Freitag, 18. Juli 2014

Heavy..

... fühle ich mich schon den ganzen Tag.

Die Situation, so wie wir sie derzeit erleben, laugt mich aus und deprimiert mich zutiefst. Die Hoffnungslosigkeit und die Resignation. Die Aussichtslosigkeit dieses Krieges, den Israel, so sehr "wir" auch im Recht sein mögen, militärisch gegen die Hamas vorzugehen, letztlich nur verlieren kann, weil er eben doch, bei aller Vorsicht und moralischer Stärke, unschuldige Opfer fordert. Dabei ist es irrelevant, dass die Hamas mit ihrer widerlichen Strategie, Zivilisten nicht zu evakuieren, sondern vielfach sogar als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen, die eigentliche Schuld daran trägt. Tote Kinder sind tote Kinder, keine Erklärung, keine noch so legitime Rechtfertigung wird sie ins Leben zurückholen. Das drückt mir richtig schwer aufs Gemüt, dazu die Anspannung, wann wohl der nächste Alarm kommt. Ob er meine Tochter im Sommerlager erwischt, und wie es ihr dabei dann wohl geht. Oder meinen Mann auf der Autobahn, wenn man sich nur flach auf den Boden legen und hoffen kann, dass keine Raketen(teile) genau dort einschlagen. Dazu kam die letzten Tage seit Jahren das erste Mal wieder eine leise Sorge vor Selbstmordattentaten in Bussen. Angedroht hat die Hamas sie längst.

Parallel zum echten Leben, das aktuell eigentlich vollauf reicht, setzt mir der Medienkrieg zunehmend zu. Einigermaßen sachliche Artikel, auch kritische (ja, ich lese gerne Haaretz und stehe dazu) kann ich aushalten, so sehr mich etwa ein Bericht von "Ärzte ohne Grenzen" aus Gaza auch zusetzen mag. Ich merke aber, dass es mir mit jedem Tag schwerer fällt, mich von all den unreflektierten Beiträge abzugrenzen, anti-israelische Statements und Hassparolen einfach an mir abperlen zu lassen.

In der Anonymität gelingt mir das besser, als in sozialen Netzwerken, in denen ich die Leute quasi kenne, zu kennen glaube, beziehungsweise glaubte zu wissen, dass sie mich und meine persönliche Sicht als direkt Betroffene zumindest minimal wahrnehmen und respektieren. Da ich selbst seit Jahren lieber einen Beitrag zu wenig poste, als einen extrem pro-israelischen zuviel (ganz zu schweigen von Beiträgen der israelischen Armee, die sind ja Propaganda pur, nicht?), lege ich eventuell einen höheren Maßstab an, aber ich merke, wie es mich persönlich trifft, wenn ein "Close Friend" unreflektiert (scheinbar) Partei für die Gegenseite ergreift. Da frage ich mich dann schon, ob es zu viel verlangt ist, sich das in Anbetracht der Tatsache, dass man mit mir befreundet ist, und in Friedenszeiten auch gerne mal interessiert über mein Leben in Israel ausfragt, zu verkneifen. Oder den Beitrag zumindest vor mir zu verbergen. Obwohl, dann würde ich mich wohl die ganze Zeit fragen, was die betreffenden Personen wohl alles vor mir verbergen, auch doof.

Ich kann es akzeptieren, wenn jemand sich entscheidet, nicht Partei zu ergreifen. Das ist mir lieber, als ein verblendeter Pro-Israel-Aktivist, der meint, nur weil in der Bibel steht, dass man Israel lieben muss, dort keine Menschen mit Ecken, Kanten und Fehlerpotenzial leben. Was mir schwer fällt ist, wenn ich einsehen muss, dass all meine persönlichen Berichte, verlinkte Artikel, Frage-/Antwort-Runden im Netz und in Gesprächen und sogar der Einblick in meine eigene Ratlosigkeit, letztlich keinen Unterschied machen, weil das alles im Ernstfall im Zweifel ohnehin nicht zählt. Schließlich bin ich als Betroffene keine ernstzunehmende Quelle.

Sucks. Big time.

Womöglich ist das aber alles gar nicht der richtige Grund für meine deprimierte Stimmung heute und mein Unterbewusstsein hat einfach schon heute Morgen geahnt, was mein Verstand seit Tagen verdrängt, nicht wahrhaben will: Dass sich Israel von der Hamas letztlich doch in eine Bodenoffensive im Gaza-Streifen hineinziehen lässt, weil sie ernsthafte, realistische Verhandlungen auch in den letzten Tagen verweigert hat. Und weil der Druck aus Kabinett und Bevölkerung auf Netanyahu letztlich zu groß war, nachdem schwer bewaffnete Terroristen heute beinahe einen israelischen Kibbutz infiltriert hätten. Ich habe mich gefürchtet vor dieser Option, die israelische Soldaten ins Kreuzfeuer schickt und unvermeidlich weitere Opfer in der Zivilbevölkerung fordern wird. Mir ist schlecht, wenn ich an all die Mütter, Väter, Brüder und Schwestern der jungen Soldaten denke, an die Ungewissheit, in der sie jetzt leben. Übel, wenn ich mir vorstelle, dass Hamas diese Bodenoffensive provoziert hat, weil ihre Unterstützung im Ausland steigt, je mehr tote Zivilisten sie Israel anlasten kann. Zivilisten, die ein ganz anderes Leben führen könnten, wenn ihre Führung endlich einen anderen Weg einschlagen würde. Aber das "was wäre, wenn?" nützt jetzt alles nichts. Die Würfel sind gefallen, bleibt zu hoffen, dass gelingt, was gelingen soll, nämlich die unterirdischen Tunnelsysteme und Waffenlager der Hamas zu zerstören und dass es schnell geht. Vor allem das.






Follow on Bloglovin


Kommentare:

  1. Es geht um Menschen. Es könnte so einfach sein, wenn der Mensch begreifen würde, dass jeder einen eigene Realität hat, die nicht automatisch für alle gilt und schlicht dies respektiert, dass es nicht darum gehen kann - meiner Meinung nach - wer recht hat.

    Danke für den Post,
    es macht es mir fassbarer aus der Perspektive meiner Komfortzone hier heraus, nachzuempfinden, wie schizophren und - für meine Begriffe - unlösbar dieser Konflikt zwischen Hamas und Israel tatsächlich ist - solange immer wieder vergessen wird, dass alle Töchter, Söhne, Mütter, Onkel, Freunde, Väter etc. sind. Auf beiden Seiten.
    Es geht um Menschen.

    LG
    Isa

    AntwortenLöschen
  2. Danke für deinen Post, deinen ganzen Blog. Still lese ich mit, gerne über Bücher, über den israelischen Alltag und nun mit Grauen über den Krieg. Ich informiere mich zwar auch über die Medien, doch den menschliche, persönliche Bezug, für beide Seiten, trifft mich bei deinen Berichten stärker. Meine Jüngste ist gleich alt wie deine und musste noch nie im Halbschlaf in den Schutzraum gebracht werden. Die Söhne sind bereits wehrpflichtig. Das größte Grauen: "Schusshand rechts". Mein Weg sie zu beschützen war der, jede medizinische Winzigkeit auszunutzen, um sie "untauglich" zu bekommen. In Wirklichkeit, im Großen, natürlich keine Lösung. Ich wünsche uns eine Welt (und im Augenblick ganz besonders den Krisengebieten), in der Hirn, Mund und Herz zur Konfliktlösung eingesetzt werden und Schusshände unrelevant werden.
    Halt uns auf dem Laufenden - dir und deiner Familie viel Kraft und Glück!
    glg Petra

    AntwortenLöschen
  3. Danke für diesen post.
    Auf der einen Seite fühlt es sich so weit weg an. Aber auf der anderen Seite merke ich, wie nah es doch ist. Auch wenn ich keinen unmittelbaren persönlich Kontakt nach Israel habe, so sehe ich bei Dir und ein paar anderen social-network-Bekannten, was es mit den Menschen macht.
    Ich wünsche Dir und Deiner Familie das Beste. Dass Euch nichts passiert. Dass die Angst nicht noch größer werden muss. Dass der Wahnsinn ein Ende findet.

    AntwortenLöschen
  4. Danke für Deine Gedanken, die einem vor Augen führen, dass hinter den Schlagzeilen der Zeitung Menschen stehen, die einfach nur in Frieden leben wollen. Auf beiden Seiten.
    Hoffentlich hat das bald ein Ende!
    Liebe Grüße
    Andrea

    AntwortenLöschen
  5. Danke euch. Es tut gut, als Mensch wahrgenommen zu werden. Bloggen ist eine gute Therapie.

    AntwortenLöschen