Donnerstag, 31. Juli 2014

[DonnerstagsErinnerung] - der alte Flughafen

Auf Instagram erfreut sich der "Throwback Thursday" (#tbt) großer Beliebtheit. Immer wieder donnerstags posten Nutzer alte Fotos und schwelgen in Erinnerungen. Dabei spielt es keine Rolle ob das Bild erst ein Jahr alt ist oder aus einem uralten Familienalbum abfotografiert wurde. Ich möchte diese Idee im Blog aufgreifen und die Donnerstage meinen Erinnerungen widmen. 

Das Terminal 3 des Flughafens Ben Gurion feiert bald seinen 10. Geburtstag. Auf das außergewöhnliche Gebäude aus Jerusalemstein mit der großen runden Plaza und dem beeindruckenden Wasserfall im Herzen des Terminals sind viele Israelis zu Recht ein wenig stolz.

Als ich im Sommer 2001 das erste Mal in Israel aus dem Flugzeug stieg, war das neue Terminal noch im Bau. Es gab keine Gangways, man stieg einfach aus dem Flugzeug, ging eine Treppe hinunter und war mitten in Israel. Die Luftfeuchtigkeit traf mich damals wie ein Schlag, noch nie hatte ich so eine Luft gefühlt. Und den Geruch - eine Mischung aus heißem Asphalt, Orangenduft und Treibstoff - bilde ich mir ein, immer noch in der Nase zu haben. 

Freunde von uns haben diesen alten Flughafen neulich liebevoll als Kibbutzflughafen bezeichnet, das trifft das damalige Feeling ganz gut. Der Abflugswartebereich hatte etwas von einer Bahnhofshalle mit 70er-Jahre-Flair, internationalen Style suchte man vergeblich.

Nach der Landung brachte man früher die Passagiere mit Bussen vom Rollfeld zum Flughafengebäude. Über dem Eingang hing ein großes Schild "Welcome to Israel" in mehreren Sprachen, und man fühlte sich tatsächlich sofort seltsam willkommen in diesem kleinen, eigenwilligen Land. Jedenfalls bis zur Passkontrolle. Die ist heute wie damals unberechenbar und kann mitunter lästig sein, wenn man alleine reist, keine konkreten Pläne/Kontakte für den Israelbesuch vorweisen kann oder einfach Pech hat. Davon darf man sich aber nicht einschüchtern lassen, die Grenzbeamtinnen sind auch zu gebürtigen Israelis nicht wesentlich freundlicher und inzwischen sage ich sogar manchmal was dazu, wenn ich nach einem anstrengenden Flug ohnehin krätzig bin und dann nicht mal ein minimal freundliches Gesicht zu sehen bekomme. Aber ich schweife ab. 

Heute ist die Ankunft in Israel wesentlich schicker, international "genormter", steriler und effizienter. Zur Passkontrolle geht man zu Fuß von der Gangway, und wenn man bei der Gepäckausgabe angekommen ist, läuft das Band häufig bereits. In der großen hellen Begrüßungshalle kann man immer emotionale Szenen beobachten und "Welcome to Israel" steht sicher auch irgendwo. 

Aber das besondere Gefühl, direkt vom Flieger aus israelischen Boden zu betreten, stellt sich heute nicht mehr ein. Und das allererste Geruchserlebnis wird heute durch Taxi- und Gepäckstress verfälscht, wenn man endlich das Terminal verlässt und richtig in Israel ankommt.





Follow on Bloglovin



El Al - not just any Airline

In 2h werden wir zum Flughafen aufbrechen und diesem Zirkus für einen dringend nötigen Erholungsurlaub entfliehen. Fast hätte es nicht geklappt, denn unser Lufthansaflug wurde gestern Vormittag überraschend gestrichen. Ein knapper Zweizeiler per Email informierte mich darüber. Ohne Angabe von Gründen, "we apologize for the inconvenience".

(Später erfuhr ich, dass Lufthansa es ihren Piloten und Flugbegleitern frei stellt zu entscheiden, ob sie in der aktuellen Krisensituation mit dem Risiko eines Raketenangriffs am Flughafen Flüge nach Tel Aviv übernehmen wollen, was dazu führt, dass sie derzeit nur etwa 50% der Flüge durchführen können.)

Innerhalb einer Minute hing ich in der Warteschleife bei der hiesigen Hotline von Lufthansa. Wirklich große Hoffnungen machte ich mir nicht, ich hatte von zu vielen schlechten Erfahrungen von Reisenden gehört, die letzte Woche teils mehrere Tage auf Flüge-  oder Anschlussflüge warten mussten. Umso überraschter war ich, a) wie freundlich die Servicemitarbeiterin zu mir war und b) wie unkompliziert sie mir sofort eine Flugalternative mit El Al nur eine Stunde später als unsere ursprüngliche Verbindung anbieten konnte. Natürlich griff ich sofort zu und war wie benommen, bis ich wenige Minuten später bereits das neue Ticket im Postfach hatte. Also alles noch mal gut gegangen und eigentlich finden wir es sogar richtig toll, dass wir auf diese Weise in den seltenen Genuss eines El Al-Flugs kommen, die wir sonst aus Kostengründen eher meiden. Aber der ganz besondere israelische Touch bei El Al ist einfach etwas besonderes.

Um El Al, die wahrscheinlich sicherste Airline der Welt, ranken sich viele Mythen und Legenden. Sei es, dass El Al-Piloten alle die Ausbildung zum Kampfpiloten der IDF durchlaufen haben, das eingebaute Raketenabwehrsystem in allen Maschinen oder die doppelten Cockpittüren zum Schutz vor Entführungen - mit El Al scheint man sicherer unterwegs zu sein. Ok, der Sicherheitscheck vor dem Flug kann für Nichtisraelis mitunter zum Spießrutenlauf werden, aber auch das stärkt die Überzeugung, dass wirklich alles getan wird, um die Passagiere zu schützen. 

Nachtrag, weil bis zur Landung eben gar nicht mehr auf dem Schirm: in Deutschland werden El Al-Flieger nach der Landung von gepanzerten Fahrzeugen der Bundespolizei begleitet. Aus Sicherheitsgründen, weil ein Anschlagsrisiko halt immer gegeben ist, wenn es um Juden geht. Als ich das heute meiner Tochter erklären wollte - bzw. eigentlich nicht, weil man so was nicht erklären müssen sollte - wurde ich richtig ärgerlich. Über diese Sonderrealität in der sich Israel immer befindet. 

Wenn richtig Not am Mann ist, fliegt El Al auch schon mal zur Rettung aus. So wurden 1991 im Rahmen der einzigartigen "Operation Solomon" über 14.000 äthiopische Juden aus einem politisch höchst instabilen Äthiopien innerhalb von 36 Stunden nach Israel ausgeflogen.

Erst letzte Woche, als fast alle europäischen Fluggesellschaften den Verkehr nach Israel einstellten, schickte El Al mehrere Maschinen in die Türkei, um dort gestrandete Israelis abzuholen. Da die Stimmung in der Türkei derzeit sehr anti-israelisch aufgeladen ist - Israelis wurden vom Personal aufgefordert, im Terminal zu ihrem eigenen Schutz kein Hebräisch zu sprechen - wollte man kein unnötiges Risiko eingehen.

El Al ist wirklich nicht einfach nur irgendeine Airline. Und für Israelis (obwohl sie alle immer über die hohen Preise schimpfen) ein Stückchen Zuhause.


El Al




Follow on Bloglovin


Dienstag, 29. Juli 2014

[Buch] Gemeinsam lesen #71

Gemeinsam lesen ist eine Aktion von Asaviels Bücher-Allerlei.

1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?

Jan-Philipp Sendker: Das Herzenhören, S. 101


2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?
Die Stille der Nacht quälte mich. 

3. Was willst du unbedingt aktuell zu deinem Buch loswerden?

Dieses Buch ist mir in einem israelischen Buchladen aufgefallen, weil mir das Cover gefiel. Weder Autor und Titel sagten mir was, weswegen ich umso überraschter war zu entdecken, dass es sich um ein Romandebüt aus deutscher Feder handelt. Dieser Jan-Philipp Sendker war mir nämlich bisher weder beim Stöbern in deutschen Buchläden noch in Blogs und auch nicht in Regalen von Freunden begegnet Das sollte ein internationaler Bestseller sein? Seither ist es mir noch öfter aufgefallen und als es mir neulich auf Deutsch
in die Hände fiel, griff ich gerne zu. Es handelt sich um eine Familiengeschichte. Eine junge Frau macht sich auf die Suche nach ihrem Vater in dessen Heimat Birma und ergründet die Geheimnisse seiner Herkunft. Liest sich schön an,  wenngleich die Sprünge in den Erzählebenen mich anfangs etwas verwirrt haben.


4. Wir haben Sommer, mal mit Sonne, mal mit Regen.
Welches Wetter herrscht gerade in deinem aktuellen Buch?

Mein Buch hat verschiedene Erzählebenene. In der Jetzt-Zeit ist es warm und feucht, in der Vergangenheit eher winterlich.






Follow on Bloglovin


Freitag, 25. Juli 2014

Auf den Hund gekommen... :)

Zwischen Sirenen und Kriegsschwermut möchte ich doch ganz kurz mal wieder einfach was Nettes hier lassen. Wir sind nämlich sehr überraschend letzthin mit der Situation überrumpelt worden, eine kleine Hündin zu adoptieren. Die muntere kleine "Promenadenmischung" ist etwa 7 Jahre alt und bringt uns allen viel Freude und unserer Tochter insbesondere.

Ein bisschen bittersüß ist es, denn Sally zieht zu uns, weil ihre Herrchen - unsere allerbesten Freunde - ins Ausland gehen und sie nicht mitnehmen können. Andererseits ist es auch schön, einen Teil der Familie bei uns behalten zu können, zumal wir Sally schon immer sehr gerne mochten.

Im Augenblick schlummert sie eingerollt wie ein kleines Füchschen neben meinem Bloggerplatz. Wenn ich in ihre Richtung sehe oder am Körbchen vorbei muss, gehen die Augen kurz auf und der Schwanz fängt zu wedeln an. So knuffig.  <3









Follow on Bloglovin


Mittwoch, 23. Juli 2014

[Buch] Sayed Kashua: Tanzende Araber

Tanzende AraberTanzende Araber by Sayed Kashua
My rating: 3 of 5 stars

Ich habe Sayed Kashuas Erstling heute fertig gelesen. Ein Buch, an das ich hohe Erwartungen hatte, weil ich Sayeds Sicht auf die Dinge in seiner wöchentlichen Kolumne in der Tageszeitung Haaretz sehr schätzen gelernt habe. Er ist für mich eine authentische Stimme der israelischen Araber geworden, sein Humor, der auch in seinen schwärzesten Schilderungen durchbricht ist unglaublich, und seine erfolgreiche Sitcom "Avoda Aravit" hilft mir in letzter Zeit paradoxerweise, inmitten der aktuellen Nahostkrise nicht völlig durchzudrehen.

Sein Romandebüt ist dann aber doch ziemlich anders, als ich dachte.

Die Geschichte eines arabischen Jungen in Israel, der so sehr mit dem Schicksal seiner Herkunft hadert, dass er als junger Erwachsener versucht sich zu verstellen, um unter den Juden nicht aufzufallen ist stellenweise sehr schwermütig. Sie schildert einen quälenden Drahtseilakt zwischen Israels Parallelwelten - der arabischen Minderheit auf der einen und der, scheinbar in allen Bereichen überlegenen Juden, auf der anderen Seite. Er nennt die Dinge beim Namen und beschönigt nichts und ich habe mich öfter dabei ertappt, mich zu fragen, wo genau hier die Grenze zwischen Autobiographie und Fiktion verläuft. Stellenweise ein nicht einfaches Buch, gerade weil es so authentisch ist.

Endgültig überzeugt hat es mich aber letztlich doch nicht. Eventuell lag es an der Übersetzung, aber ich hatte mitunter inhaltliche Verständnisprobleme. Außerdem fehlte mit ein roter Faden, der die einzelnen Schilderungen etwas besser zusammengehalten hätte. So wirkte das Buch auf mich ein wenig wie ein Flickwerk, eine Aneinanderreihung von Kindheits- und Jugenderinnerungen, die mich ohne Frage sehr berührt haben, jede einzelne davon, aber kein richtig rundes Gesamtbild ergeben. So blieb ich zwar aufgewühlt, aber mit einem nagenden Unterton zurück. Der wird mich sicher noch eine Weile begleiten.

Beim nächsten Mal werde ich Sayed auf Hebräisch lesen.



Follow on Bloglovin


Samstag, 19. Juli 2014

Hass mit der Muttermilch? Äh.. Nein.

Lese ich doch gestern einen auf Twitter empfohlenen Blogbeitrag einer "Unpolitischen" über den Nahostkonflikt. Ohne hier weiter auf Details eingehen zu wollen, kommt unterm Strich dabei raus, dass beide Seiten gleichermaßen schuld seien. Eine oft gehörte Aussage, die aus meiner Sicht zwar schief ist, mit der ich aber noch leben kann, wenn damit gemeint ist, dass auf beiden Seiten über die Jahrzehnte Fehler gemacht worden sind. Es macht meiner Meinung nach durchaus Sinn, sich in heutigen Verhandlungen auf den Status Quo und die Zukunft zu konzentrieren und weniger in der Vergangenheit zu stochern. Was ich allerdings in jenem Blogbeitrag las, gestern Nacht, als ich ohnehin kaum noch geradeaus schauen konnte, verschlug mir dann doch die Sprache.

Seien wir mal ehrlich: Der Mohammed und der Ismael von heute kämpfen nicht wegen Dingen, die vor einigen 1000 Jahren mal passiert sind. Die kämpfen, weil sie in diese Frontengeschichte hineingeboren und hinein erzogen wurden. Sie böse, wir gut. So kriegen die das mit der Muttermilch mit. Klar liefert man die (vermeintlichen) Fakten hinterher, um die Muttermilch schmackhafter zu machen. Schliesslich und endlich werden einfach Fronten zementiert.

Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass "Denkzeiten" mit Mohammed die Palästinenser und mit Ismael die Israelis meint und nicht auf Feindseligkeiten unter verschiedenen Gruppierungen in der arabischen Welt abzielt (obwohl Ismael im Islam als Vorfahre des Propheten Mohammed und der Araber gilt), anders passen die weiteren Ausführungen nämlich nicht zusammen. Auf die will ich gar nicht weiter eingehen, das lohnt nicht, aber den zitierten Absatz mit der Muttermilch nehme ich jetzt mal als Aufhänger für ein Thema, das mich umtreibt, weil dieser Vorwurf, in Israel würden Kinder zu Hass und Kriegslust erzogen, immer mal wieder unterschwellig in der Nahostthematik mitschwingt. 

Als ich heute meiner Tochter (7) versuchte, den aktuellen Konflikt in einfachen Worten zu erklären, kam in meinen Ausführungen nicht 1x das Wort "Araber" vor. Ich bin sehr aufmerksam, wenn derartige Generalisierungen in Diskussionen fallen (das tun sie schon mitunter, vor allem wenn die Nerven blank liegen und Emotionen hochkochen) und rücke sie meinem Kind gegenüber gerade. So wie ich es schätze, dass die Holocaust-Lehre in der israelischen Erziehung nicht davon spricht, dass die Deutschen Millionen Juden ermordet haben, sondern die Nazis, so wichtig ist es mir, die Fakten auch in Hinsicht auf unsere Nachbarn in der Region abzugrenzen. Nämlich: Die Hamas ist für den Raketenbeschuss auf Israel verantwortlich. Terroristen, beziehungsweise "böse Männer" haben drei Jugendliche entführt und ermordet, nicht "die Araber bekämpfen die Juden". Die Hamas will keinen Frieden mit Israel, viele Menschen, die jetzt im Gazastreifen furchtbar leiden oder gar sterben müssen, wahrscheinlich schon. Diese Hoffnung muss ich bewahren, sonst werde ich wahnsinnig, und vor allem muss dem Kind diese Hoffnung auf den Weg gegeben werden, obwohl es mich trübsinnig macht, nicht nur hier in der Region, sondern derzeit auch verstärkt auf europäischen Demos zu hören und zu sehen, dass Narrativ und Hoffnung auf der anderen Seite anders gelagert sind. Um es vorsichtig zu formulieren. (Ahmad Mansour hat es letzthin ausführlich getan.) Überhaupt ist Frieden ein ganz zentrales Thema im Lehrplan israelischer Kinder. Schon mit drei Jahren im Kindergarten haben sie ein Plakat voller Kinderhände gebastelt, Unterschrift:
Wir Kinder reichen dem Frieden unsere Hand.  
Anderes Beispiel: Ein aktuelles Zeichentrickvideo (UT anschalten!), das Kindern die Funktion des Iron Dome erklären soll, dessen laute Explosionen derzeit laufend für Schreckmomente sorgen, kommt ebenfalls ganz ohne das Wort "Araber" aus. Eine Abwehrrakete in israelischer Uniform bezeichnet den Gazastreifen als kleines Land, in dem ganz viele Menschen wohnen, und die Hamas als Soldaten. Neutraler geht's eigentlich nicht, obwohl man durchaus kritisch diskutieren könnte, ob man die Hamas nicht treffender als Terroristen bezeichnen sollte. Aber für Kinder ist es so wahrscheinlich besser zu verstehen.

Noch eins: In einem Mitmachlied, das eine Erzieherin entwickelte, um Kindern angstfreier durch die zahlreichen Raketenalarme zu helfen, wird der Angreifer überhaupt nicht genannt. Es geht nur darum, die Kinder zu entspannen, auf lockere Art in Sicherheit zu bringen und die Zeit auf gute Art zu überbrücken.

Es ist also mitnichten so, dass israelische Kinder von klein auf, oder gar "mit der Muttermilch", einen Hass auf alle Araber anerzogen bekommen. Das ist eine dreiste Behauptung, die an der Realität vollkommen vorbei geht. Nein, ich kann nicht für alle Israelis sprechen und ja, es gibt in Israel Rechtsextreme, die eine andere Weltanschauung vertreten, aber so wie nicht alle Deutsche Neonazis, oder alle Schweizer xenophobe Nationalisten sind, wird in israelischen Haushalten eine Einstellung transportiert, die zwar eine ordentliche Portion Skepsis und Vorsicht gegenüber den - feindlichen - Nachbargebieten und -staaten beinhaltet, aber keinen pauschalen Araberhass. Wahr ist, dass es in Israel nur wenige wirklich durchmischte Städte mit arabischen und jüdischen Bevölkerungsanteilen gibt. Ansonsten leben Juden und Araber meist eher unter sich, was ich persönlich bedaure, weil dadurch natürlich weniger Berührungspunkte auf individueller Ebene entstehen. Ich glaube, viele gegenseitige Vorurteile ließen sich vermeiden oder abbauen, wenn es mehr Kontakt untereinander gäbe.


Café in Tel Aviv-Jaffa,  18.7.2014




Follow on Bloglovin


Freitag, 18. Juli 2014

Heavy..

... fühle ich mich schon den ganzen Tag.

Die Situation, so wie wir sie derzeit erleben, laugt mich aus und deprimiert mich zutiefst. Die Hoffnungslosigkeit und die Resignation. Die Aussichtslosigkeit dieses Krieges, den Israel, so sehr "wir" auch im Recht sein mögen, militärisch gegen die Hamas vorzugehen, letztlich nur verlieren kann, weil er eben doch, bei aller Vorsicht und moralischer Stärke, unschuldige Opfer fordert. Dabei ist es irrelevant, dass die Hamas mit ihrer widerlichen Strategie, Zivilisten nicht zu evakuieren, sondern vielfach sogar als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen, die eigentliche Schuld daran trägt. Tote Kinder sind tote Kinder, keine Erklärung, keine noch so legitime Rechtfertigung wird sie ins Leben zurückholen. Das drückt mir richtig schwer aufs Gemüt, dazu die Anspannung, wann wohl der nächste Alarm kommt. Ob er meine Tochter im Sommerlager erwischt, und wie es ihr dabei dann wohl geht. Oder meinen Mann auf der Autobahn, wenn man sich nur flach auf den Boden legen und hoffen kann, dass keine Raketen(teile) genau dort einschlagen. Dazu kam die letzten Tage seit Jahren das erste Mal wieder eine leise Sorge vor Selbstmordattentaten in Bussen. Angedroht hat die Hamas sie längst.

Parallel zum echten Leben, das aktuell eigentlich vollauf reicht, setzt mir der Medienkrieg zunehmend zu. Einigermaßen sachliche Artikel, auch kritische (ja, ich lese gerne Haaretz und stehe dazu) kann ich aushalten, so sehr mich etwa ein Bericht von "Ärzte ohne Grenzen" aus Gaza auch zusetzen mag. Ich merke aber, dass es mir mit jedem Tag schwerer fällt, mich von all den unreflektierten Beiträge abzugrenzen, anti-israelische Statements und Hassparolen einfach an mir abperlen zu lassen.

In der Anonymität gelingt mir das besser, als in sozialen Netzwerken, in denen ich die Leute quasi kenne, zu kennen glaube, beziehungsweise glaubte zu wissen, dass sie mich und meine persönliche Sicht als direkt Betroffene zumindest minimal wahrnehmen und respektieren. Da ich selbst seit Jahren lieber einen Beitrag zu wenig poste, als einen extrem pro-israelischen zuviel (ganz zu schweigen von Beiträgen der israelischen Armee, die sind ja Propaganda pur, nicht?), lege ich eventuell einen höheren Maßstab an, aber ich merke, wie es mich persönlich trifft, wenn ein "Close Friend" unreflektiert (scheinbar) Partei für die Gegenseite ergreift. Da frage ich mich dann schon, ob es zu viel verlangt ist, sich das in Anbetracht der Tatsache, dass man mit mir befreundet ist, und in Friedenszeiten auch gerne mal interessiert über mein Leben in Israel ausfragt, zu verkneifen. Oder den Beitrag zumindest vor mir zu verbergen. Obwohl, dann würde ich mich wohl die ganze Zeit fragen, was die betreffenden Personen wohl alles vor mir verbergen, auch doof.

Ich kann es akzeptieren, wenn jemand sich entscheidet, nicht Partei zu ergreifen. Das ist mir lieber, als ein verblendeter Pro-Israel-Aktivist, der meint, nur weil in der Bibel steht, dass man Israel lieben muss, dort keine Menschen mit Ecken, Kanten und Fehlerpotenzial leben. Was mir schwer fällt ist, wenn ich einsehen muss, dass all meine persönlichen Berichte, verlinkte Artikel, Frage-/Antwort-Runden im Netz und in Gesprächen und sogar der Einblick in meine eigene Ratlosigkeit, letztlich keinen Unterschied machen, weil das alles im Ernstfall im Zweifel ohnehin nicht zählt. Schließlich bin ich als Betroffene keine ernstzunehmende Quelle.

Sucks. Big time.

Womöglich ist das aber alles gar nicht der richtige Grund für meine deprimierte Stimmung heute und mein Unterbewusstsein hat einfach schon heute Morgen geahnt, was mein Verstand seit Tagen verdrängt, nicht wahrhaben will: Dass sich Israel von der Hamas letztlich doch in eine Bodenoffensive im Gaza-Streifen hineinziehen lässt, weil sie ernsthafte, realistische Verhandlungen auch in den letzten Tagen verweigert hat. Und weil der Druck aus Kabinett und Bevölkerung auf Netanyahu letztlich zu groß war, nachdem schwer bewaffnete Terroristen heute beinahe einen israelischen Kibbutz infiltriert hätten. Ich habe mich gefürchtet vor dieser Option, die israelische Soldaten ins Kreuzfeuer schickt und unvermeidlich weitere Opfer in der Zivilbevölkerung fordern wird. Mir ist schlecht, wenn ich an all die Mütter, Väter, Brüder und Schwestern der jungen Soldaten denke, an die Ungewissheit, in der sie jetzt leben. Übel, wenn ich mir vorstelle, dass Hamas diese Bodenoffensive provoziert hat, weil ihre Unterstützung im Ausland steigt, je mehr tote Zivilisten sie Israel anlasten kann. Zivilisten, die ein ganz anderes Leben führen könnten, wenn ihre Führung endlich einen anderen Weg einschlagen würde. Aber das "was wäre, wenn?" nützt jetzt alles nichts. Die Würfel sind gefallen, bleibt zu hoffen, dass gelingt, was gelingen soll, nämlich die unterirdischen Tunnelsysteme und Waffenlager der Hamas zu zerstören und dass es schnell geht. Vor allem das.






Follow on Bloglovin


Dienstag, 15. Juli 2014

[Buch] Gemeinsam lesen #69

Gemeinsam lesen ist eine Aktion von Asaviels Bücher-Allerlei.


1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?

Sayed Kashua: Tanzende Araber, S. 36


2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?
Mir war immer klar, dass ein Krieg ausbrechen würde. 

3. Was willst du unbedingt aktuell zu deinem Buch loswerden?

Sayed Kashua ist eine relative Neuentdeckung von mir. Als israelischer Araber in einem kleinen Dorf aufgewachsen, versucht er Zeit seines Lebens sich "einzupassen" in diese Gesellschaft, in der er sich immer als Bürger zweiter Klasse fühlt. Seine wöchentliche Kolumne in der großen Tageszeitung Haaretz ist humorig und gleichzeitig melancholisch, denn sie zeigt den Identitätskonflikt der israelischen Araber auf. "Tanzende Araber" ist Sayed Kashuas erstes Buch (eine Verfilmung ist kürzlich angelaufen) und ich freue mich darauf, mich in seine Seele einzufühlen. Gerade jetzt.


4. Welches Buch muss ich unbedingt diesen Sommer lesen?

Ich finde, "Blackout" von Marc Elsberg eignet sich hervorragend dazu, im Sommer gelesen zu werden. Für den Winter ist es doch arg beklemmend. Überhaupt lese ich "kalte" Bücher im Sommer, zur Erfrischung :)






Follow on Bloglovin


Montag, 14. Juli 2014

More of the same...

Zchok, Zchok (1), wie man hier so schön sagt, aber morgens um 6 vom Raketenalarm geweckt werden ist kein Spaß.

Sonntag ist mein freier Tag, das heißt mein Mann geht früh aus dem Haus, und ich bringe für gewöhnlich das Mädchen zur Schule, bzw. aktuell zum Sommerprogramm. Ich befinde mich in einem etwas schrägen Traum, als ich irgendwo am fernen Bewusstseinsrand eine Sirene wahrnehme. Es braucht einen Moment bis mir klar wird, dass der Alarm kein Traum ist. Hätten wir die Balkontür nicht wegen der Hitze offen gelassen, wäre ich womöglich gar nicht wach geworden. Ich rüttle meine Tochter, die praktischerweise nicht in ihr eigenes Bett gegangen ist nach den Sirenen letzte Nacht, wach und schiebe sie in den Schutzraum (2). Der grenzt bei uns an das Schlafzimmer, was gut ist, denn ich ziehe gerade die Tür zu und nehme mein Mädchen auf den Schoß, als ich schon den ersten "Boom" höre. So heftig hat ihr Herz wohl noch nie geklopft, aber sie bleibt ruhig, tapfere Maus. Danach ein lautes Zischen und eine weitere Explosion, die sich so anhört als wäre sie direkt über unserem Wohnhaus. Nicht angenehm. Zum Glück wissen wir, dass es sich dabei "nur" um den Iron Dome (3) handelt, der seine Arbeit tut. Ich kann nicht umhin, gedanklich zu spekulieren, in welches Wohngebiet diese Rakete wohl gekracht wäre, wenn wir die intelligente Abwehr nicht hätten. (Dafür nehme ich gerne in Kauf, dass meine Wäsche hinterher nach Schießpulver stinkt.)

An Schlafen ist danach natürlich nicht mehr zu denken, ich diskutiere ein bisschen per WhatsApp mit den anderen Müttern, ob man die Kinder heute wirklich ohne Bedenken ins Sommerprogramm schicken kann. Die meisten sind aber der Meinung, dass sie dort genauso sicher sind wie Zuhause auch. Außerdem glaubt man in Israel sehr an die positive Wirkung von Routine. Ich auch. An dieser Stelle muss man aber auch dankbar dafür sein, dass die Kinder von klein auf regelmäßige Raketendrills machen und wissen (sollten), was im Falle eines Alarms während der Schulzeit zu tun ist. Um kurz nach 8 gebe ich sie also dort ab und mache mich auf nach Tel Aviv zum Fäden ziehen. Der restliche Tag verläuft für mich ohne Raketenalarm, meinen Mann erwischt es heute zweimal im Zug.

Abends, ich hatte das Mädchen gerade bei einer Freundin abgeholt und war kaum zur Wohnungstür rein, heulten wieder die Sirenen. Ohne Explosionen diesmal. Trotzdem doof.

Jetzt sitzen wir - trotz allem - bei Freunden zum WM-Endspiel. Eigentlich wollten wir das ganz stilvoll in einem kleinen Boutique-Weingut hier um die Ecke begehen, aber da es dort weit und breit keinen Bunker gibt und wir ungern die Kinder aus den Augen lassen wollen in diesen Zeiten, fällt das leider flach. Aber egal. Gemütlich ist es so auch.



(1) Scherz beiseite/im Ernst

(2) seit den frühen 90er Jahren sind raketen- und erdbebensichere Schutzräume für alle Neubauten vorgeschrieben. Diese Räume sind aus Beton, haben Stahltüren und -fenster und einen Lüftungsschacht. In vielen Wohnungen ist der Schutzraum einfach ein Schlafzimmer, manche Kinder verschlafen den Alarm sogar. Unser Schutzraum ist recht klein und fungiert als Schrankzimmer und Abstellkammer. Aber für die wenigen Alarme bisher reicht's.

(3) das intelligente Raketenabwehrsystem ortet feindliche Raketen, stellt fest, in welche Richtung sie fliegen und fängt die potenziell gefährlichen ab. "Abfangen" bedeutet neutralisieren, in dem der Iron Dome ebenfalls eine Rakete losschickt und diese in unmittelbarer Nähe detoniert. Und das knallt ordentlich. 

Sonntag, 13. Juli 2014

12 von 12 unter dem Iron Dome

Schon wieder 12 von 12 ! Dieses Jahr geht so rasend schnell, das beunruhigt mich irgendwie...

Alle Fotoserien sammelt wie immer Caro auf Draußen nur Kännchen!


Ausgeschlafen! 

Frühstück - Cranberry-Haferflocken-Schokoladen-Muffins


Frische Bettwäsche 

zu Besuch beim Sabba in Tel Aviv, das Sagaland hatten wir mit

Danach: Abstecher in den antiken Stadtkern von Jaffa... 

... und auf die Promenade... 

... zum Falafel essen 

Zuhause ein Bananen-Erdbeer-Slushie für mich (Zoku!)

Schulsachen sortieren und für nächstes Jahr klarmachen

Abenddämmerung am Stadtrand

kleine Lesepause auf dem Sofa

und den Abend beschließen wir in unserem Luftschutzraum.






Wer hier nicht regelmäßig reinschaut: Die Hamas hat letzte Woche - mal wieder - mit massiven Raketenangriffe aus dem Gazastreifen auf israelische Städte begonnen. In den letzten Tagen hat zwar die israelische Armee einiges an Infrastruktur und Waffen zerstört, was nicht einfach ist, wenn man gleichzeitig irre aufpasst, so wenig Zivilisten wie möglich zu treffen, der Beschuss hat bisher aber nicht nachgelassen.. Dieses Mal tönen Sirenen öfter als bisher in Tel Aviv und anderen Städte im Zentrum Israels. (Die Raketen, die es für solche Distanzen braucht, sind Importware und alles andere als Feuerwerkskörper. Sage ich nur mal so).

Heute Abend haben die Angriffe einen neuen Höhepunkt erreicht, mit fast zeitgleichen Angriffen auf ganz Zentralisrael. Auch uns hat die Sirene zuhause das erste Mal erwischt. Das Mädchen war gerade eingeschlafen und ziemlich durcheinander, als sie auf meinem Schoß im Schutzraum wieder aufwachte.

Ätzend ist diese Realität. Zwar fängt das Iron Dome-System rund 80% der Raketen ab, weswegen es Gott sei Dank auf israelischer Seite bisher kaum Tote und Verletzte gibt, eine Garantie bietet er aber nicht.




Follow on Bloglovin


Donnerstag, 10. Juli 2014

[DonnerstagsErinnerung] - mein allererster Alarm....

... abgesehen von dem gestern, den ich spontan als meinen ersten rechnete, war bereits 2012.

Damals war ich gerade mit meiner besten Freundin bei IKEA, als uns plötzlich eine Mitarbeiterin - natürlich im gelben Polo - ansprach, wir mögen ihr bitte folgen. Es sei gerade Alarm, das höre man im IKEA-Gebäude zwar nicht, aber sie würde uns jetzt dennoch zum Schutzraum bringen. Der stand voller Kartons und Schrott und bot gerade so Platz für eine kleine Gruppe Möbelbummler.

Surreal war das. Chutzpi hatte damals auch darüber berichtet.



------

 Auf Instagram erfreut sich der "Throwback Thursday" (#tbt) großer Beliebtheit. Immer wieder donnerstags posten Nutzer alte Fotos und schwelgen in Erinnerungen. Dabei spielt es keine Rolle ob das Bild erst ein Jahr alt ist oder aus einem uralten Familienalbum abfotografiert wurde. Ich möchte diese Idee im Blog aufgreifen und die Donnerstage meinen Erinnerungen widmen. 




Follow on Bloglovin


Mittwoch, 9. Juli 2014

Business as usual. (Fast.) Und ganz viel Galgenhumor.

"Zum Schutzraum"
Als ich heute Früh das Haus verließ, war der Himmel strahlend blau, wie meistens im israelischen Sommer. Ich stieg in den Bus, wunderte mich ein bisschen, dass wir, trotz massivem Beschuss in weiten Teilen Israels, in unserer "Insel der Glückseligen" tatsächlich nach wie vor ruhig schlafen. Unterwegs schmunzle ich über einige lustige Witze und Statusupdates meiner Freunde:

Unsere Freundin, Terroropfer Kay, gestern Abend:

Israel wird mit Raketen beschossen, die im Norden bis Hadera reichen und im Osten bis Jerusalem, aber im Radio läuft die WM. Dinge für die ich mein Land liebe. 

Bitterböse Witze:

In Tel Aviv hat es gestern Abend einen Leichtverletzten gegeben: Während eines Raketenalarms verschüttete der junge Mann vor Schreck seinen heißen Espresso.
    
Die Tel Aviver Stadtverwaltung hat beschlossen, die öffentlichen Bunker zu öffnen. Die erste Stunde kostet 20 Shekel, jede weitere Viertelstunde 7 Shekel. 

Ein Armeesprecher hat die Bewohner im Großraum Tel Aviv aufgefordert, bis auf weiteres in den Schutzräumen zu bleiben, um zu verhindern, dass sie sich an den Splittern ihrer zerplatzenden Blase verletzen. 

In Tel Aviv angekommen steige ich aus und will gerade über die Hauptstraße gehen, als es passiert: Die heulende Sirene ist schon ein extrem hässliches Geräusch. Zwar kennen wir sie von Übungen, aber es "in Echt" zu erleben ist doch etwas ganz anderes. Kurz bin ich etwas desorientiert, dann sehe ich Menschen in ein nahgelegenes Bürogebäude laufen. Ich schließe mich an und harre mit ihnen im Treppenhaus aus, bis der Spuk vorbei ist.

Im Büro haben viele ähnliche Anekdoten zu erzählen. Einige ziemlich entspannt. Einige nervös. Einige sehr angespannt. Man überbrückt die hässlichen Gedanken und die Ungewissheit mit Galgenhumor und Lockerheit. Der Alltag muss weitergehen, Normalität ausstrahlen und auf keinen Fall den Eindruck erwecken, die Hamas hätte Macht darüber, wie wir uns zu fühlen haben. Eine schöne "Infotafel" geistert durch's Netz, die die Realität der Tel Aviver Schutzräume wohl sehr treffend spiegelt:




Später am Tag bei einer Mitarbeiterversammlung fällt auf, dass einige Kollegen wohl eine App installiert haben, die über jeden Raketenalarm in Israel informiert. Das wäre ja an sich eine nicht unpraktische Sache, wenn man auf dem Laufenden bleiben will, ortskundig ist und vor allem einordnen kann, wie weit entfernt von einem selbst der Angriff gerade stattfindet. Kann man das nicht, wie etwa unsere europäischen Kurzzeitpraktikanten, macht das nicht wirklich viel Sinn. Aber es hilft immerhin nicht zu vergessen, dass, während Tel Aviv in Aufregung gerät wenn es _mal_ einen Alarm gibt, im Süden des Landes weiterhin ständig Raketen abgeschossen werden.

Dieser ganze "Zustand" ist übrigens für die meisten Israelis kein Grund, irgendwelche Veranstaltungen abzusagen. Krass ist, wenn die Sirene losheult, während man gerade heiratet. So geschehen gestern in Holon. Das werden die Eheleute noch ihren Enkeln erzählen....

Ironisch auch, dass just gestern in Israel eine große Friedenskonferenz mit hochkarätiger Besetzung in Tel Aviv stattfand. Als abends die Sirenen heulten, war der Saal fix wie leergefegt. Müsste ich ein Foto des Tages für gestern küren wäre dieses hier klarer Favorit:

Tomer Apelbaum / Quelle: Haaretz

Haaretz-Journalistin Allison Kaplan Sommer stellt im Anschluss an die Konferenz trocken fest:
The #HaaretzPeaceConference has just ended. Now we can go back to our regularly scheduled war.

 So ist es wohl.


Follow on Bloglovin


[Buch] Vanessa Diffenbaugh: The Language of Flowers / Die verborgene Sprache der Blumen

Deutsch: Die verborgene Sprache der Blumen


The Language of FlowersThe Language of Flowers by Vanessa Diffenbaugh
My rating: 5 of 5 stars


Victoria Jones hat ihr ganzes Leben in Pflegefamilien und Wohngruppen verbracht. Mit jeder enttäuschten Hoffnung, endlich ein richtiges Zuhause zu finden, ist sie unnahbarer und einsamer geworden. Als sie volljährig wird und lernen soll, auf eigenen Beinen zu stehen, hat sie jeglichen Selbstwert und vor allem den Glauben daran verloren, jemals wirklich lieben und geliebt werden zu können.

Ihr außergewöhnliches Gespür für Blumen verhilft Veronica zu einem Aushilfsjob in einem Blumenladen, wo sie die Stammkunden schnell für sich gewinnt. Victoria hat nämlich ein besonderes Talent dafür, ganz persönliche Blumenarrangements zusammenzustellen, denn sie kennt die viktorianische "Blumensprache" (faszinierend!), die sie, wie der Leser in Rückblenden nach und nach erfährt, als Kind von einer Pflegemutter gelernt hat. Nach und nach wagt sie ein wenig Vertrauen, lässt einige Menschen in ihrem Umfeld etwas näher an sich heran, doch dann wirft sie ein einschneidendes Erlebnis vollkommen aus der Bahn.

Bereits zu Beginn spürte ich ganz deutlich den Schmerz, den diese junge Frau in sich trägt, und konnte mich in sie einfühlen. Die Autorin wechselt zwischen Kapiteln in der Gegenwart und Rückblenden, in denen man anfangs nur sehr bruchstückhaft etwas über Victorias Kindheit erfährt. Es wird schnell klar, dass vor Jahren etwas schreckliches vorgefallen sein muss, als Leser bleibt man aber lange im Dunkeln über die Einzelheiten. Diese Ungewissheit hat bei mir dazu geführt, dass ich den Kindle kaum aus der Hand legen konnte. Die Schilderung des amerikanischen Pflegesystems und das dargestellte Innenleben der Hauptperson waren für mich glaubwürdig und, trotz großer Tragik, nicht überzogen oder reißerisch. Als ich später erfuhr, dass Diffenbaugh selbst Pflege- und Adoptivmutter ist, wurde das Gesamtbild für mich noch stimmiger und authentischer. Ihre gefühlvolle Prosa verflochten mit der faszinierenden Thematik der "Blumensprache" machen "The Language of Flowers" für mich zu einem sehr besonderen Leseerlebnis, das mich am Ende in Tränen aufgelöst zurück ließ. (Das passiert mir nur sehr, sehr selten.)

"The Language of Flowers" ist nicht ganz leicht auszuhalten. Aber es endet hoffnungsvoll, das finde ich für mein Seelenleben bei Büchern immer sehr wichtig.

Unbedingt empfehlenswert für alle, die mit schwierigem, realistischen Lesestoff klar kommen, der einen Silberstreif am Horizont lässt.



Follow on Bloglovin


Dienstag, 8. Juli 2014

[Buch] Gemeinsam lesen #68

Gemeinsam lesen ist eine Aktion von Asaviels Bücher-Allerlei.


1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?

 Wolfgang Hohlbein: Das Netz, 4. Kapitel

2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?
Laura Berendt unterbrach die Verbindung und überlegte einen Moment. 
3. Was willst du unbedingt aktuell zu deinem Buch loswerden?

Hohlbein habe ich ewig nicht mehr gelesen. Als ich dieses Buch in meiner Onleihe entdeckte, dachte ich daher direkt an eine Neuerscheinung. Tatsächlich ist aber nur das eBook neu erschienen, die Erstveröffentlichung war bereits Mitte der 1990er Jahre, und das ist wirklich erstaunlich. Ich bin noch nicht wirklich weit, aber vieles, was mir als Leser bereits in den ersten Kapitel über diese Zukunftswelt klar wird, ist verblüffend nah an unserer Realität im Jahr 2014 oder mindestens sehr vorstellbar. Ich frage mich, wie Herr Hohlbein diesen Roman heute, fast zwanzig Jahre später, sieht, und ob er die Entwicklungen damals schon geahnt oder überwiegend wild drauflos fantasiert hat?

4. Welchen Charakter magst du in deinem Buch aktuell am wenigsten? Warum? Beschreibe ihn mit fünf aussagekräftigen Wörtern.
Dazu kann und will ich noch nichts sagen. Ich habe ja erst angefangen und die Charaktere noch gar nicht richtig kennengelernt. 





Follow on Bloglovin


Montag, 7. Juli 2014

Plötzlich die Angst.

Israel ist zur Zeit kein kuschliger Ort.

Ich meine, "kuschlig" ist Israel ja nie so richtig, aber die vielen wunderbaren Eigenschaften von Land und Leuten machen es doch allermeistens zu einem sehr lebenswerten Flecken Erde. In den letzten Wochen fühlt sich das Leben hier für mich allerdings so beladen und düster an wie noch nie. Zwar leben wir in unserer ruhigen (lies: langweiligen), sehr homogen-jüdischen Stadt, außerhalb der Reichweite von Raketen aus Gaza und ohne gewaltbereite Demonstranten, eigentlich wie auf einer Insel der Glückseligen. An Schlagzeilen, Berichten von Freunden, Meinungen und der immer brodelnden Gerüchteküche der Social Media kommt dieser Tage aber kein Israeli vorbei. Leider stellt sich die Situation für mich gerade so dar, dass es eher erst noch schlimmer wird, bevor sich die Lage vielleicht wieder etwas beruhigt.

Ich will darauf an dieser Stelle gar nicht weiter eingehen, mir fehlen nach wie vor die Worte, mein Innenleben in zusammenhängende, blogtaugliche Worte zu fassen. Wer mehr über unsere hässliche derzeitige Realität lernen (und sich nicht auf Massenmedien verlassen) will, sollte - und hier wiederhole ich mich - Lilas "Letters from Rungholt" abonnieren.

Mir gelingt es meist, mich von den Geschehnissen soweit abzugrenzen, dass ich nicht in ständiger Unruhe und Sorge lebe. Heute hat sie mich dann aber doch gepackt. Die Angst. Ich war unterwegs nach Hause als eine Mutter aus des Mädchens Klasse eine SMS an alle schickte. In unserer Stadt sei ein Kind entführt worden*, die Polizei hätte bereits Hubschrauber in der Luft. Da ging es plötzlich ganz schnell an, das Kopfkino. Irrational, statistisch gesehen. Und dennoch. Der Terror, auch der psychologische, ist ein gefräßiges Monster.







--------
* falscher Alarm, wie sich wenig später herausstellte, aber er wurde sehr ernst genommen. Ein Vater alarmierte die Polizei, nachdem sein 8-jähriger Sohn gesehen haben wollte, wie ein anderes Kind in ein Auto gezerrt und verschleppt wurde. Die Nerven liegen allerorten blank.




Follow on Bloglovin


Samstag, 5. Juli 2014

Samstag, 5. Juli: Tagebuchkaffee


Der Tagebuchblogtag von Frau Bruellen, der immer am Fünften des Monats stattfindet fällt im Juli auf einen Samstag. Das heißt er muss sich diesen Webspace heute mal mit dem Samstagskaffee von Ninjas Sieben teilen.

War ein wenig ereignisreicher Samstag, bzw. Shabbat. Samstag ist ja der "israelische Sonntag", es ist arbeitsfrei, die meisten Läden sind geschlossen und man verbringt Zeit mit der Familie. Da ich mich immer noch ein wenig von meinem OPchen am Montag erholen muss, blieb ich morgens im Bett, während Mann und Maus sich ins Freibad verabschiedeten.

Ein fataler Fehler, danach noch mal einzuschlafen, denn zwei Stunden später schrecke ich aus einem actionthrillerartigen Albtraum auf, in dem es um eine schräge Mission, viel zu viel Gepäck von einem Ende irgendeines Gebäudekomplexes zum anderen zu schaffen, und düstere Kämpfer eines Kalifen auf meinen Fersen ging (die Schlagzeilen setzen mir unterbewusst offenbar doch zu). Am Ende des Traums zwänge ich mich völlig abgehetzt schließlich mit einem asiatischen Orchestermusikanten (auf der Flucht vor meinen Verfolgern kam ich nämlich durch einen Konzertsaal) in einen viel zu engen Fahrstuhl für maximal zwei Personen, der uns hoffentlich aufs Dach und damit in Sicherheit bringen soll. Der Fahrstuhl fährt jedoch nicht los, und bevor ich richtig panisch werden kann, wache ich auf.

Traumdeutung anyone?

An Tagen wie diesem erwäge ich ernsthafter als sonst, mir endlich ein Traumtagebuch zuzulegen, denn obwohl ich mich nicht immer so deutlich an Details erinnere, habe ich schon meistens eine recht gute Erinnerung an den kunterbunten (und oft völlig durchgeknallten Quark), der mir im Schlaf so durch den Kopf geht.

Mental im Reich der Wachen angekommen dusche ich erstmal. "Erstmal" ist allerdings leicht dahingesagt, in Wirklichkeit ist diese simple Alltagsmaßnahme derzeit eine handwerkliche Aufgabe und involviert Küchenpapier, Klebeband und Plastikfolie, denn das Pflaster am Dekolletee muss noch eine Woche dran bleiben und soll nicht nass werden. Hmpf.

Nach der Dusche räume ich ein bisschen im Haus hin und her, lese ein wenig, hänge Wäsche ab und auf und beziehe das Bett neu. Einmal die Woche ist im Sommer kein Luxus, sogar ich schwitze im Juli wenn man die Luftfeuchtigkeit auch nachts nicht richtig los wird.

Gegen Mittag mache ich mir dann endlich meinen Samstagskaffee. Draußen brennt die Sonne, auf dem Foto kann man das überhaupt nicht so abbilden, wie es sich gehört, aber wenigstens die gleißende Helligkeit kommt ganz gut rüber.




Wenig später kommen meine beiden Freibadgänger zurück. Ich falle fast hintenüber als ich das Kind sehe und werde schwach auf den Beinen als ich höre, dass sie leider keine Sonnencreme mit hatten. Dass man deswegen nicht postwendend wieder nach Hause fahren kann, wenn man sich so aufs Schwimmen gefreut hat, verstehe ich ja noch. Aber dass man geschlagene vier Stunden vormittags ohne Schutz im Wasser verbringt im sonnigsten Monat des Jahres ("Aber das Freibad hat doch ein Sonnensegel!") kann ich nicht gut verdauen. Vor allem weil Sonnenbrand immer direkt einen ganz bösen Hautkrebspräventionsfilm bei mir auslöst. Besser nicht drüber nachdenken, zu ändern ist es jetzt sowieso nicht mehr und sie haben wohl ihre Lektion gelernt, aber ich muss mich echt zur Verdrängung zwingen.

Der Rest des Tages verläuft friedlich und entspannt. Wir ruhen uns aus, essen miese TK-Pizza, lesen der kleine Drache Kokosnuss, räumen das Kinderzimmer auf, sehen ein bisschen WM und das Mädchen bastelt einen Geburtstagsgruß für die Klassenlehrerin. Ich werte es als gutes Zeichen, dass so viele Herzchen drauf sind und als Grußformel "wir haben dich lieb!" drauf steht. :)







Follow on Bloglovin