Mittwoch, 22. April 2015

Gedenken und nach vorne sehen



Die Flaggen säumen schon die Straßen hier bei uns, wehen von Autofenstern, Balkonen und Fassaden, bunte Fähnchen und Lichterketten dekorieren Kreuzungen und Innenstädte - Israel feiert morgen Geburtstag.

Doch bevor farbenprächtige Feuerwerke heute Abend die Feierlichkeiten zum 67. Unabhängigkeitstag einläuten können, müssen die Israelis einen der schwierigsten Tage des Jahres überwinden: Der Gedenktag für Israels Gefallene und Terroropfer ist ein stiller, bedrückender Tag in unserem sonst so vor demonstrativer Lebensfreude pulsierenden Land. Wie am Jom HaShoah gibt es Schweigeminuten, die von landesweit ertönenden Sirenen begleitet werden und den Alltag zum Stillstand bringen. In Schulen und öffentlichen Einrichtungen werden Zeremonien abgehalten. Da in Israel mit wenigen Ausnahmen alle jungen Männer und Frauen der allgemeinen Wehrpflicht nachkommen, gehen die Schicksale der breiten Bevölkerung viel näher als in vielen anderen Ländern. Viele Israelis sind an diesem Tag von der Arbeit freigestellt, weil sie gefallene Familienangehörige betrauern. Dieses Jahr, so kurz nach der Gazakrise im letzten Sommer, wird dieser Tag für 67 Familien, die dort einen Sohn verloren haben, unfassbar schwer durchzustehen sein.

Sergeant Liel Gidoni, 20, starb während einer einseitigen Waffenruhe im Gazastreifen. Seine Cousine Nofar Margaliot hat ihm dieses Lied gewidmet.




Lächelt, denn lächeln ist Freude
und die Freude ist die Kraft
weiterzumachen

"Liels Lächeln" - Nofar Margaliot 


Sergeant Erez Sagi, 19, starb bei einem Angriff durch Hamas-Terroristen, die über einen Tunnel auf israelisches Gebiet vorgedrungen waren. Die Liedermacher Guy and Roy Zu-Aretz haben ein Lied zu seinem Gedächtnis geschrieben, inspiriert von einer Geburtstagskarte, die er kurz vor seinem Tod seiner Mutter geschickt hatte.




Denk nicht, dass ich vergessen habe,
alles ist in Ordnung, ich werde dich nie vergessen. 
Manchmal ist es schwer, in Kontakt zu bleiben, 
doch ich werde ewig dein sein. 

"Denk nicht, dass ich vergessen habe" - Guy and Roy Zu-Aretz



Was wird das 68. Lebensjahr Israel bringen? Für meine Schwägerin die Einberufung ihres Erstgeborenen, der gerade die Schule abschließt und im September 18 Jahre alt wird. Ich denke heute viel an sie und frage mich, wie es ihr wohl geht an diesem Tag. Fragen ist schwierig, denn sie hat die stachelige Schale, für die viele Israelis bekannt sind, aber immer wieder ist sie doch spürbar, die Sorge.



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Kommentare:

  1. Hallo Haddassa,
    ich komme inzwischen sehr gerne auf deinen Blog. Er gefällt mir und mir gefällt auch, wie du über die
    Kaktusfrüchte (Sabre) schreibst.

    Ich weiß jetzt nicht so recht, wie ich es schreiben soll. Ich habe Bekannte, die Palästinester sind und sie haben auch
    Angehörige verloren. Ich sitze so zwischen zwei Stühlen.
    Weiter mag ich jetzt gerade nichts schreiben.

    Alles Liebe Eva

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    1. ich habe da was gefunden.

      http://www.israel-palaestina.de/Nahostkonflikt-Artikel/Gilad-Atzmon-sabre.htm

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  2. Liebe Eva, ich freue mich, dass du gerne mein Blog besuchst :)

    Ich habe heute lange überlegt, ob ich etwas zum Gedenktag schreiben soll, weil mir natürlich klar war, dass dies gerade so kurz nach der Gazakrise im letzten Jahr möglicherweise eine Kontroverse auslösen könnte. Trotzdem habe ich mich letztlich dafür entschieden, weil dieser Tag so einen hohen Stellenwert hat und seit der Staatsgründung vor 67 Jahren zum Leben in diesem Land gehört. Es ist leider, leider so, dass die Staatsgründung des Judenstaates damals in der Region nicht friedlich akzeptiert worden ist und dass Israel sich seither immer wieder hat verteidigen und dafür Leben lassen müssen. Dessen gedenken wir an diesem Tag, um den hohen Preis der Unabhängigkeit nicht zu vergessen. Seit einiger Zeit gehört dazu auch das Gedenken an Terroropfer, nicht nur gefallene Soldaten. Das heißt nicht, dass ich das Leid der Palästinenser nicht sehe, im Gegenteil, aber das sind in meinen Augen zwei Aspekte, die man getrennt betrachten kann.

    Zu dem verlinkten Artikel: Gilad Atzmon ist mir in seinen Ansichten zu extrem und einseitig. Der bekannte israelische Autor Amos Oz, der, im Gegensatz zu Atzmon, auch in Israel lebt und immer wieder eine Zwei-Staaten-Lösung fordert, hat letztes Jahr während der Gazakrise ein Interview gegeben, das ich in seinem Kern viel besser mittragen kann: Amos Oz: Israel kann nur verlieren

    LG,
    Hadassa

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    1. Liebe Hadassa, vielen Dank für den Link auf das Amoz Oz-Interview.
      Besonders treffend finde ich, wie er den Unterschied zwischen einem europäischen Pazifisten und ihm als "Peacenick" beschreibt - ein Wort, das ich bisher nicht kannte, was aber sehr deutlich zeigt, wie romantisiert und naiv sich in der Realität die Jesus-Variante verhält (Wange hinhalten und nochmal einstecken).
      Sie ist natürlich eine schöne Vision und mag sicher in weniger dramatischen Konflikten auch als Weg funktionieren - also statt direktes Zurückschlagen nach einem anderen Weg zu suchen und auch von der Absolutheit der eigenen Position abzurücken...aber das funktioniert ja nur, wenn das beide Parteien tun, und das scheint ja immer noch das Kernproblem zu sein.
      Die Sache mit den zwei Stühlen, zwischen denen man sitzt, haben hier auch Bekannte von mir, die Familienbande sowohl in Israel wie auch in Gaza hat. Ich denke, das ist ein, wenn auch trauriger, Teil der "Normalität" von Kriegen und deren Begleitumständen...

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    2. genau.. it's complicated. :-(

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