Samstag, 19. Juli 2014

Hass mit der Muttermilch? Äh.. Nein.

Lese ich doch gestern einen auf Twitter empfohlenen Blogbeitrag einer "Unpolitischen" über den Nahostkonflikt. Ohne hier weiter auf Details eingehen zu wollen, kommt unterm Strich dabei raus, dass beide Seiten gleichermaßen schuld seien. Eine oft gehörte Aussage, die aus meiner Sicht zwar schief ist, mit der ich aber noch leben kann, wenn damit gemeint ist, dass auf beiden Seiten über die Jahrzehnte Fehler gemacht worden sind. Es macht meiner Meinung nach durchaus Sinn, sich in heutigen Verhandlungen auf den Status Quo und die Zukunft zu konzentrieren und weniger in der Vergangenheit zu stochern. Was ich allerdings in jenem Blogbeitrag las, gestern Nacht, als ich ohnehin kaum noch geradeaus schauen konnte, verschlug mir dann doch die Sprache.

Seien wir mal ehrlich: Der Mohammed und der Ismael von heute kämpfen nicht wegen Dingen, die vor einigen 1000 Jahren mal passiert sind. Die kämpfen, weil sie in diese Frontengeschichte hineingeboren und hinein erzogen wurden. Sie böse, wir gut. So kriegen die das mit der Muttermilch mit. Klar liefert man die (vermeintlichen) Fakten hinterher, um die Muttermilch schmackhafter zu machen. Schliesslich und endlich werden einfach Fronten zementiert.

Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass "Denkzeiten" mit Mohammed die Palästinenser und mit Ismael die Israelis meint und nicht auf Feindseligkeiten unter verschiedenen Gruppierungen in der arabischen Welt abzielt (obwohl Ismael im Islam als Vorfahre des Propheten Mohammed und der Araber gilt), anders passen die weiteren Ausführungen nämlich nicht zusammen. Auf die will ich gar nicht weiter eingehen, das lohnt nicht, aber den zitierten Absatz mit der Muttermilch nehme ich jetzt mal als Aufhänger für ein Thema, das mich umtreibt, weil dieser Vorwurf, in Israel würden Kinder zu Hass und Kriegslust erzogen, immer mal wieder unterschwellig in der Nahostthematik mitschwingt. 

Als ich heute meiner Tochter (7) versuchte, den aktuellen Konflikt in einfachen Worten zu erklären, kam in meinen Ausführungen nicht 1x das Wort "Araber" vor. Ich bin sehr aufmerksam, wenn derartige Generalisierungen in Diskussionen fallen (das tun sie schon mitunter, vor allem wenn die Nerven blank liegen und Emotionen hochkochen) und rücke sie meinem Kind gegenüber gerade. So wie ich es schätze, dass die Holocaust-Lehre in der israelischen Erziehung nicht davon spricht, dass die Deutschen Millionen Juden ermordet haben, sondern die Nazis, so wichtig ist es mir, die Fakten auch in Hinsicht auf unsere Nachbarn in der Region abzugrenzen. Nämlich: Die Hamas ist für den Raketenbeschuss auf Israel verantwortlich. Terroristen, beziehungsweise "böse Männer" haben drei Jugendliche entführt und ermordet, nicht "die Araber bekämpfen die Juden". Die Hamas will keinen Frieden mit Israel, viele Menschen, die jetzt im Gazastreifen furchtbar leiden oder gar sterben müssen, wahrscheinlich schon. Diese Hoffnung muss ich bewahren, sonst werde ich wahnsinnig, und vor allem muss dem Kind diese Hoffnung auf den Weg gegeben werden, obwohl es mich trübsinnig macht, nicht nur hier in der Region, sondern derzeit auch verstärkt auf europäischen Demos zu hören und zu sehen, dass Narrativ und Hoffnung auf der anderen Seite anders gelagert sind. Um es vorsichtig zu formulieren. (Ahmad Mansour hat es letzthin ausführlich getan.) Überhaupt ist Frieden ein ganz zentrales Thema im Lehrplan israelischer Kinder. Schon mit drei Jahren im Kindergarten haben sie ein Plakat voller Kinderhände gebastelt, Unterschrift:
Wir Kinder reichen dem Frieden unsere Hand.  
Anderes Beispiel: Ein aktuelles Zeichentrickvideo (UT anschalten!), das Kindern die Funktion des Iron Dome erklären soll, dessen laute Explosionen derzeit laufend für Schreckmomente sorgen, kommt ebenfalls ganz ohne das Wort "Araber" aus. Eine Abwehrrakete in israelischer Uniform bezeichnet den Gazastreifen als kleines Land, in dem ganz viele Menschen wohnen, und die Hamas als Soldaten. Neutraler geht's eigentlich nicht, obwohl man durchaus kritisch diskutieren könnte, ob man die Hamas nicht treffender als Terroristen bezeichnen sollte. Aber für Kinder ist es so wahrscheinlich besser zu verstehen.

Noch eins: In einem Mitmachlied, das eine Erzieherin entwickelte, um Kindern angstfreier durch die zahlreichen Raketenalarme zu helfen, wird der Angreifer überhaupt nicht genannt. Es geht nur darum, die Kinder zu entspannen, auf lockere Art in Sicherheit zu bringen und die Zeit auf gute Art zu überbrücken.

Es ist also mitnichten so, dass israelische Kinder von klein auf, oder gar "mit der Muttermilch", einen Hass auf alle Araber anerzogen bekommen. Das ist eine dreiste Behauptung, die an der Realität vollkommen vorbei geht. Nein, ich kann nicht für alle Israelis sprechen und ja, es gibt in Israel Rechtsextreme, die eine andere Weltanschauung vertreten, aber so wie nicht alle Deutsche Neonazis, oder alle Schweizer xenophobe Nationalisten sind, wird in israelischen Haushalten eine Einstellung transportiert, die zwar eine ordentliche Portion Skepsis und Vorsicht gegenüber den - feindlichen - Nachbargebieten und -staaten beinhaltet, aber keinen pauschalen Araberhass. Wahr ist, dass es in Israel nur wenige wirklich durchmischte Städte mit arabischen und jüdischen Bevölkerungsanteilen gibt. Ansonsten leben Juden und Araber meist eher unter sich, was ich persönlich bedaure, weil dadurch natürlich weniger Berührungspunkte auf individueller Ebene entstehen. Ich glaube, viele gegenseitige Vorurteile ließen sich vermeiden oder abbauen, wenn es mehr Kontakt untereinander gäbe.


Café in Tel Aviv-Jaffa,  18.7.2014




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Kommentare:

  1. Danke für deinen Post!
    Es regt mich wieder einmal zum denken an und macht mich gleichzeitig sehr traurig, weil ich überzeugt bin, dass "auf der anderen Seite" viele Menschen genau so denken und sich genau das gleiche wünschen wie du...
    Mit hoffnungsvollen Grüssen, Iren

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    1. Es ist traurig. Sehr, sehr. Ich würde mir viel mehr gemeinsame Projekte wünschen, um individuell Brücken zu bauen zwischen den Menschen hier.

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  2. Je mehr ich mich mit dieser Materie befasse, desto schwerer fällt es mir, mich selber mit Worten so zu positionieren. Inzwischen bin ich so weit, dass ich meine Möglichkeit, das zu tun, grundsätzlich anzweifele. Also, nicht, dass es unmöglich wäre, einen intelligenten und verständlichen Beitrag zum Nahostkonflikt zu formulieren. Du tust das immer wieder, Hadassa, und ich bin sehr froh dafür, dass du deine Innensicht mit uns teilst. Aber mir gelingt es nicht. Selbst das, was ich hier im Schutz der eigenen vier Wände mit meinem Mann bespreche, kommt mir oft einen Tag später wieder fehlerhaft oder gar dumm vor.

    Da ich nicht in der Situation bin, mich dazu äußern zu müssen, hier im Netz jedenfalls, lasse ich es. Und vielleicht wäre es besser gewesen, die Urheberin der von dir zitierten Zeilen hätte es auch gelassen. Andererseits ist es mir und vielen hier wieder hilfreich gewesen, deine Ausführungen darüber zu lesen.

    Ich lerne. Und halte zur Sache bis auf Weiteres besser den Rand.

    Danke dir. Ich denke viel an dich und deine Lieben.

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  3. Danke für diese Klarstellung!
    Ich bin & war immer der Überzeugung, dass die Menschen auf diesem Fleck der Erde nur ein Interesse daran haben, ihr Leben leben zu dürfen, ihre Kinder groß zu ziehen, alt zu werden wie überall auf der Welt. Und sie werden majorisiert von einigen alten Männern, die junge Männer für ihre Machtspiele in den Tod schicken.
    Alles, alles Gute!
    Astrid

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  4. Wir denken jeden Tag an Dich, deine Familie und die Menschen. Alles alles Gute.

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  5. Danke euch. Zur Zeit bin fehlt mir die Kraft, hier so präsent zu sein, wie ich es gerne wäre. Aber es tut gut, wahrgenommen zu werden und nicht nur pauschal verurteilt.

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