Mittwoch, 17. September 2014

[Buch] Emma Donoghue: Room / Raum


--- Vorsicht Spoiler! Wer dieses Buch noch nicht kennt und sich überraschen lassen will, sollte die folgende Rezension lieber nicht lesen. ---



RoomRoom by Emma Donoghue
My rating: 5 of 5 stars

Eines der Bücher, die mich in letzter Zeit am nachhaltigsten beschäftigt haben ist "Room" von Emma Donoqhue.

"Room" wird aus der Sicht von Jack erzählt, einem fünfjährigen Jungen, der sein ganzes bisheriges Leben mit seiner Mutter in einem kleinen Gartenschuppen verbracht hat. Dieser Schuppen ist für ihn die ganze Welt, es gibt ein Bett, einen Schrank, ein Klo, ein Bad, eine Kochecke, einen Teppich, einen Tisch und Stühle, ein Oberlicht und einen Fernseher. Erst mit der Zeit erfährt der Leser, was man anfangs nur ahnt, nämlich dass Jacks Mutter entführt wurde und von "Old Nick", der immer nur nachts kommt, gefangen gehalten wird. Dennoch ist es für Jack kein offensichtlich unglückliches Leben, denn seine Mutter tut alles dafür, die Tage mit kindgerechten Aktivitäten zu füllen. Sie basteln und erzählen sich Geschichten, machen Turnübungen und sehen nur selten fern. Für Jack ist nichts was er im Fernsehen sieht "echt", denn seine Mutter hat ihn in dem Glaube erzogen, dass nur ihre eigene kleine Welt, so wie sie ist, echt ist. Daher vermisst Jack auch die Freiheit nicht, wenn ihm auch manches bedrohlich und seltsam erscheint. Daher überfordert es ihn zunächst, als seine Ma ihm eines Tages, kurz nach seinem fünften Geburtstag, plötzlich versucht zu erklären, dass sie versuchen müssen, aus dem Raum zu fliehen.

Ich wusste bereits vorher, dass es in diesem Buch um eine fiktive Annäherung an den Fall "Fritzl" geht. Was ich nicht wusste, ist, dass nur etwa ein Drittel von "Room" die Gefangenschaft beschreibt und der weit größere Teil des Romans sich damit auseinandersetzt, wie Jack und seine Ma nach der Flucht quälend langsam ins wirkliche Leben (zurück) finden. Das hat mich aufgewühlt, denn die Medien beschäftigen sich in der Regel doch nur sehr kurzfristig mit solchen Fällen und schlachten allenfalls ein paar Wochen lang reißerisch die grauenhaften Bedingungen in Gefangenschaft aus, bevor der Fall von anderen Topmeldungen abgelöst wird.

Wie es den Betroffenen eine Woche, einen Monat oder ein Jahr später geht, erfährt man meist nicht. Natürlich geht es dabei auch um den Schutz der Privatsphäre dieser Menschen, und ich erwarte nicht, dass die Medien die Opfer jahrelang wie im Reality TV begleitet, aber ich habe mich schon einige Male gefragt, ob und wie so jemand es wohl schafft, wieder ein annähernd normales Leben zu führen.

Diesen Aspekt hat Emma Donoghue in "Room" behutsam und feinfühlig aufgegriffen und - nach meinem Empfinden - sehr vorstellbar erzählt. Die Überforderung damit, was sich "draußen" alles verändert hat. Wie fremd Familie und Freunde geworden sind, wie beängstigend und unfassbar schwierig für Jack viele ganz alltägliche Dinge sind, weil er sie schlicht nicht kennt, die ganz einfachen Dinge, die er zum ersten Mal lernen muss, während er intellektuell in anderen Bereichen schon viel weiter war, die Nachrichten über sich selbst, denen sie immer wieder ausgesetzt werden, etc.

"Room" hat viele sehr schwierige Momente, einige herzzerreißend, andere machten mich richtig wütend, aber auch Humor und alles getragen von einer ganz wunderbaren Mutter-Sohn-Beziehung.

Letztlich endet "Room" hoffnungsvoll. Allen Widrigkeiten und schrecklichen Erlebnissen zum Trotz, schaffen es Jack und Ma sich einen neuen Anfang zu erkämpfen. Das ist wunderbar, und ich wünschte mir, dass es auch für die Vorbilder dieses Romans mit der Zeit eine lebbare Zukunft geben kann.



Auf Deutsch ist "Room" im Piper-Verlag erschienen.



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