kleines Museum beherbergt, das habe ich mir jetzt mal für einen Besuch vorgemerkt.

      Auch ich finde sehr wichtig, dass wir, die wir noch mit Überlebenden sprechen durften, das Zeitzeugnis weitertragen, damit das Gedächtnis auch in künftigen Generationen weiterleben kann.

      LG,
      Hadassa

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  6. hallo hadassa,
    man kann alles wissen. ich kenne z.b. das buch nicht. habe es mir aber jetzt vormerkt.

    dankeschön.

    lg eva

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  7. Salut, Hadassa.

    Die Klientel, die in regelmäßigen Abständen anmerkt, "es könne doch langsam Gras darüber wachsen", unterscheidet sich nicht wirklich & sonderlich von all denen, die nach Kriegsende vorgaben "nix gewußt" zu haben. All denen, die urplötzlich nie etwas mit den Braunen zu tun hatten, während sie Porträt & Buch noch schnell in die Jauchegrube verklappen.
    Daß die Aufklärung über ein industrielles Verbrechen - und all die damit verbundenen Ausfransungen an den Rändern - notwendig bleibt, zeigt bereits der Blick auf eine Dekade unverhinderter Morde des Nazi-Trios, quer durch die BRD.

    Meine prägende Konfrontation mit dem Abgrund der systematischen Vernichtung von Menschen hatte ich in meiner Kindheit - in der BBC-Reihe "The World at War"...
    Später Anne Frank, die Weiße Rose oder verfolgte, vergessene, ermordete Dichter, Schriftstellerinnen.

    "Bereits ein Unrecht zu verhindern vermag es den größeren Schrecken auszuhebeln."
    (F. Claire Serine)

    bonté

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