Mittwoch, 4. Juni 2014

[Buch] Zweimal Eshkol Nevo: Vier Häuser und eine Sehnsucht / Neuland

Eshkol Nevo ist meine Neuentdeckung des Jahres. Bisher habe ich mich an die israelischen Autoren immer nicht so recht heran gewagt. Zum einen, weil es mich nach wie vor nervt, dass mir das Lesen auf Hebräisch schwer fällt, zum anderen, weil viele den Ruf haben, sehr "schwer" zu sein, sehr geschichtsbeladen und elegisch. Eshkol Nevo ist anders. In seinem frischen Alltagshebräisch (so wie man es auch auf der Straße hört) schreibt er direkt aus der israelischen Seele. Er schafft es, sich in die Generation einzufühlen, die nicht auf der Flucht vor dem Holocaust nach Israel kam und die nicht von sich behaupten kann, das Land mit eigenen Händen erbaut zu haben. Eine Generation, die sich andererseits nicht von den Schatten der Vergangenheit freimachen kann und der die Gegenwart mit all ihren komplexen Herausforderungen auf das Leben drückt, das sie eigentlich so gerne einfach nur leben würde. Eshkol Nevo, selbst Teil dieser Generation, versteht das und ermöglicht seinen Lesern einen Blick in die israelische Seele, nicht unkritisch, nicht verklärt, sondern ehrlich und unverstellt. Nebenbei gelingt es ihm, einen sehr feinen, ebenfalls sehr israelischen Humor unterzurühren, über den ich ab und an laut auflachen kann.

Zwei seiner Romane habe ich in letzter Zeit gelesen. Beide stelle ich heute kurz vor.

Vier Häuser und eine SehnsuchtVier Häuser und eine Sehnsucht by Eshkol Nevo
My rating: 5 of 5 stars

Vier Häuser und eine Sehnsucht ist Eshkol Nevos erster Roman und wurde in Israel ein umwerfender Bestseller. Er erzählt aus verschiedenen Erzählperspektiven ganz normale israelische Geschichten von vier Familien und schafft es mit nur wenigen Protagonisten die Komplexität des alltäglichen Lebens hier abzubilden und ihr Gesichter zu geben.

Mitte der 1990er Jahre zieht ein Paar junger Studenten, er Psychologie, sie Fotografie, in einen Vorort Jerusalems und wohnt dort Wand an Wand mit ihren Vermietern, er Busfahrer bei Egged, sie Hausfrau mit zwei Kindern. Gegenüber lebt eine Familie, deren älterer Sohn eben erst im Wehrdienst gefallen ist. Die Eltern sind von der Trauer wie gelähmt und bemerken dabei nicht, wie der jüngere Sohn an dieser Situation fast zerbricht. Außer dem Studenten gegenüber, der ihm sein Ohr leiht und Zeit mit ihm verbringt. Ein paar Häuser weiter renovieren Araber ein jüdisches Haus. Einer von ihnen weiß, dass seine Familie im Unabhängigkeitskrieg von hier vertrieben worden ist und dass seine alte Mutter immer noch darauf hofft, eines Tages in ihr Haus zurückkehren zu können.

Über eine Zeitspanne von ein paar Monaten leben all diese Menschen ihr ziemlich normales israelisches Leben, begegnen sich, sinnieren über den anderen und über sich selbst, über Religion und Liebe, Treue und Flucht - bis am Ende alle an einen Punkt kommen, an dem sie sich ganz neu entscheiden müssen, wie sie weiterleben wollen. Allein oder gemeinsam, in Israel oder nicht, frommer oder weniger fromm, in der Vergangenheit oder mit Blick in die Zukunft. Das alles schreibt Nevo so flüssig und leicht, dass man das Umblättern kaum bemerkt.

Ich habe diese sehr intimen, sehr echten Einblicke in die Gedankenwelt verschiedenster Charaktere sehr genossen und mich in vielen von ihnen wiedergefunden. So eignet sich dieser wirklich außergewöhnliche Roman in seiner leisen Sprachgewalt nicht nur dazu, "die Israelis" vielleicht ein bisschen besser zu verstehen, sondern - zumindest für mich - auch zum Dialog mit mir selbst.

***

NeulandNeuland by Eshkol Nevo
My rating: 3 of 5 stars

Als ich irgendwann Anfang des Jahres bei meiner Schwägerin im Regal "Neuland" entdeckte und - obwohl auf Hebräisch - die ersten Seiten an Ort und Stelle anlas, war ich sofort gefangen und fest entschlossen, dieses im Original durchzubeißen. Das habe ich leider am Ende nicht ganz geschafft und nach knapp zwei Dritteln das komplexe 550-Seiten Werk (in der deutschen Übersetzung sind es 634) erstmal zur Seite gelegt. Als es neulich in unserer deutschen Bibliothek auftauchte, musste ich blitzschnell zugreifen und es endlich zu Ende lesen.

Neuland ist ein breit angelegter Familienroman, der fast ausschließlich nicht in Israel spielt. Der Gymnasiallehrer Dori bricht in den Sommerferien 2006 nach Südamerika auf, um dort seinen Vater zu suchen. Der war kurze Zeit nach dem Tod seiner geliebten Frau, völlig untypisch für ihn, auf diese Reise aufgebrochen, fast wie ein junger israelischer Backpacker nach der Armee. Anfangs erhielten Dori und seine Schwester noch Emails von ihm, doch nun haben sie schon länger kein Lebenszeichen mehr gehört und sorgen sich.

Inbar besucht ihre Mutter in Berlin, eine Stadt, in die sie eigentlich niemals reisen wollte, da ihre Großmutter Lili, die als Jugendlichen aus dem Dritten Reich nach Palästina geflohen war, sie immer eindrücklich davor gewarnt hatte. Der Besuch wühlt Inbar wider Erwarten mehr auf, als sie erwartet hatte, und als sie wieder am Flughafen steht, steigt sie, statt nach Israel zurückzukehren, in den nächstbesten Flug und landet in Peru. Dort trifft sie auf Dori, der sie fasziniert, und schließt sich ihm auf der Suche nach seinem Vater an.

Neuland ist sehr vielschichtig auf verschiedenen Erzählebenen aufgebaut. Im ersten Drittel wechselt die Perspektive zwischen Dori und seinem Führer Alfredo, später kommen Inbar und die Erinnerungen ihrer Großmutter Lili als Ebenen hinzu. Eshkol Nevo schafft es dabei, den Stil für jede Person einzigartig zu halten, sodass man als Leser immer weiß, durch wen man gerade die Geschichte erlebt. Das ist toll und hat mich schon in Vier Häuser und eine Sehnsucht begeistert. Situationen, Orte und Personen beschreibt er auf eine Art und Weise, die im Kopf einen richtigen Film auslösen, man meint alles vor sich zu sehen, Lärm und Gerüche wie die Romanfiguren wahrzunehmen. Bei aller Erzählkunst muss ich allerdings anmerken, dass ich Neuland zeitweise etwas zu lang fand. So faszinierend Nevos Exkurse zur jüdischen Geschichte und die detaillierten Umgebungsbeschreibungen südamerikanischer Kleinstädte auch sind, waren sie in dieser Länge für mich ein bisschen zu viel. Einiges davon hätte meiner Meinung nach gekürzt werden können, ohne das Werk substanziell zu beschneiden.

Dennoch ein empfehlenswerter Roman.


Zitat:
Die Natürlichkeit, diese Direktheit der Israelis im Umgang miteinander, sagte Inbar, das ist unsere größte Errungenschaft, das ist mehr wert als das Trockenlegen der Sümpfe und unsere ganze High-Tech-Industrie. 
- Eshkol Nevo: Neuland, Seite 463




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Kommentare:

  1. Danke für die Buchtipps. Sie sind besonders interessant, weil du die Bücher unter einem ganz anderen Blickwinkel beschreiben kannst, da du selber im Land lebst. Ich glaube, die "Vier Häuser" werde ich mal lesen.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Das freut mich :) obwohl ich mir nicht sicher bin, ob Neuland für Nicht-Israelis vielleicht sogar empfehlenswerter ist... die Vier Häuser (wörtlich übrigens auch 4 Strophen, die Doppeldeutigkeit unterschlägt die Übersetzung) sind schon sehr typisch israelisch und eventuell für Außenstehende nicht immer ganz nachzuvollziehen.

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