Mittwoch, 9. Juli 2014

Business as usual. (Fast.) Und ganz viel Galgenhumor.

"Zum Schutzraum"
Als ich heute Früh das Haus verließ, war der Himmel strahlend blau, wie meistens im israelischen Sommer. Ich stieg in den Bus, wunderte mich ein bisschen, dass wir, trotz massivem Beschuss in weiten Teilen Israels, in unserer "Insel der Glückseligen" tatsächlich nach wie vor ruhig schlafen. Unterwegs schmunzle ich über einige lustige Witze und Statusupdates meiner Freunde:

Unsere Freundin, Terroropfer Kay, gestern Abend:

Israel wird mit Raketen beschossen, die im Norden bis Hadera reichen und im Osten bis Jerusalem, aber im Radio läuft die WM. Dinge für die ich mein Land liebe. 

Bitterböse Witze:

In Tel Aviv hat es gestern Abend einen Leichtverletzten gegeben: Während eines Raketenalarms verschüttete der junge Mann vor Schreck seinen heißen Espresso.
    
Die Tel Aviver Stadtverwaltung hat beschlossen, die öffentlichen Bunker zu öffnen. Die erste Stunde kostet 20 Shekel, jede weitere Viertelstunde 7 Shekel. 

Ein Armeesprecher hat die Bewohner im Großraum Tel Aviv aufgefordert, bis auf weiteres in den Schutzräumen zu bleiben, um zu verhindern, dass sie sich an den Splittern ihrer zerplatzenden Blase verletzen. 

In Tel Aviv angekommen steige ich aus und will gerade über die Hauptstraße gehen, als es passiert: Die heulende Sirene ist schon ein extrem hässliches Geräusch. Zwar kennen wir sie von Übungen, aber es "in Echt" zu erleben ist doch etwas ganz anderes. Kurz bin ich etwas desorientiert, dann sehe ich Menschen in ein nahgelegenes Bürogebäude laufen. Ich schließe mich an und harre mit ihnen im Treppenhaus aus, bis der Spuk vorbei ist.

Im Büro haben viele ähnliche Anekdoten zu erzählen. Einige ziemlich entspannt. Einige nervös. Einige sehr angespannt. Man überbrückt die hässlichen Gedanken und die Ungewissheit mit Galgenhumor und Lockerheit. Der Alltag muss weitergehen, Normalität ausstrahlen und auf keinen Fall den Eindruck erwecken, die Hamas hätte Macht darüber, wie wir uns zu fühlen haben. Eine schöne "Infotafel" geistert durch's Netz, die die Realität der Tel Aviver Schutzräume wohl sehr treffend spiegelt:




Später am Tag bei einer Mitarbeiterversammlung fällt auf, dass einige Kollegen wohl eine App installiert haben, die über jeden Raketenalarm in Israel informiert. Das wäre ja an sich eine nicht unpraktische Sache, wenn man auf dem Laufenden bleiben will, ortskundig ist und vor allem einordnen kann, wie weit entfernt von einem selbst der Angriff gerade stattfindet. Kann man das nicht, wie etwa unsere europäischen Kurzzeitpraktikanten, macht das nicht wirklich viel Sinn. Aber es hilft immerhin nicht zu vergessen, dass, während Tel Aviv in Aufregung gerät wenn es _mal_ einen Alarm gibt, im Süden des Landes weiterhin ständig Raketen abgeschossen werden.

Dieser ganze "Zustand" ist übrigens für die meisten Israelis kein Grund, irgendwelche Veranstaltungen abzusagen. Krass ist, wenn die Sirene losheult, während man gerade heiratet. So geschehen gestern in Holon. Das werden die Eheleute noch ihren Enkeln erzählen....

Ironisch auch, dass just gestern in Israel eine große Friedenskonferenz mit hochkarätiger Besetzung in Tel Aviv stattfand. Als abends die Sirenen heulten, war der Saal fix wie leergefegt. Müsste ich ein Foto des Tages für gestern küren wäre dieses hier klarer Favorit:

Tomer Apelbaum / Quelle: Haaretz

Haaretz-Journalistin Allison Kaplan Sommer stellt im Anschluss an die Konferenz trocken fest:
The #HaaretzPeaceConference has just ended. Now we can go back to our regularly scheduled war.

 So ist es wohl.


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Kommentare:

  1. ...das kann ich zwar nicht unkommentiert lassen, aber: Mir fehlen die Worte. Halt die Ohren steif, liebe Hadassa.

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