Samstag, 14. Februar 2015

Samstagskaffee und Rückblick auf eine besondere Woche


Erstaunlich, wie schnell das Wetter mal wieder umgeschlagen hat. Während ich den letzten Samstagskaffee bei offener Balkontür schrieb, weil wir fast 30 Grad hatten, sitze ich heute in warmer Strickjacke am Rechner, meine Füße stecken in dicken Socken und Hausschuhen. Der frische Wind mag zwar wesentlich gesünder sein, als der ekelhafte Sandsturm, der hier Mitte der Woche durchgefegt ist, aber für mich eindeutig zu kühl.

Während ich hier so sitze, meine Lieben sind im Park, sinniere ich über die vergangene Woche, die wieder so schnell vergangen ist. Gleichzeitig scheint voriges Wochenende schon in weiter Vergangenheit zu liegen, was vermutlich ein (gutes?) Zeichen dafür ist, dass die Woche reich gefüllt war:

Am Sonntagabend fuhr ich mit einer lieben Freundin und Bibliophilin nach Jerusalem zur Eröffnung der Internationalen Jerusalemer Buchmesse. Bereits zum 27. Mal findet dieser bunte Markt der Literatur in Jerusalem statt, der Autoren und Verlage aus aller Welt anzieht, und als Bindeglied zwischen israelischer Literatur und der internationalen Verlagswelt fungiert.

Am Eröffnungsabend, bei dem außer dem Jerusalemer Bürgermeister Nir Barkat auch Israels neuer Präsident Reuven Rivlin anwesend war, wurde Ismail Kadare der Jerusalem-Preis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft verliehen. Der albanische Schriftsteller ist bereits Träger des britischen Man Booker Literaturpreises und lebte eine Zeitlang im französischen Exil. Das Leben in totalitären Gesellschaften ist ein wiederkehrendes Motiv in Kadares Werk. Noch ein Autor, den ich auf meine To-Read-Liste packen muss. *seufz*

Ein weiteres Highlight des Abends war die Eröffnung einer undurchsichtigen Wand, die das Goethe Institut, im Rahmen des 50-jährigen Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel, auf der Buchmesse installiert hatte. Die Wand, die aus über 5000 Holzklötzen mit eingravierten deutschen Zitaten und ihrer Übersetzung ins Hebräische und Arabische besteht, soll im Laufe der Woche verschwinden, da die Besucher eingeladen sind, die Zitate zu lesen und den einen oder anderen Holzklotz mit nach Hause zu nehmen. Der Run auf die Wand war gigantisch und ich begeistert, wie gut dieses Projekt von den Israelis angenommen wird. Es hatte ein bisschen was von chinesischen Glückskeksen, meine Freundin griff sich sofort ein Zitat, das exakt auf sie und ihre Persönlichkeit passte. Ich selbst griff dreimal zu, bevor mich ein Zitat ansprach, andere packten sich gleich mehrere Klötze in die Tasche. Einige Impressionen gibt es hier zu sehen.




Richtig durch die Stände stöbern konnte ich leider auf der Buchmesse nicht, denn als all die Eröffnungsfeierlichkeiten durch waren, wurden die Tore der Messe bereits geschlossen. Aber das ist vielleicht auch ganz gut so, wieder Geld gespart ...

***

Auch die Deutsche Jennifer Teege war dieses Jahr zu Gast auf der Jerusalemer Buchmesse, um ihr Buch Amon - mein Großvater hätte mich erschossen (Rowohlt, 2013)vorzustellen. Neben einer Buchvorstellung auf der Messe in Jerusalem, war sie unter anderem zu einer gut besuchten Lesung in Tel Aviv geladen, bei der ich mit einer israelischen Freundin am Donnerstag zu Gast war. 

Zum Einstieg las Jennifer den Prolog ihres Buches, in dem sie den Schock beschreibt, als sie mit 38 aus heiterem Himmel erfährt, dass ihr Großvater der brutale KZ-Kommandant Amon Göth war, den Millionen Menschen vor allem aus Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" kennen. Danach über ihre Spurensuche in Polen und auch über die schwierige Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der wichtigsten Bezugsperson ihrer Kindheit: Jennifers Großmutter, die Amon Göth geliebt, die Grauen des Lagers verleugnet und bis zu ihrem Tod ein Foto des grausamen SS-Mannes über dem Bett hängen hatte. 

Es war bewegend, sie lesen zu hören, denn es wirkte auf mich, als hätte sie immer noch Mühe, diese Geschichte zu teilen, vielleicht besonders vor diesem Publikum. Sie, die vor zwanzig Jahren mehrere Jahre in Israel lebte, weiß natürlich ganz genau, dass sie zu Menschen spricht, für die der Holocaust mit sehr realen, schrecklichen Familienschicksalen verbunden ist. Man kommt in diesem Land an diesem dunklen Kapitel deutscher Geschichte nicht vorbei, und so hat das Erscheinen der hebräischen Übersetzung von Teeges Buch auch in den Medien viel Aufmerksamkeit bekommen. 

Wie nah das Publikum an dieser Geschichte aber tatsächlich ist, wurde auch mir erst klar, als Teege ihre Lesung beendete und für Fragen aus dem Publikum öffnete. Eine Frau stand auf, stellte ihren Sohn und ihren Vater vor, bevor sie erzählte, dass ihr Großvater als Amon Göths Schuster das Lager überlebte und später im Prozess gegen ihn aussagen konnte. Auch ihr Vater, dem der Rummel allerdings unangenehm sei, habe Göth gekannt. Es schien, als halte der ganze Saal den Atem an, aber es ging keine Feindseligkeit von dieser Familie aus, im Gegenteil drückte die Enkelin des Opfers der Enkelin des Täters ihre Wertschätzung aus und sagte: 
Mir scheint, die Geschichte heilt sich selbst. 
Im Saal war es ganz still geworden, als eine andere Besucherin aufstand und ebenfalls ihre Geschichte erzählte: Beide Eltern überlebten das KZ Płaszów, und obwohl die Mutter Zeit ihres Lebens Albträume von Göth und seinen Hunden hatte, suchte die Tochter bewusst den Kontakt zu seiner Familie. 2002 zunächst zu seiner Tochter Monika Hertwig, doch der Kontakt riss schnell wieder ab. Die Begegnung in Tel Aviv stellte nun eine weitere Chance für sie dar zu zeigen, dass sie die Nachkommen Göths als Opfer sieht, wie sich selbst und Jennifer Teege dafür schätzt, dass sie mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit geht. Man spürte ihr ab, wie wichtig es ihr ist, die nachfolgenden Generationen über die Verbrechen der Nazizeit aufzuklären.

Ja, es war eine besondere Stimmung an diesem Abend. Eine Stimmung, in der die grausame Vergangenheit nicht beschönigt wird, aber in der die Nachkommen sich annähern können und in der Versöhnung mitschwingt. Ich habe immer noch Gänsehaut.



// Der Samstagskaffee ist eine Aktion von Ninjas Sieben bei der wir uns Woche für Woche zum Kaffeeplausch treffen dürfen. // 




Follow on Bloglovin


Kommentare:

  1. Da hast du ja eine bewegende Woche hinter dir. Die Zitat-Wand gefällt mir natürlich und ich hätte auch gerne ein für mich passendes Zitat gefunden. Richtig Gänsehaut bekomme ich von deiner Lesungs-Schilderung. LG mila

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. das freut mich, dass ich die gänsehaut ein wenig rüberbringen konnte. ich fühle mich da immer sehr unfähig.

      LG zu dir :)

      Löschen
  2. Das Buch von Jennifer Teege ist gleich mal auf meiner Leseliste gelandet. :)

    Das muss eine wirklich außergewöhnliche "Stimmung" gewesen sein. Ich habe zwar durchaus viele Lesungen und auch Erfahrungsberichte aus der Nazi-Zeit besucht. (--> Ich bin im Emsland, also in unmittelbarer Nähe der Emslandlager aufgewachsen - und war u.a. jedes Jahr bei der Gedenkfeier in Esterwegen). Aber ich habe es wirklich noch nie erlebt, dass es dort zu einem Dialog kam: Zu einer Art Begegnung in der Vergangenheit. Die dort sozusagen verbunden ist.

    Liebe Grüße zu dir,
    Sarah Maria

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. das gibt es in dieser Form wohl auch nur hier, und ich finde es für mich wichtig, diese begegnungen mitzunehmen und in meinem gedächtnis zu bewahren, weil sie ja immer weniger werden. meine tochter wird wahrscheinlich keine überlebenden mehr kennenlernen können, jedenfalls nichtin einem altern, in dem sie die vergangenheit in ihrem ganzen grausamen ausmaß begreifen kann.

      Löschen
  3. Die Gänsehaut habe ich auch gespürt, als ich gestern auf deinen Hinweis hin, mich intensiver damit beschäftigte...
    Der von dir geschilderte Dialog nimmt einem schon beim Lesen den Atem.
    Liebe Grüße
    Andrea

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. stimmt, jennifer teeges geschichte allein ist ergreifend darin, dass man sie, wäre sie das drehbuch für einen hollywood-streifen oder gar ein zdf-event-kino, wohl als absolut überzeichnet und unplausibel abtun würde. schön, dass ich etwas von der stimmung einfangen konnte :)

      LG,
      hadassa

      Löschen
  4. Wow, wie ergreifend. Wie wichtig, dass Menschen die Möglichkeit haben, sich zu erklären, zu erzählen, zuzuhören und verstehen zu wollen. Puh, ich kann mir wahrscheinlich nicht annähernd vorstellen, wie bewegend das war.
    Toll, dass die zwei Besucherinnen dann auch noch aufstanden und ihre Geschichte erzählten, das find ich wunderbar.
    liebe Grüße von Petra

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. stimmt. es sind die persönlichen begegnungen, in denen wirkliches verständnis für den anderen entsteht. das ist so wichtig und geschieht leider viel zu selten. dabei denke ich auch an viele aktuelle entwicklungen in politik und gesellschaft nicht nur in israel.

      danke, dass du vorbeigeschaut hast, liebe grüße auch zu dir!

      Löschen
  5. Danke für die Verlinkung unter meiner Rezension. Habe deinen Bericht gelesen und spüre sogar jetzt Gänsehaut, obwohl ich nicht live dabei war. Das hört sich wirklich sehr bewegend an und auch als ich das Buch gelesen habe, habe ich das so empfunden. Danke, dass du deine Erfahrung geteilt hast und liebe Grüße nach Tel Aviv.

    Petzi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für deinen Besuch und den netten Kommentar :) Jennifers Geschichte ist wirklich sehr außergewöhnlich und bewegend, kann man sich nicht ausdenken so ein Schicksal. ..

      LG zurück zu dir,
      Hadassa

      Löschen