Donnerstag, 3. Juli 2014

[DonnerstagsErinnerung] Ulpan Aleph und eine rothaarige Lehrerin

Auf Instagram erfreut sich der "Throwback Thursday" (#tbt) großer Beliebtheit. Immer wieder donnerstags posten Nutzer alte Fotos und schwelgen in Erinnerungen. Dabei spielt es keine Rolle ob das Bild erst ein Jahr alt ist oder aus einem uralten Familienalbum abfotografiert wurde. Ich möchte diese Idee im Blog aufgreifen und die Donnerstage meinen Erinnerungen widmen. 


Als ich 2002 nach Israel kam, war für mich sehr wichtig, von Anfang an einen Ivrit-Kurs in einem Ulpan zu besuchen. Diese Sprachschulen gehören seit der israelischen Staatsgründung zum festen Angebot für Neueinwanderer und sind in der Regel Intensivkurse (5 Stunden täglich, 5 Tage die Woche, 5 Monate lang) zur Vorbereitung auf den Ernst des Lebens in Israel (und dafür braucht man alle Vorbereitung, die man kriegen kann!).

Ich war damals zarte 24 Jahre alt und in einer bunt gemischten Klasse mit Schülern aller Altersgruppen aus etwa 10 verschiedenen Ländern, darunter Argentinien, Ukraine, Niederlande, Ungarn und Frankreich. Da es in der Regel in diesen heterogenen Gruppen ohnehin keine gemeinsame Sprache aller Teilnehmer gibt, auf die man ausweichen könnte, ist der Ivritunterricht nach dem Immersion-Prinzip konzipiert, das heißt es wird von Anfang an ausschließlich in der Fremdsprache kommuniziert.

Die erste Unterrichtseinheit werde ich nie vergessen:

Lehrerin (deutet auf sich):
Ani Irit  - Mi Ata? 
Dabei deutet sie auf einen Schüler und wartet bis der schnallt, dass er nun analog antworten soll:
Ani David.
Lehrerin (deutet auf sich und dann auf eine Schülerin):
Ani Irit - Mi At? 
Schülerin: 
Ani Mascha. 
So geht es noch eine ganze Weile hin- und her bis ein weiterer Satz dazu kommt:

Lehrerin:
Ani Irit. Ani meIsrael. MeAin Ata? 
Schüler (jetzt schon ziemlich wach und bei der Sache)
Ani David. Ani meUkraina. (das eigene Land können viele schon vor dem Kurs auf Ivrit benennen)  
usw. usw. usw.

"Ivrit von Anfang an" - unser Lehrbuch (Quelle)
Nach dem ersten Tag können die Schüler bereits einfachen Smalltalk führen, sich vorstellen und sagen, woher sie kommen. Eventuell auch, wie alt sie sind und wo sie in Israel wohnen. Die Ulpanim für Einwanderer sind klar auf Sprechen und Verstehen ausgelegt und zielen darauf ab, in diesen ersten fünf Monaten einen Grundstein zu legen auf den man im Alltag aufbauen kann. Wir arbeiteten uns einmal quer komplett durch einen Großteil der neuhebräischen Grammatik (sehr logisch aufgebaut ist die, das erleichtert vieles), und ich führe meine heute sehr guten Ivritkenntnisse nicht zuletzt darauf zurück, dass ich meine ersten Schritte in einer so straff durchgezogenen Ulpanklasse gemacht habe.

Was mich zu meinem eigentlichen Nostalgieanlass bringt. Meiner Lehrerin.

In den 90er Jahren war sie für den Ivritunterricht von russischen Ärzten zuständig und zu meiner Ulpanzeit schon eine sehr erfahrene Lehrkraft, was sich im Unterricht deutlich niederschlug. Doch nicht nur das: Sie sah es neben der Sprachvermittlung auch als ihre Aufgabe an, uns mit der israelischen Kultur und Politik bekannt zu machen. Ihre Haare waren rot gefärbt - ein politisches Statement wie sie mehr als einmal bemerkte - und sie machte aus ihrer säkular-linken Einstellung keinen Hehl. Gleichzeitig war sie eine echte israelische Patriotin, geboren zur Zeit der Staatsgründung und frustriert über so vieles im Land. Eine stolze Mutter und Großmutter und eine strenge, doch gleichzeitig warmherzige Lehrerin. Sie konnte Deutsch, brachte mir für meine Herkunft Sympathie entgegen (was für mich nicht selbstverständlich war) und nahm mich ein wenig unter ihre Fittiche. Manchmal sprach sie mich sogar auf Deutsch an, ganz entgegen der Immersionsregeln. Mittwochs lauschte sie oft zum Fenster hin, denn an diesem Tag war ihr Schwiegersohn, der Flieger, im Reservedienst, und sie behauptete immer, er würde den Ulpan auf seiner Runde überfliegen und winken. Als sie uns die gutturalen Laute "Het" und "Ayin" erklärte, die eigentlich nur von Sepharden und Arabern richtig ausgesprochen werden können, erzählte sie stolz, dass ausgerechnet ihr kleiner Enkel (er muss damals etwa zwei Jahre alt gewesen sein) diese Laute unerklärlicherweise genauso hinkriegt, wie es sich gehört. Sie war klein, aber als Persönlichkeit umso gewaltiger und hatte auch kein Problem, richtig schwierige Zeitgenossen immer wieder in ihre Schranken zu weisen. Für mich war sie eine Heldin, ich verehrte sie und ihren trockenen Humor und denke bis heute immer wieder gerne an sie zurück. Als mein Ulpan vor einigen Jahren geschlossen wurde, habe ich mich oft gefragt, was wohl aus ihr geworden ist und mir immer wieder vorgenommen, sie zu finden und ihr zu schreiben. Ihr zu sagen:
"Hey, ich habe es dir zu verdanken, dass ich mich so gut integriert habe, und ich denke immer wieder gerne an dich und unseren Ulpan zurück." 
Dieser Tage ist mir endlich wieder ihr Nachname eingefallen und ich habe sie tatsächlich in Google entdeckt. Vielleicht bringe ich ja tatsächlich den Mut auf, ihr einen kurzen Gruß zukommen zu lassen. Nur ein kleines Dankeschön. Auf Hebräisch. Vielleicht erinnert sie sich ja an mich und freut sich.




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Kommentare:

  1. Lustig, meine Ulpan-Lehrerin war auch rothaarig (wenn ich genau nachdenke, hatte ich sogar zwei rothaarige Ulopan-Lehrerinnen), und ich denke ebenso gern an sie zurueck wie du.
    LG Chutzpi von http://chutzpi.wordpress.com/

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  2. Ich glaube auf jeden Fall daß sie sich freut!

    Und danke für den Einblick. Ich finde es zwar auch hart, gleich so "hineingeworfen" zu werden, was die Sprache betrifft, aber ich glaube eben auch daß man es nur so am Besten lernt. Und ich wünschte insgeheim ich hätte die Möglichkeit meine Sprachen auch so zu lernen.

    Liebe Grüße,
    Sandra

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  3. Trau Dich und schreib ihr. Sie wird sich ganz sicher sehr freuen. :)

    Miri

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  4. Für eine Lehrerin ist es bestimmt wunderbar auch nach vielen Jahren noch so eine freundliche und liebevolle Wertschätzung zu erfahren. Sie wird sich freuen, wenn Du Dich meldest.
    Diese Art eine Sprache zu lernen, ist die einzig effektive.
    Liebe Grüße

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