Sonntag, 15. März 2015

Öko in Afrika - ein israelischer Aussteigertraum

Wenn ich im Urlaub jenseits von Israel neue Leute kennenlerne oder alte Freunde treffe und von meinem Leben erzähle, ernte ich oft eine Mischung aus Unverständnis, Bewunderung und Verwirrung darüber, dass ich hier lebe und dabei sogar augenscheinlich glücklich bin. Auswandern (und dann noch in ein solches "Problemland") ist für viele unvorstellbar. Ich winke dann immer ab, für mich ist das Leben hier inzwischen so normal wie anderswo auch. (Meistens jedenfalls.) Ich bin, so gern ich mich manchmal romantisch als Biobäuerin in einem alten Bauernhaus mit Gemüsegarten und glücklichen Tieren träume, langweilige Städterin durch und durch. Ich liebe meine Spülmaschine, den Herrn Nilsson und Supermärkte direkt um die Ecke.

Von diesem gemütlich-spießigen Alltag aus schaue ich immer wieder gerne nach Tansania. Dort leben Freunde von uns ein Auswandererleben, das diesen Titel wirklich verdient.

Sarah lernte ich kennen, als ich damals meinen Hightech-Job aufgab und in Mutterschutz ging. Sie übernahm quasi meinen Schreibtisch und wir blieben in Kontakt. Wir hatten einiges gemeinsam, denn auch sie ist aus Deutschland und hatte ihren Mann Eyal während eines Freiwilligendienstes in Israel kennengelernt. Eyals Anliegen waren damals schon Nachhaltigkeit, Umwelt- und Tierschutz - Themen, die in Israel erst langsam ins Rollen kommen und nach wie vor keine breite Unterstützung finden.

Als ich hörte, dass Sarah und Eyal mit ihrer kleinen Tochter nach Tansania ziehen, um dort eine nachhaltige Lodge für Touristen aufzubauen, war ich trotzdem erstmal geschockt. Zu weit weg von meiner Vorstellungskraft liegt Afrika, zu krass schien mir das Leben fernab der Zivilisation, ohne Strom, fließendes Wasser und dann noch mit einem Kleinkind! Heute, rund vier Jahre später, bin ich begeistert zu sehen, was die drei geschafft haben. Und voll Bewunderung darüber, dass sie ihren Traum so unbeirrt leben.

Ich freue mich daher riesig, dass Sarah einverstanden war, mich ein Stück in ihr persönliches Leben auf der EcoLodge Tembo Kijani ("Grüner Elefant") zu lassen:

Viele junge Israelis träumen von einem besseren Leben im Ausland. Früher hieß der große Traum Amerika, heute wandern viele nach Berlin aus. Afrika ist dagegen ein sehr ungewöhnliches Ziel, wie kam es dazu? 


Lange Geschichte – es gibt viele Gründe, warum wir gerade hier sind. Ich bin ja schon sozusagen das 2. Mal ausgewandert – beim ersten Mal aus Deutschland nach Israel (wegen meinem Mann hauptsächlich) und dann haben wir Israel verlassen und sind nach Tansania gezogen. Viel lag daran, dass wir unseren Traum von einer ökologischen Farm in Israel nicht verwirklichen konnten, denn der Staat Israel hält nichts davon, seinen Bürgern Grundstücke für gewerbliche Zwecke zur Verfügung zu stellen, sondern leider nur zum Bau von Häusern. So konnten wir unseren Traum von ökologischen “Zimmerim” (Ferienwohnungen, Anm. Hadassa) mit einer kleinen Farm dabei nicht umsetzen. Wir haben nicht nur in Galiläa, sondern auch in der Negevwüste gesucht und wurden immer abgewiesen. Und damit waren wir es leid, haben den Globus rausgeholt und überlegt, wohin wir mit einem bestimmten Budget gehen können. Europa, Amerika und Australien waren also raus. Für Südamerika und Asien können wir uns einfach nicht begeistern und damit blieb Afrika übrig. Tansania ist ein recht stabiles Land ohne Krieg und auch sehr stark im Tourismus. So sind wir hier gelandet, zwar ohne Farm, aber dafür neben einem tollen Nationalpark – wilde Tiere sind uns dann doch lieber als Nutztiere.

Wildtiere ganz nah: Saadani

Ihr habt in vier Jahren quasi aus dem Nichts einen Lodgebetrieb aufgebaut, der vor kurzem sogar vom Lonely Planet als Spezialtipp erwähnt wurde. Ezählst du uns ein bisschen mehr von eurer Lodge und was sie so besonders macht? 


Ja, aus dem Nichts trifft es ziemlich genau. Wir sind hier angekommen und haben glücklicherweise vorher schon einen Brunnen bauen lassen, aber das war's. Als wir angekommen sind, war selbst die Hütte, in der wir leben sollten, noch ohne Dach und Boden. Aber das ist jetzt alles anders – wir haben Strom und fließendes Wasser, die Lodge steht und mittlerweile sogar unser Haus.

Ich glaube wir sehen es anders als unsere Gäste, was Tembo Kijani besonders macht. Wir wollten eine ÖkoLodge haben, wo Strom selbst produziert wird, wo die Materialien zum Bauen natürlich und wieder abbaubar sind usw. Auch wollten wir einfach etwas bauen, was die Natur drum herum nicht stört – und all das ist es auch geworden. Aber wenn ich mir die Kommentare unserer Gäste durchlese auf TripAdvisor oder auch in den E-Mails nach dem Besuch, dann sind das besondere an der Lodge Eyal, Timna und Sarah – vielleicht weil wir immer da sind, viel mit unseren Gästen zusammen sind, erzählen, sie mit unserer Begeisterung für “öko”, Natur und Safari anstecken und ihnen ein Gefühl des Willkommenseins und Daheimseins geben. Vielleicht ist es einfach diese Kombination aus öko und sehr persönlich, wozu dann noch Safari und ein traumhafter Strand kommen.

Windkraft

Immer wenn ich Fotos von eurem wunderschönen Strand und dem Saadani Nationalpark sehe, will ich am liebsten sofort einen Flug zu euch buchen. Mein Mann hält mich für verrückt. Ist es wirklich so abwegig, Familienurlaub bei euch machen zu wollen? Was sagst du solchen Leuten, um ihnen ihre Bedenken zu nehmen?


Also, mal abgesehen davon, dass ich mich sehr freuen würde, wenn ihr uns besuchen kommt, liegt es natürlich immer an den Gästen, ob unsere Lodge etwas für sie ist oder nicht. Ich denke allgemein ist Afrika eher etwas für Familien mit älteren Kindern, also 12 und aufwärts, denn auf Safaris (und das ist ja nun der Hauptreiz an Afrika) sitzt man einfach die meiste Zeit im Auto. Das ist nicht wirklich etwas für kleine Kinder. Dazu kommt dann meistens noch die Hitze, lange Reisewege etc. Aber ich schätze deine Tochter ist mittlerweile alt genug und würde wahrscheinlich nicht nur den Strand genießen, sondern auch die Tiere im Nationalpark. Man muss halt wissen, auf was man sich einlässt, wenn man nach Tansania reist – nämlich ein Dritte-Welt Land mit sehr wenig Infrastruktur, aber dafür umso mehr Natur. Es ist nicht der 0815-Neckermann-Pauschalurlaub. Meistens fährt man ja auch nur ein Mal im Leben nach Afrika, einfach weil es weit weg ist und auch noch recht teuer, also sollte man es umso mehr genießen. Bedenken bezüglich Tropenkrankheiten und anderen Gefahren muss man eigentlich nicht haben – man sollte einfach nur keine dummen Sachen machen wie zum Beispiel in stehenden Gewässern schwimmen, Wasser aus unbestimmter Quelle trinken (Leitungswasser von Stadtwerken gibt es hier auch nur in den großen Städten), nicht mit den Geldscheinen aus dem Hosenbund raushängend in der Gegend rumlaufen usw. Es ist einfach ein riesengroßer Kulturschock, denn Europa, speziell Deutschland, und Afrika, speziell Tansania, liegen himmelweit auseinander in allem, aber wenn man ein bisschen darauf vorbereitet ist, ist Tansania ein tolles Reiseziel.



Eure Tochter wäre in Israel jetzt ein Vorschulkind, wie ist das in Tansania? Gibt es vor Ort eine Schule, in die sie gehen kann oder unterrichtet ihr sie selbst? 


Es gibt zwar eine Schule vor Ort, also sprich im nächsten Dorf in 4 km Entfernung. Aber die Schulbildung hier ist so schlecht, dass es besser ist, sie geht nicht hin. Daher werde ich sie hoffentlich ab dem kommenden Sommer selber zu Hause unterrichten. Sie ist jetzt erst 6 geworden, kann aber schon lesen und schreiben und ihr Au-Pair bringt ihr reichlich viel Mathe bei. Außerdem kann sie ja schon 3 1/2 Sprachen (Deutsch, Hebräisch, Englisch und ein bisschen Kiswahili). Schultechnisch fehlt ihr also nix, es sind eher die gleichaltrigen Freunde, die ihr fehlen. Aber dafür freut sie sich umso mehr, wenn es zu ihrer Freundin (3 Jahre alt) in der Nachbarlodge geht oder wir Gäste mit Kindern haben. Sie kommt mit jedem zurecht und spielt auch öfter mit unseren deutschsprachigen Gästen Mensch-Ärger-Dich-Nicht oder lässt sich Geschichten vorlesen.

Flusspferde in Saadani

So ein Familienbetrieb macht viel Arbeit und lässt wenig Spielraum für Privatleben. Wann findet ihr Zeit für euch als Familie? Träumt ihr manchmal von einem geregelten 8-Stunden-Tag und Pauschalurlaubsreisen? Gibt es Momente, in denen ihr am liebsten alles hinwerfen würdet? 


So viele Fragen auf ein Mal.. :) Tja, alles hat seine Schatten und Sonnenseiten. Oft, vor allem in der Hauptsaison, finden wir kaum Zeit als Familie. Mein Mann und ich sind froh, wenn einer von uns ab und zu ein bisschen Zeit für unsere Tochter findet. Manchmal nimmt er sie mit auf Safari oder wir gehen nachmittags schwimmen, wenn es denn die Arbeit erlaubt. Wenn keine Gäste da sind, ist das etwas einfacher; dann genießen wir es, morgens etwas länger zu schlafen und unsere Tochter kommt noch mal für eine halbe Stunde zum Kuscheln zu uns ins Bett. Das gibt es halt nicht in einem geregelten 8-Stunden-Tag. Sie sieht, wie wir arbeiten und ist auch immer darauf bedacht zu helfen, wo es geht. Sie kennt die Tiere des Nationalparks und viele Vögel, sie hilft gerne beim Kochen mit, weiß wie man die Tische deckt und serviert den Gästen auch gerne Getränke. Wir sind also wirklich ein “Familienbetrieb”, wir sehen uns bestimmt öfter als die normale Familie, auch wenn es sehr häufig mit der Arbeit verbunden ist. Dafür fahren wir dann in der Nebensaison selber in Urlaub (kein Pauschalurlaub, das ist einfach nichts mehr für uns, da wir eigentlich nur noch gerne auf Safaris gehen und das dann lieber selber machen um nicht auf jemanden angewiesen zu sein, der nicht die gleiche Leidenschaft für Tiere mitbringt wie wir), meistens dann nach Deutschland und/oder Israel um Omas und Opas zu besuchen und dann auch ein bisschen Zivilisation zu tanken. 

Alles hinschmeißen? Am Anfang unserer Zeit hier haben wir manchmal daran gedacht, dass doch alles sch.... ist, und wir besser wieder zurückgehen. Aber eine Mischung aus Trotz und Durchhaltevermögen hat uns davor bewahrt und jetzt sind wir echt froh, dass wir hier sind. Es ist zwar nicht immer einfach, aber um ehrlich zu sein, können wir uns nicht vorstellen wo anders zu leben.

Speisen mit Meerblick

Ich schätze, wie gesagt, die Bequemlichkeiten des Lebens in einem industrialisierten Land. Wie ist das bei euch? Wo kommen eure Lebensmittel her? Wo die Sonnencremes, Shampoos und Kopfschmerztabletten? Gibt es Dinge, auf die zu verzichten euch besonders schwer fällt? Oder anders gefragt: Was müsste in einem Care-Paket an euch drin sein? 


Oh, Care-Pakete sind toll... leider kommen die hier mit der hiesigen Post nicht an, denn der Inhalt wird unter den Postangestellten aufgeteilt... Aber es gibt schon ein paar Dinge, die wir vermissen, dazu gehört NICHT Nutella, denn das haben wir glücklicherweise hier. Es gibt einen Supermarkt ca.100 km über Schotterpiste entfernt mit westlichen Produkten, also alles von Shampoo über Sonnencreme, Pringles, Müsli, Olivenöl, Hundefutter bis zu Teflonpfannen. Unser Gemüse und Obst kaufen wir auf dem Markt in Pangani, also ca. 40 km entfernt. Das muss dann gut geplant sein und man darf nicht mal grad die Eier vergessen. Selbst unsere Klamotten kaufen wir häufig auf dem Second-Hand-Markt in dem nächsten Dorf wie die anderen Tansanier – T-Shirts für 500 Shilling (ca. 25 Euro Cent), Hosen für 1000 Shilling. Da sind richtig nette Sachen dabei, man muss halt suchen. Ich glaube das einzige, was wir wirklich richtig vermissen, ist vernünftiges Internet. Einfach mal mit der Familie skypen, nicht jedes Mal hoffen und bangen bei einer Onlineüberweisung, ob sie nun durchgeht oder nicht, oder nach Flügen suchen. Ganz zu schweigen von Online-Marketing, Filme downloaden oder anschauen usw. Wenn wir in Deutschland sind, werden wir aber bestimmt zu OBI gehen, Klamotten kaufen, den neuen Shaun-the-Sheep Film angucken, das Phantasialand besuchen, nen Döner essen, fernsehen und vieles mehr. Nur eins ganz sicher nicht - in einen Zoo gehen.

Busch Banda

Jetzt ist wieder so ein Moment in dem ich unbedingt sofort nach Tansania fahren will. Und ihr?


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1 Kommentar:

  1. Wow! Respekt vor dem Durchhaltewillen und der Kraft, so etwas aufzubauen. Doch, dahin würde ich gerne mal reisen!
    Liebe Grüße
    Andrea

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