Freitag, 7. November 2014

12 Jahre Israel...

Israelflagge am Stadtrand
Dieser Tage hat sich meine Ankunft in Israel zum 12. Mal gejährt, was mir Anfang der Woche eher zufällig eingefallen ist. Ich habe immer mal diese Momente, in denen ich innehalte und selbst ganz überrascht bin, wie sehr ich - trotz aller Meckerei über dieses Land - schon längst assimiliert  bin.

Just diese Woche veröffentlichte Nikka auf ihrem Blog Bubble Perspectives eine Liste der 20 Anzeichen dafür, dass man schon zu lange in Tel Aviv lebt. Viele davon treffen auf Israel allgemein zu, ich habe die 12 besten Schmunzler davon ins Deutsche übertragen (mit Nikkas Erlaubnis, versteht sich):

1. Du benutzt den Ausdruck "Yalla" geradezu inflationär. "Yalla" stammt ursprünglich aus dem Arabischen ist aber längst fester Bestandteil der hebräischen Umgangssprache. Kaum ein anderer Ausdruck kann so vielfältig eingesetzt werden, denn je nach Situation kann er "Beeil' dich!", "Komm' jetzt", "Auf geht's", "Alles klar!", "Tschüß!", "Ich häng' jetzt auf", ... bedeuten. Falls dir das anfangs seltsam vorkam, ist "Yalla" längst auch in deinen Wortschatz eingezogen, und du weißt ganz genau, wie du es einsetzen und betonen musst, um die richtige Bedeutung zu treffen. 

* Mehr über "Yalla" hat Guy Sharett vor einiger Zeit auf seinem Podcast erzählt: Anhören! *

2. Du kommst zu jeder Party mindestens eine halbe oder Stunde später. In Israel erwartet kein Mensch, dass du pünktlich zu der Zeit kommst, die auf der Einladung steht. Wenn die Party um 21:00 starten soll, kommst du erst gegen 22:00. Solltest du tatsächlich um 21:00 auftauchen, wirst du in aller Regel der erste Gast sein und auf alle anderen warten müssen. 

3. Du gibst Unsummen für Hochzeiten aus. Abgesehen von Miete und Lebensmitteln sind Hochzeiten einer deiner größten Budgetposten. Hochzeiten sind in Israel nämlich richtig wichtig. Die meisten Paare heiraten in einem bestimmten Alter und Hochzeiten sind rauschende Feste. Mehrere hundert Gäste sind normal und es wird erwartet, dass sie dem Brautpaar Geldgeschenke machen. Es gibt ungeschriebene Gesetze, die genau regeln, wie viel man geben sollte, je nachdem wie gut man das Brautpaar kennt. Ist man nur ein flüchtiger Bekannter, sollte man mindestens die eigene Pro-Kopf-Pauschale für Essen und die Getränke decken. 

Apfel in Honig - jüdische Neujahrstradition
4. Du kennst die jüdischen Feste und kennst ihre Bedeutung: "Sie haben versucht, uns zu töten. Wir haben überlebt. Jetzt wird gegessen!"

Es gibt viele jüdische Feste und du hast sie alle schon mehrmals in Israel gefeiert, ganz egal, ob du selbst jüdisch bist oder nicht. Du hast verinnerlicht, dass die meisten Feste einen religiösen Hintergrund haben und im Gedenken an ein biblisches Ereignis gefeiert werden, bei dem die Existenz des jüdischen Volkes bedroht war. Weil "wir" überlebt haben, essen wir heute richtig viel gutes Essen, um dieser Zeit zu gedenken.

an der Straßenbahn in Jerusalem
5. Soldaten mit Maschinengewehren fallen dir gar nicht mehr auf. Soldaten in Uniform, die ihre Waffen mit sich herumschleppen, gehören in Israel zum Alltag. Dabei handelt es sich meist gar nicht mal um Soldaten im Dienst, sondern um Wehrpflichtige, die ihre eigene Waffe immer bei sich führen und zu Hause aufbewahren müssen, weswegen sie sie regelmäßig von der Armeebasis nach Hause und wieder zurückschleppen. War es dir anfangs noch unangenehm, wenn du im Bus neben einem Kerl oder Mädel mit einem beeindruckenden Gewehr auf dem Schoß sitzen musstest, schaust du heute gar nicht mehr genau hin, und dieser Soldat ist womöglich sogar ein Freund oder der Bruder oder die Schwester von jemanden, den du kennst. Außerdem weißt du inzwischen, wie lästig es den Soldaten ist, das schwere Gewehr in der Hitze durch die Gegend zu schleppen.

6. Du findest, dass Flip-Flops zu allem passen. Du besitzt mindestens ein Paar, das du täglich zu jedem Outfit trägst, egal ob du an den Strand, Shoppen, ins Büro oder einen Nachtclub gehst. 

7. Unhöflichkeit macht dir nichts mehr aus.

Machen wir uns nichts vor: In Israel leben viele sympathische, freundliche Menschen, aber die Kultur zeichnet sich nicht gerade durch ihre Höflichkeit aus. Anfangs hast du dich noch über all die alltäglichen Vorfälle aufgeregt, etwa dass Leute sich vordrängeln oder gar nicht erst in der Schlange stehen, Autofahrer, die am Zebrastreifen nicht anhalten oder dich anhupen, obwohl deine Ampel grün ist, dass du angerempelt wirst und keine Entschuldigung folgt oder dass Leute einfach ohne Grund unhöflich sind. Heute lässt du Unhöflichkeit einfach an dir abperlen und ertappst dich sogar öfter selbst beim Unhöflichsein.

8. Fünf Minuten Regen genügen, um dir zu signalisieren, dass der Winter gekommen ist und du Suppe kochen musst. Die israelischen Sommer sind heiß und so lang, dass sogar du irgendwann den Winter herbeisehnst. Der Winter in Israel kann mitunter nasskalt sein, aber sonnige 20-Gradtage sind ebenfalls nicht ungewöhnlich. Du hast also gelernt, dass Regen ein aufregendes Ereignis ist und sorgst dafür, die Winterkleidung raus zu kramen und heiße Suppe zu kochen, sobald die ersten Tropfen fallen.

(Anm. von mir: Ich werde nie vergessen, wie ich an meinem ersten Geburtstag in Israel - am 26. Dezember - barfuß und im Schlafanzug auf der Terrasse Wäsche aufhängte)

Israelische Mädchen im Novemberregen
9. Du nimmst an heißen Sommertagen einen Pullover mit ins Kino. In den tropisch-heißen Monaten laufen die Klimaanlagen in Israel auf Hochtouren, das heißt, wenn es draußen unerträglich heiß ist, ist der Kühlschrankeffekt drinnen so stark, dass man im Kino früher oder später etwas überziehen muss. 

10. Du weißt, wie man eine "Kombina" macht. Das Leben in Israel ist hart, was die Menschen auf kreative Einfälle bringt, um ein bisschen leichter, oder vor allem billiger, durchzukommen. Oft werden Beziehungen ausgespielt, meistens sind die Tricks harmlos, manchmal fühlen sie sich ein bisschen an wie schummeln, aber man muss schließlich sehen, wo man bleibt. 

11. Du bestellst "Kaffee Hafuch" statt Cappuccino. Kaffee Hafuch bedeutet wörtlich übersetzt "umgekehrter Kaffee" und ist nichts anderes als die israelische Antwort auf italienischen Cappuccino. In den meisten Cafés bekommt man dasselbe Getränk, egal ob man Hafuch oder Cappuccino bestellt hat, aber du sagst längst nur noch Hafuch und stellst sicher, dass dein Hafuch genauso serviert wird, wie du ihn gern hast. Klein, mittel oder groß. Kochend heiß oder ein bisschen weniger warm als üblich. Mit oder ohne Schaum, mit viel Schaum oder nur ganz wenig. In einer normalen Tasse, im Glas oder zum Mitnehmen im Pappbecher. Mit normaler, fettarmer oder Sojamilch oder mit der Hälfte Milch und der Hälfte Wasser. Mit einem Espresso dazu oder mit einem extra Shot im Kaffee.
Kaffee Hafuch bei "Aroma"

(Anm. von mir: Das ist tatsächlich so. In meiner Zeit als Barrista habe ich die unterschiedlichsten Vorlieben kennengelernt und bewundere die Jungs und Mädels an der Kaffeemaschine trotzdem immer wieder, wie sie in Stresszeiten den Überblick behalten.)

* Einen langen Artikel über Kaffeegewohnheiten in Israel habe ich vor einiger Zeit hier gebloggt. *

12. Du bekommst Entzugserscheinungen, wenn du längere Zeit ohne Hummus auskommen musst. Zuhause hast du immer Hummus im Kühlschrank und kennst die besten Hummus-Restaurants. Du weißt, wie man Hummus isst, ohne als Ausländer aufzufallen und wenn du im Ausland bist, bekommst du schon bald Heißhunger auf Hummus. Du bist überzeugt, israelischer Hummus ist der beste Hummus der Welt und nutzt ihn als Universalaufstrich oder Dip für alles mögliche.




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Kommentare:

  1. Wunderschön geschrieben/übersetzt...ich bin ja immer noch neugierig auf den "welche Sprache spreche ich wann und welche vermisse ich wie und in welcher verteile ich mütterliche Standpauken"-Post.

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    1. Danke dir! An dem Sprachartikel feile ich täglich, allerdings bisher nur im Kopf. Das ist manchmal so: Ich weiß genau, was ich schreiben will, aber schaffe es nicht mich aufzuraffen und es in die Tasten zu hauen. Aber er kommt ganz bald :) (Eine Hirn-Blog-Schnittstelle fände ich manchmal ganz nett, ich würde viel mehr veröffentlichen, denn oft formuliere ich komplette Artikel im Kopf aus (vorzugsweise beim Schwimmen oder so) und kriege sie nicht runtergeschrieben. Hmpf.)

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    2. Ach und hast du Lust mir drei Lieblingsbücher für meine Challenge nennen? Da wäre ich sehr gespannt :)

      Leserlieblingsbücher 2014

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  2. Das ist ja hochinformativ - ich weiß noch nichtmal, was Hummus ist - und zugleich beginne ich mich zu fragen, was wohl typisch deutsch wäre, wenn ich 12 Dinge aufzählen müsste. Was du aufzählst, ist natürlich alles neu und fremd für mich, aber was wäre umgekehrt das, was man in Deutschland irgendwann für normal hält, obwohl es so eigenwillig ist wie eure Reaktion auf Regen - Suppe kochen. Herrlich.
    Ich habe mich prächtig amüsiert neben all dem Lehrreichen.
    LG
    Gea

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  3. Spannend, diese Einblicke in den israelischen Alltag.
    Ich schaue, dass ich mich für die drei Bücher am Wochenende entscheide. Dank Dir habe ich mich an die Trilogie von U. Poznanski begeben... und da will ich auch gleich wieder weiterlesen....
    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. Ich fand es wieder einmal total spannend, etwas über das Leben in Israel zu erfahren, und das alles mit einem Augenzwinkern und so viel Humor geschrieben.
    Ich kann da gar nicht explizit einen deiner 12 Punkte herausgreifen, alle bringen mir das Land Israel näher, lassen mich mehr verstehen und machen es so menschlich sympathisch.
    Das finde ich einen, der ganz dicken Pluspunkte deines wunderbaren blogs.
    Ich habe in letzter Zeit zwar immer gelesen bei dir, aber irgendwie fehlte mir die Zeit zum Kommentieren, nur falls du dich gewundert haben solltest, warum es von mir nichts mehr zu lesen gab.
    LG,
    Monika

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    1. Das ist doch total ok, liebe Monika! Ich bin ja selbst sehr lausig im Kommentieren, weil ich meist unterwegs am Handy durch die Blogfeeds stöbere, quasi "zwischen Tür und Angel" :)

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