Mittwoch, 28. Januar 2015

Im Land der Lebenden

Ich sitze im schaukelnden Bus zur Arbeit. 

Neben mir ein massiger Kerl, der so tut als ob er schläft und keine Anstalten macht, mehr Platz für mich zu machen, als irgendwie nötig.

Hinter mir ein knutschendes Pärchen in Uniform. Jung, frisch und schön. 

Weiter vorne, direkt hinter dem Fahrer aus Abu Gosh, eine Gruppe tratschender Frauen, die Werktag für Werktag in fester Besetzung dort sitzt und lautstark Gott und die Welt bespricht. Nicht ohne den Fahrer einzubeziehen, versteht sich. 

Das junge Mädchen schräg gegenüber bringt ihr Make-Up an, einige laden ihr Handy auf. 

Viele dösen, mit oder ohne Kopfhörer, die meisten anderen starren auf den Bildschirm in ihrer Hand. Manche geben mit gedämpfter Stimme Anweisungen nach Hause, an Kinder und Gatten, die sich hektisch bereit machen für den Tag. 

Eine Zeitung wird rum gereicht, Studenten blättern in Scripten, vereinzelt rascheln die Seiten von Gebetbüchlein, der Inhalt gemurmelt, wie auswendig. 

Ab und an kündigt eine künstliche Stimme die nächste Haltestelle an. Der Bus stockt im Stau und schaukelt dann weiter, in der Stadt Stop-and-go von Ampel zu Ampel. 

Als ich aussteige, ist der vibrierende Bus fast leer. Ein ganz normaler Arbeitstag beginnt in Tel Aviv, die Stadt rauscht und lärmt von Leben. Nichts ist perfekt, über vieles ließe sich aufregen, streiten, alles kritisieren, aber: Hier ist das Leben. 

Siebzig Jahre danach.


Kommentare:

  1. Liebe Hadassa!
    Schön dich hier zu treffen!
    Dein Weg zur Arbeit ist ja schon mal ein ganz anderer als bei mir!
    Ich werd dich nun öfter besuchen, richtig interessant schaut dein Blog aus.
    Ich darf den Gastplatz hinter dir einnehmen. Über deine gestellt Frage denke ich nun schon seit Tagen nach :-)

    Liebe Grüße, Eva

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    1. Liebe Eva, wie schön, dass du mich besuchen kommst :) Ich hoffe sehr, dass dir meine gestellte Frage nicht zu viele Kopfschmerzen bereitet, es kann auch etwas ganz banales sein. Ich hätte zum Beispiel gern eine zweite Chance, Französisch zu lernen. Das habe ich in der Schule vergeigt. Und Latein als zweite Fremdsprache würde ich auch nicht mehr wählen - zu viel vergeudete Lebenszeit. :)

      Liebe Grüße und bis bald!
      Hadassa

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