Sonntag, 11. Januar 2015

#Schreibzeit (1): Neues Jahr? Welches neue Jahr?

Gut 10 Tage ist das neue Jahr jetzt schon alt, aber was heißt das eigentlich, neues Jahr? 

In der Bloggerwelt kam man in den letzten Wochen nicht am Jahreswechsel vorbei: Jahresabschlüsse, Rückblicke, Lesehighlights, Fotocollagen sowie viele Pläne und gute Vorsätze (beziehungsweise Artikel darüber, warum gute Vorsätze sowieso nichts bringen) für das neue Bloggerjahr. Dem konnte ich mich natürlich nicht entziehen und schrieb auch einen Jahresrückblick, obwohl der 31. Dezember in Israel nur eine Nebenrolle im Jahreskreis spielt. 

Zwar ist der gregorianische Kalender im israelischen Alltag maßgeblich, und das hebräische Datum, obwohl es auf Zeitungen und im offiziellen Schriftverkehr immer zusätzlich aufgedruckt ist, hat nur in sehr religiösen Kreisen einen höheren Stellenwert. Der gemeine Israeli wird einem das hebräische Datum eines beliebigen Tages jedenfalls nicht auf Anhieb nennen können. Gleichzeitig richten sich alle unsere Feiertage nach dem jüdischen Kalender, weswegen sich ihr gregorianischer Termin Jahr für Jahr verschiebt.

Was das jetzt mit Neujahr zu tun hat?

Im jüdischen Jahreskreis feiern wir Neujahr am ersten Tag des Monats Tishrei. Rosh HaShana, das in der Regel in den September fällt, geht zweieinhalb Tage lang und ist neben dem Passafest das zentrale Familienfest für Israelis und Juden auf der ganzen Welt. Vom Charakter her fühlt es sich ganz anders an, als deutsche Silvester und Neujahrsfeierlichkeiten. In der Regel wird Rosh HaShana, wie alle jüdischen Feiertage, mit einem opulenten Familienessen begangen, einen offiziell zelebrierten Übergang um Mitternacht, Feuerwerk oder feucht-fröhliche Parties gibt es nicht. 

Auch die "guten Vorsätze" kennt die jüdische Tradition zum Jahreswechsel nicht, obwohl mir der Gedanke in mancher Werbebotschaft über die Jahre schon begegnet ist (Stichwort Fitness, Diät, Schuldenabbau, etc..). Ein Rückbesinnen auf das alte Jahr findet traditionell in der Woche zwischen Rosh HaShana und Jom Kippur, dem jüdischen Buß- und Versöhnungstag, statt. In dieser Zeit reflektieren insbesondere traditionell-religiöse Juden, was sie im alten Jahr falsch gemacht haben und erbitten an Jom Kippur Absolution dafür, damit sie anschließend ein neues Blatt aufschlagen können.

Aber was macht "man" in Israel am 31. Dezember?

Der gregorianische Jahreswechsel meiner Kindheit und Jugend muss hier, vor allem der jungen Generation, zunehmend als "Siba LeMesiba" (= Grund zur Party) herhalten und hat sonst keinen bedeutsamen Stellenwert. 

Ausnahme: Israelis mit russischem Migrationshintergrund. Die pflegen die russische Silvestertradition sehr intensiv inklusive Weihnachtsbaum, Geschenke und Wodka :) Gesetzliche Feiertage sind der 31. Dezember und der 1. Januar in Israel aber nicht - in Israel sind nur die in der Torah definierten Feste sowie der Unabhängigkeitstag gesetzliche Feiertage - wer Silvester also ungestört feiern will, muss Urlaub nehmen oder verkatert zur Arbeit erscheinen. 

Und ich?

Fühle mich immer so dazwischen. Einerseits empfinde ich den Jahreswechsel nach wie vor als einen wichtigen Einschnitt im Kalender. Die Sozialisierung in Deutschland hat mich da offenbar sehr nachhaltig geprägt. Andererseits habe ich bis vor wenigen Jahren den Jahreswechsel hauptsächlich dadurch wahrgenommen, dass ich gegen Ende Januar einen neuen Ordner für unsere gesammelte Bürokratie eines ganzen Kalenderjahres anlegen musste. Außerdem wurde es in dieser Zeit oft etwas ruhiger auf der Arbeit, weil internationale Kunden und Partner alle im Urlaub waren. Heute bin ich bei einem Arbeitgeber beschäftigt, der an Silvester und Neujahr frei gibt. Das ist schön, fühlt sich aber auch immer etwas seltsam an, alle anderen arbeiten schließlich und es sind auch keine Schulferien. Luxus für mich also, aber eher nicht besonders bedeutungsschwer.

So wird es euch wahrscheinlich auch nicht verwundern, dass ich mir persönlich für 2015 keine besonderen Ziele gesteckt oder gute Vorsätze gefasst habe.

Bloggerwünsche

Für Fragmentage würde ich mir wünschen, dass sich 2015 noch ein paar mehr Besucher in diese Ecke verirren. Falls jemand diesbezüglich Ideen oder Hinweise für mich hat, immer her damit :)

Gerne würde ich noch mehr über das ganz normale Leben hier in Israel schreiben, denn das, so deute ich eure Kommentare und Reaktionen, interessiert euch liebe Leserinnen besonders. Gerne greife ich eure Fragen und/oder Themenwünsche auf, eine Nachricht an mich genügt.

Apropos Schreiben: Ich habe mir fest vorgenommen, 2015 regelmäßig an Bines "Schreibzeit" teilzunehmen. Dieser Artikel zu ihrem Januarthema bildet hierfür den Auftakt.

In Sachen Lesen habe ich mir ein paar Challenges aufgehalst, die aber eher im Hintergrund laufen werden. Stattdessen möchte ich mich konsequenter an einen wöchentlichen Rezensionsrhythmus halten.

Ausnahme: Meine eigene Leserlieblingsbücherchallenge (#LLBC) werde ich hier selbstverständlich prominent begleiten und dokumentieren.

Ansonsten plane ich, weiterhin viele Fotos zu zeigen, Caros "12 von 12" und den "12tel Blick" von Tabea nehme ich mit ins neue Bloggerjahr, ebenso den mir lieb gewordenen "Samstagskaffee" von Ninjas Sieben.


Ein gutes neues Bloggerjahr uns allen :) 





/// Unter der Überschrift #Schreibzeit lädt Bine (was eigenes) einmal im Monat alle Bloggerkolleginnen ein, wild im Kopf herumschwirrende Gedanken zu einem bestimmten Thema in Worte zu fassen und aufzuschreiben. ///


Kommentare:

  1. Warum auch immer komme ich heute zum ersten Mal auf Deinen Blog.
    Oder war ich schon einmal hier? Ich weiss es nicht.
    Deinen Beitrag habe ich mit großem Interesse gelesen. Ja, man weiss so ungefähr, dass es
    im jüdischen Glauben etwas anders ist mit den Feiertagen... aber das sind mehr Fragmente,
    Halbwissen.
    Danke, dass Du die Unterschiede so gut erklärt und erzählt hast und danke, dass Du bei
    #Schreibzeit mitgemacht hast!
    Liebe Grüße, Bine

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. umso mehr freut es mich, dass du hier jetzt vorbei schaust :)

      (eigentlich freue ich mir sogar total 'nen keks, denn du bist für mich so eine feste größe in der deutschen bloggerszene, dein besuch beglänzt meine kleine ecke also sehr, sehr)

      danke, dass du uns mit der schreibzeit aus der reserve (oder blockade?) lockst, ich habe mir fest vorgenommen, kein thema auszulassen :)

      liebe grüße von hier und man liest sich,
      hadassa

      Löschen
  2. Vielen Dank für diesen Beitrag.
    Ich fand es wirklich sehr spannend, zu erfahren, wie Silvester und der Jahreswechsel in Israel gefeiert wird. Ich schließe mich meiner Vorrednerin an, dass man hier einfach viel zu wenig über den jüdischen Glauben mitbekommt. Das ist schade und ich bin froh, Deinen Blog gefunden zu haben.
    Ich finde die Mischung aus Alltagsthemen aus Israel und Bücherthemen gut. Ich bin schon auf Deinen Rezension zu "The Bastard of Istanbul" gespannt. Das habe ich auch noch auf der Wunschliste.

    Alles Gute.
    Kerstin

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke dir :)

      Mir kommt vieles von dem was ich schreibe schrecklich trivial vor (bin da wohl schon etwas betriebsblind nach 12 Jahren hier) und finde eure Rückmeldungen daher echt wichtig :)

      "Der Bastard.." gefällt mir bisher sehr und wird auf jeden Fall rezensiert!

      Löschen