Montag, 14. Juli 2014

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Zchok, Zchok (1), wie man hier so schön sagt, aber morgens um 6 vom Raketenalarm geweckt werden ist kein Spaß.

Sonntag ist mein freier Tag, das heißt mein Mann geht früh aus dem Haus, und ich bringe für gewöhnlich das Mädchen zur Schule, bzw. aktuell zum Sommerprogramm. Ich befinde mich in einem etwas schrägen Traum, als ich irgendwo am fernen Bewusstseinsrand eine Sirene wahrnehme. Es braucht einen Moment bis mir klar wird, dass der Alarm kein Traum ist. Hätten wir die Balkontür nicht wegen der Hitze offen gelassen, wäre ich womöglich gar nicht wach geworden. Ich rüttle meine Tochter, die praktischerweise nicht in ihr eigenes Bett gegangen ist nach den Sirenen letzte Nacht, wach und schiebe sie in den Schutzraum (2). Der grenzt bei uns an das Schlafzimmer, was gut ist, denn ich ziehe gerade die Tür zu und nehme mein Mädchen auf den Schoß, als ich schon den ersten "Boom" höre. So heftig hat ihr Herz wohl noch nie geklopft, aber sie bleibt ruhig, tapfere Maus. Danach ein lautes Zischen und eine weitere Explosion, die sich so anhört als wäre sie direkt über unserem Wohnhaus. Nicht angenehm. Zum Glück wissen wir, dass es sich dabei "nur" um den Iron Dome (3) handelt, der seine Arbeit tut. Ich kann nicht umhin, gedanklich zu spekulieren, in welches Wohngebiet diese Rakete wohl gekracht wäre, wenn wir die intelligente Abwehr nicht hätten. (Dafür nehme ich gerne in Kauf, dass meine Wäsche hinterher nach Schießpulver stinkt.)

An Schlafen ist danach natürlich nicht mehr zu denken, ich diskutiere ein bisschen per WhatsApp mit den anderen Müttern, ob man die Kinder heute wirklich ohne Bedenken ins Sommerprogramm schicken kann. Die meisten sind aber der Meinung, dass sie dort genauso sicher sind wie Zuhause auch. Außerdem glaubt man in Israel sehr an die positive Wirkung von Routine. Ich auch. An dieser Stelle muss man aber auch dankbar dafür sein, dass die Kinder von klein auf regelmäßige Raketendrills machen und wissen (sollten), was im Falle eines Alarms während der Schulzeit zu tun ist. Um kurz nach 8 gebe ich sie also dort ab und mache mich auf nach Tel Aviv zum Fäden ziehen. Der restliche Tag verläuft für mich ohne Raketenalarm, meinen Mann erwischt es heute zweimal im Zug.

Abends, ich hatte das Mädchen gerade bei einer Freundin abgeholt und war kaum zur Wohnungstür rein, heulten wieder die Sirenen. Ohne Explosionen diesmal. Trotzdem doof.

Jetzt sitzen wir - trotz allem - bei Freunden zum WM-Endspiel. Eigentlich wollten wir das ganz stilvoll in einem kleinen Boutique-Weingut hier um die Ecke begehen, aber da es dort weit und breit keinen Bunker gibt und wir ungern die Kinder aus den Augen lassen wollen in diesen Zeiten, fällt das leider flach. Aber egal. Gemütlich ist es so auch.



(1) Scherz beiseite/im Ernst

(2) seit den frühen 90er Jahren sind raketen- und erdbebensichere Schutzräume für alle Neubauten vorgeschrieben. Diese Räume sind aus Beton, haben Stahltüren und -fenster und einen Lüftungsschacht. In vielen Wohnungen ist der Schutzraum einfach ein Schlafzimmer, manche Kinder verschlafen den Alarm sogar. Unser Schutzraum ist recht klein und fungiert als Schrankzimmer und Abstellkammer. Aber für die wenigen Alarme bisher reicht's.

(3) das intelligente Raketenabwehrsystem ortet feindliche Raketen, stellt fest, in welche Richtung sie fliegen und fängt die potenziell gefährlichen ab. "Abfangen" bedeutet neutralisieren, in dem der Iron Dome ebenfalls eine Rakete losschickt und diese in unmittelbarer Nähe detoniert. Und das knallt ordentlich. 

Kommentare:

  1. Da sitzen wir beide vorm Fernsehen und gucken das WM-Finale, aber was für ein Unterschied in unseren momentanen Lebenswelten.
    Ich staune und bewundere, wie du von eurer derzeitigen Situation berichtest, aber wenn man da drin steckt muss man das wohl so "entspannt" sehen.
    Ich bin sehr froh, dass ich auf deinem blog mal einen Blick von innen auf diesen Konflikt bekomme, denn wie ich schon schrieb, habe ich den Eindruck, dass die Medien das hier sehr dramatisch sehen.
    Vieles wusste ich auch gar nicht, und deshalb bitte mehr Infos von dir.
    Ich wünsche euch viel Nervenstärke, deiner kleinen Tochter das Urvertrauen, dass ihr sie schützen könnt und alles Liebe,
    Monika

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    1. Danke Monika. Ich glaube man kann von außen wirklich nur schwer fassen, wie "normal" das Leben hier auch in der Krise weiterläuft. Andererseits geht es anders auch nicht, sonst wäre man ja erst recht gelähmt und zu nichts zu gebrauchen. Und Routine hilft wirklich, obwohl ich schon an manchen Stellen merke, dass mir Dinge "durchrutschen" oder ich umständlicher handle als sonst. Man ist halt doch nicht ganz bei der Sache in diesen Zeiten.

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  2. Wie mag es wohl den Menschen in Gaza gehen die weder über intelligente Bombenabwehrsysteme noch über Schutzbunker verfügen. ..

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    1. Ja, das muss schrecklich sein. Dass die Hamas nichts dafür tut, ihre eigene Bevölkerung zu schützen, während die Führungsriege mit den Raketen in unterirdischen Bunkern sitzt, ist nicht zu entschuldigen. Leider hat dieser Wahnsinn bei der Hamas System - Das Leid der Zivilisten wird bewusst in Kauf genommen, bzw. gefördert, um den internationalen Druck auf Israel zu erhöhen. :-(

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  3. Ich gebe dir Recht. Das Leid wird jedoch ebenso von Israel in Kauf genommen. Israel als Rechtsstaat verstößt, nicht das erste Mal, gegen die UN-Menschenrechtskonventionen.
    Ich hoffe für dich und deine Familie-ebenso wie für alle von diesem Krieg betroffenen Menschen, dass das Leid bald ein Ende findet!
    Beste Grüße,
    Maria

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  4. Nachtrag: http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/naher-osten-und-afrika/Judenhass-schadet-nobrauch-Palaestinensernnobr/story/13560066

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    1. Maria, Israel hat sich 2005 komplett aus dem Gazastreifen zurückgezogen und Infrastrukturen zum Beginn einer produktiven Zukunft hinterlassen. Leider hat die Palästinenserführung nichts unternommen, im zivilen Sektor etwas für die Bevölkerung aufzubauen und stattdessen gegen Israel immer weiter aufgerüstet. Israel wollte diesen aktuellen Krieg nicht, aber wenn über Jahre tausende Raketen auf Zivilisten geschossen werden, bleibt einem Regierungschef irgendwann nicht mehr wirklich eine Wahl.

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