Donnerstag, 2. Oktober 2014

[DonnerstagsErinnerung] Meine Hibisken in Florentin

Ich hatte eine Wohnung in Tel Aviv...  

Nein, natürlich keine eigene Wohnung, das wäre ja sozusagen ein Wunder oder mindestens ein 6er im Lotto, nein, eine Mietwohnung. Damals als Jungverheiratete hatten wir nur ein sehr knappes Budget und das einzige für uns erschwingliche Viertel in Tel Aviv war Florentin. Eines der ersten Tel Aviver Viertel überhaupt, war Florentin damals sehr abgerissen (einmal stürzte bei Nachbarns der Balkon ab. Einfach so) und hauptsächlich bei Künstlern, Studenten und anderem junggebliebenen Volk beliebt.

Als wir zwei Jahre später wegzogen, war das eine absolut vernünftige Entscheidung, schon im Hinblick auf unsere Familienplanung, aber auch, weil Florentin damals rund um die Uhr einfach laut und anstrengend war. Cool, aber anstrengend. Heute wird Florentin an allen Ecken und Enden restauriert und ist überhaupt nicht mehr billig, nur noch cool.

Zurück zur Wohnung. Sie war alt, aber dafür in verhältnismäßig gutem Zustand, denn der Vermieter, dem das ganze Haus gehörte, liebte sein Haus und tat einiges dafür, es in Schuss zu halten.. Schon als wir die Wohnung das erste Mal betraten (den Vermieter hatten wir zuvor zufällig auf der Straße getroffen: "Ihr sucht eine Wohnung? Ich hätte da grade eine frei..."), verliebte ich mich in den typisch florentinschen alten Fliesenboden. Wenn man so einen auffälligen Fliesenboden hat, braucht man keinen Teppich und putzen erübrigt sich fast, weil man den Dreck nicht sieht und es sowieso nicht wirklich was bringt, bei all den Ritzen und Splittern.

Außerdem hatte die Wohnung einen schmalen Balkon zur Straße hin und einen nach hinten raus, für die Waschmaschine, die wir uns ein halbes Jahr später leisten konnten, uralte Fenster, durch die es im Winter zog und die im Schlafzimmer mit bunter Folie beklebt waren, damit man von gegenüber nicht hineinsehen konnte. Von den verwitterten Fensterläden blätterte die weiße Farbe ab, was der Außenansicht aber gerade deshalb einen besonderen Charme verlieh. Unsere Wohnung hatte, wie alle damals in Florentin, eine durchhängende Wäscheleine über die gesamte Balkonbreite und ein "Boidem", einen winzigen Speicher, wie sie in alten Tel Aviver Wohnungen häufig unter der Decke eingezogen sind. Die Küchenschränke schienen mindestens 50 Jahre alt zu sein und die Dusche war ein Provisorium. Fließendes warmes Wasser gab es aber :)

Für uns war diese Wohnung wie ein Traum. Sie hatte zwei Zimmer, hohe Decken, Küche, Bad und dazwischen einen Flur. Das war viel mehr, als manch andere Wohnung, die wir uns bereits angeschaut hatten. In den ersten Tagen konnte es passieren, dass einer von uns im Wohnzimmer und der andere im Schlafzimmer war, nur damit wir uns folgenden Dialog zurufen konnten:
Schatz, wo bist du? 
- Ich bin im Schlafzimmer, ist es nicht toll, dass wir zwei Zimmer haben? 
Unsere Nachbarin gegenüber war alleinerziehend und hatte außerdem ein großes Herz für die Straßenkatzen der Gegend. Von ihrem Balkon ließ sie täglich eine große Schüssel mit Trockenfutter an einem Seil in den Hinterhof. Dass das vermutlich auch die eine oder andere Ratte anlockte - egal :) 

Überhaupt gab und gibt es in Tel Aviv unzählige Katzen und so dauerte es nicht lange, bis uns "Lula" zulief (das heißt, eigentlich lief sie dem Gatten zu, nicht mir), die am Ende rund 8 Jahre bei uns leben sollte.

Ja, es war eine schöne Zeit in dieser Wohnung.

Was bleibt... Verblichene Fotos meiner geliebten Balkonhibisken, die ich jahrelang in meinen Nachfolgewohnungen an prominenter Stelle zu hängen hatte. Bis die Rahmen beim letzten Umzug an den Ecken gesplittert sind. Vor ein paar Tagen sind sie mir zufällig wieder in die Hände gefallen und haben diese Erinnerung ausgelöst. Und ein bisschen Sehnsucht.






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Kommentare:

  1. Wieder so ein schöner post vom Alltag in Israel, auch wenn der in diesem Fall schon länger zurück lieft.
    Und doch war es bei uns, als mein damaliger Freund (heute Herr L. ;-) ) und ich zusammenzogen, ganz ähnlich: Zwei Winzzimmer, in einer Ecke der Stadt, die schon damals nicht cool war und es auch heute noch nicht ist.
    Ohne Balkon, im Hinterhaus mit Hof, aber immerhin mit Badewanne.;-)
    Ach ja, manchmal ist es schön sich zurückzuerinnern, nicht wahr?
    LG,
    Monika

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    1. Ja, die schönen Erinnerungen muss man festhalten :) auch wenn manche mit der Zeit fast eine surreale Qualität bekommen ^^

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  2. Heute: das Bodenthema. Morgens: Fachmarkt für Holz in einem kleinen Gewerbegebiet nahe der Alpen. Drinnen: ein alter Mann mit unglaublichem Tölzer Dialekt. Mitgenommen: die neusten Holzböden, Holzoptiken und ein paar Sonnenstrahlen. Mittags: Lesend in Blogs. Dann Israel. Deine Erinnerung an die erste Wohnung, der Boden darin, Kleinigkeiten.

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    1. Hach, ich freue mich immer über diese kleinen überraschenden Berührungspunkte in der Bloggernachbarschaft. Viel Freude bei der Bodenauswahl :)

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  3. Wie wunderschön! Und bei mir ruft es gleich Erinnerungen wach... An unsere erste kleine Wohnung mit zwei Zimmern, unweit vom See und Wald, die uns auch das Glück in den Schoß warf.... Aber deine ist auf jeden Fall noch viel romantischer...
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Glaub ich nicht; eine Wohnung mit zwei Zimmern unweit von See und Wald klingt geradezu wildromantisch! ;)

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