Sonntag, 23. November 2014

Bewölkter Samstagsausflug

Das Leben in Israel ist viele Dinge. Es ist anstrengend und kompliziert und deprimierend und teuer und hart und herzzerreißend und nervig. Oft fällt es mir schwer zu beschreiben, warum ein Mensch wie ich, der ohnehin nur zugezogen ist und im Ausland sicher gute Chancen hätte, ein "besseres" Leben zu haben, meint, ausgerechnet hier leben zu müssen.

Aber dann gibt es so Tage wie heute, an denen ich Israel und seine Menschen am liebsten umarmen und nie wieder loslassen möchte.

Es war Regen angesagt. Ergiebiger Regen in ganz Israel, "vom Norden bis in den Negev", wie es an solchen seltenen Tagen bei uns im Wetterbericht heißt. Nun hatten wir aber just für heute einen Ausflug geplant. Die Mutter einer Klassenkameradin unserer Tochter managt seit einigen Jahren eine Wandergruppe bestehend aus 10-12 Familien, die etwa einmal im Monat mit einem professionellen Führer Tagesausflüge machen. Für uns war es das erste Mal und bis gestern Abend hätten wir wetten können, der Ausflug würde wegen der schlechten Wetterprognose abgesagt.

Israelis, so müsst ihr wissen, sagen normalerweise beim kleinsten Anzeichen von Regen noch ganz andere Dinge ab. Doch die Absage kam nicht und so machten wir uns heute Früh auf den Weg in den Süden. Unterwegs fuhren wir einer heftigen Regenfront entgegen, doch je näher wir der Wüste kamen, desto weniger regnete es. 

Als wir am Treffpunkt in Jerocham, einem winzigen Städtchen im Nirgendwo des nördlichen Negev aussteigen, ist es zwar frisch, aber noch sonnig.

Die anderen Familien sind bereits eingetroffen und es wird erst mal gefrühstückt. Jeder hat etwas mitgebracht, sodass ein großes Büffet aufgebaut werden kann: Salate, Rohkost, Burekas, Obst, jemenitisches Jachnun, hartgekochte Eier - da ist für jeden etwas dabei. Die Kinder haben sich sofort zusammengefunden und essen gemeinsam, unsere Tochter werden wir an diesem Tag nicht mehr oft zu sehen bekommen. Gerade für sie als Einzelkind ist die Chance, mit so vielen anderen Kindern auf einen Ausflug zu gehen, wirklich toll. Aber auch auf uns, die wir den größeren Teil der Gruppe nicht kennen, wird offen zugegangen und wir fühlen uns schnell aufgenommen, was möglicherweise auch an unserem niedlichen Hundevieh liegt, das ebenfalls mitkommen durfte ;-)

Nach dem Frühstück brechen wir auf unsere eigentliche Wanderung auf. Vorbei an einem künstlichen Stausee geht es in eine triste steinig-sandige Felslandschaft, die durch die dichte Wolkendecke heute noch trister wirkt als sonst. So ähnlich stelle ich mir die Mondoberfläche vor, denke ich manchmal, was die Stimmung aber nicht weniger faszinierend macht. Außerdem ist die Moral in der Gruppe allgemein richtig gut. Es regnet nicht, der kräftige Wind lässt sich gut aushalten und das Grau-in-Grau ist mal eine Abwechslung zur gleißenden Sonne, die man sonst in der Wüste gewohnt ist.

Die Kinder sind von unserem Führer mit Plastiktütchen ausgestattet worden und sollen so viele Schneckenhäuser wie möglich sammeln. Eine Aufgabe, die sie alle wunderbar beschäftigt und dazu führt, dass sie überhaupt nicht merken, dass sie eigentlich eine schrecklich anstrengende Wanderung machen.

Eigentliches Ziel dieses Rundwegs ist die Sichtung einer seltenen Wüstenblume, der Sternbergia clusiana (Hebräisch Helmonit = "Eigelbchen"), die nur eine sehr kurze Blütezeit hat und vor dem gelb-beigen Wüstenhintergrund gut getarnt ist.


Am Ende haben wir aber doch noch Glück und finden eine Stelle mit ganz vielen Helmoniot. Es ist unbeschreiblich, wenn man nach einer Stunde wandern über gerölliges "totes" Gelände plötzlich so frische, zarte Blüten zwischen den Felsen sieht. Das muss natürlich erstmal fleißig fotografiert werden.





An den Blüten vorbei geht es weiter auf einen hohen Hügel mit sagenhafter Aussicht über die Gegend. Heute ist alles grau verhangen, es sieht fast so aus, als regne es ringsherum im ganzen Land, nur hier nicht. Jedenfalls abgesehen von ein bisschen Tröpfelregen hier und da.

Unterwegs finden mein Mann und eine Mitwandererin heraus, dass sie über 17 Ecken verwandt sind. Auch das ist Israel: ich habe schon so oft gehört oder miterlebt, wie sich zwei Israelis das erste Mal treffen und dabei merken, dass sie sich entweder schon mal kennengelernt haben oder zumindest gemeinsame Bekannte oder Verwandte haben. An der Begegnung heute ist besonders spannend, dass es sich um gemeinsame Familie am anderen Ende der Welt handelt, von der mein Mann gar nicht wusste, dass sie auch einen israelischen Zweig hat. Solche Zufälle gibt es eigentlich gar nicht. Aber es sorgt für viel Heiterkeit.


Die Stimmung der Kinder ist und bleibt fantastisch. Wenn ich daran denke, was wir auf unseren bisherigen Ausflügen oft für Gejammer ertragen mussten, weil es dem Kind schlicht an gleichaltrigem Kontakt fehlte, ist das hier wirklich eine Offenbarung. Unsere Tochter marschiert mit ihrer Freundin stramm voraus, dem Guide hinterher und wird erst ganz gegen Ende des etwa 5 Kilometer langen Spaziergangs ein wenig fußlahm. Das ist legitim, finde ich. Die Hundefrau hat natürlich Spaß, obwohl sie sich tatsächlich ab und an tragen lässt, die Diva. 

Unter den Wanderern wird gescherzt und erzählt, ermutigt, getröstet (mitunter ist das Gelände unwegsam), Snacks geteilt und einiges über Geologie und Geschichte gelernt. Wir merken immer mehr: Diese Gruppe ist wirklich etwas Besonderes. 


Zum Abschluss des Ausflugs gegen 15.00 wird ein Mittagsmahl eingenommen, dass in Sachen Vielfalt und Menge das Frühstücksbüffet noch übertrifft: Eintopf, Chamin, Mujaddara, Salate und Gemüse, zum Nachtisch türkischer Kaffee vom Gaskocher mit Keksen und Kuchen. Danach sind wir so platt, dass wir überhaupt keine Lust auf die Heimfahrt haben. Leider bleibt uns nichts anderes übrig, denn es dämmert bereits, gegen 17.00, auf halbem Weg nach Hause, ist es bereits stockdunkel. Wir sind glücklich. Das Mädchen fragt vor dem Schlafengehen nach, ob wir nächste Woche wieder einen solchen Ausflug machen und wohin es dann geht. Als wir ihr erklären, dass diese Ausflüge "nur" einmal im Monat stattfinden werden, war sie spontan enttäuscht.

Ein voller Erfolg also, trotz per Definition "schlechten" Wetters. Und ein Lehrstück in israelischem Teamgeist und allgemeiner israelischer Fantastischkeit. 







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Kommentare:

  1. Kinder merken in netter Begleitung und spannendem, ablenkenden spielerischen Tun gar nicht mehr, wie weit sie laufen. Solche Erlebnisse bleiben ihnen auch lange im Gedächtnis (geht mir selber so, an solche Kindheitsausflüge kann ich mich heute noch erinnern ;-)
    So einen Ausflug in die Wüste würde ich auch so gern mal machen (hätten wir unsere Israelreise nicht wegen der zweiten Intifada damals canceln müssen, wäre das ja möglich gewesen...)
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Liebe Andrea,

      man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Ich hoffe sehr, dass ihr diese Reise irgendwann doch noch realisieren könnt :)

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  2. Diese gelben "Krokusse" sind ein kleines Wunder. Ich lese immer sehr gerne bei Dir, denn dadurch wird die Berichterstattung in den Nachrichten um eine Perspektive ergänzt: Es gibt ein Alltagleben. Ich hoffe, es geht jetzt trotz der jüngsten Provokationen und Anschläge nicht wieder los...
    Dass die Kinder erst nicht mitwollen, dann aber froh voranstürmen (und am liebsten nicht mehr nachhause gehen würden) kenne ich auch.
    Alles Liebe Sarah

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    1. Liebe Sarah,

      Das Alltagsleben und die "normalen" Menschen zu zeigen, ist tatsächlich eine der Hauptanliegen, die ich mit meinem Blog verfolge. Obwohl es manchmal etwas schizophren wirkt, wenn ich über Blümchen schreibe, während wenige Kilometer weiter Anschläge und Reaktionen darauf stattfinden :(

      Danke für deinen Kommentar!

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  3. Was für eine Landschaft. Ich muss ein bisschen an mein heimatliches Meer bei grauem Wetter denken, und die Farbe des Sandes scheint mir eher gelblich, wie bei uns in einer Kiesgrube, zu sein. Wüsten faszinieren mich seit jeher, vielleicht, weil ich als Kind in Wanderdünen herumtoben durfte, die heute für alle Spaziergänger gesperrt sind aus Landschaftsschutzgründen. Aber Sandmeere sind bei mir seitdem gleich hinter Ozeanen angesiedelt.
    Euer Ausflug klingt wunderbar, da hat alles gestimmt bis hin zu den gelben Blümchen.
    LG
    Gea

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    1. Liebe Gea, danke für diesen Eindruck! Ans Meer habe ich auf dieser Wanderung nicht gedacht, aber du hast Recht, es erinnert ein wenig an Dünen :)

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