Mittwoch, 11. Juni 2014

[Buch] Lost in Westeros

Oder: meine 2 Cent zu Game of Thrones und Co....


gesehen bei thesaucywenches.tumblr.com

Ich mag Fantasy. Schon als Kind liebte ich Märchen über alles und spätestens seit ich mit 13 oder so zum ersten Mal Die Nebel von Avalon verschlang, bin ich dem Genre mal mehr, mal weniger rettungslos verfallen. Es muss aber schon High Fantasy sein, mit dem ganzen neumodischen Urban-Fantasy-Zeug kann ich nicht so viel anfangen.

In den letzten Jahren kommt man als Fantasyleser an George R. R. Martin praktisch nicht vorbei. Sein schon jetzt rund 5000 Seiten starkes und längst nicht vollendetes Lied von Eis und Feuer gilt längst als neuer Klassiker in einer Liga mit Tolkien und erfreut sich einer wachsenden Fangemeinde, was auch der erfolgreichen Fernsehserie Game of Thrones zu verdanken ist, die heuer bereits in die vierte Staffel gestartet ist.

Ich selbst bin erst relativ spät eingestiegen; A Game of Thrones, Band 1 der Serie, die ich auf Englisch lese, war 2011 eines der ersten Bücher,  das ich auf dem Kindle las. Da zu diesem Zeitpunkt bereits alle 5 Bücher auf dem Markt waren, war ich in der komfortablen Situation, alle am Stück lesen zu können, wenn ich es gewollt hätte. Allerdings war ich nach A Game of Thrones und A Clash of Kings erstmal ein wenig ernüchtert und legte das Leseprojekt auf Eis.

Anders als bei Tolkien und anderen Fantasyautoren hält sich GRRM nämlich überhaupt nicht an die Regeln, dass "den Guten" nichts wirklich schlimmes passieren darf, im Gegenteil scheint es mitunter so, dass es gerade die immer dann erwischt, wenn man sie gerade so richtig ins Herz geschlossenes hat. Das tut weh, obwohl viele Fans als besonders tolle Eigenschaft der Serie nennen, dass es das klassische Gut-Böse-Schema bei Martin nicht gibt. Alle Charaktere sind vielschichtige Personen, die sich entwickeln und wandeln, platte Schablonengestalten sucht man vergebens. Das ist schon faszinierend, braucht aber ein gewisses Maß an Gewöhnung, wenn man sich, wie ich, im klassischen Märchenmuster am wohlsten fühlt. Inzwischen, nach 4 Bänden, bin ich leidlich immunisiert. Ich erwarte von Martin nicht mehr, dass irgendwann "alles gut wird" in seiner Welt und habe mich damit abgefunden, dass sein Westeros eher einer mittelalterlichen Realität entspricht, so hässlich die ganz sicher tatsächlich war.

Jetzt frustriert mich, dass es wohl für keinen der Charaktere jemals wirkliches Glück geben wird. Ich fürchte fast, letztlich wird das Werk irgendwie zu Ende gehen (in 12 Jahren oder so, GRRM ist berüchtigt für seine langen Schreibphasen) und trotzdem vieles verstörend ungelöst bleiben. Mitunter habe ich sogar den Eindruck, Martin lebt seine sadistische Seite aus, wenn er wieder und wieder beim Leser (berechtigte!) Hoffnungen weckt, nur um diese, wenige Seiten oder Kapitel weiter, mit einem genüsslichen "Ätsch!" nachhaltig zu zerstören.     

gesehen auf: robbinsrealm.wordpress.com
In der Fernsehserie, das sehe ich an den Reaktionen meines Gatten, der die Bücher nicht kennt, ist das fast noch schwerer auszuhalten. Die Gewaltszenen sind nämlich so brutal, blutig und teils schlicht abartig, dass sogar er, der im Gegensatz zu mir Stephen King liebt, also Horror aushalten kann, mitunter an seine Grenzen stößt. Dazu kommen regelmäßige, ebenfalls sehr graphische, meist frauenfeindliche Sexszenen, die für den Handlungsverlauf in 9 von 10 Szenen keine Bedeutung und in der Buchvorlage in dieser Intensität keine Entsprechung haben. Besonders in der ersten Staffel ist mir das extrem unangenehm aufgefallen, seither scheinen die Macher sich die Kritik zu Herzen genommen und den Porn eingeschränkt zu haben. Oder aber ich habe mich bereits an meine häufigen "ich mache mir mal einen Tee" oder "ich gehe dann mal kurz auf Toilette"-Pausen gewöhnt. Ist durchaus möglich.

Ärgerlich nur, dass abgesehen davon die Serie wirklich hochwertig und außergewöhnlich gut gemacht ist. Fantastische Bilder, aufwändige Kulissen und Kostüme, tolle Dialoge und teils herausragende Schauspieler (ich sag nur Peter Dinklage!) sieht man sonst in dieser Kombination nur auf der großen Leinwand. Das hält uns derzeit bei der Stange, trotz der bereits erwähnten Minuspunkte. 

Denn, und das kann ich einfach nicht anders sagen, der Faszination von Westeros kann man sich, wenn man einmal eingestiegen ist, kaum entziehen. So umfangreich einem so ein 1000-Seitenband anfangs erscheint, so schnell gerät man in einen Sog und taucht ab in diese fantastische Welt mit ihren vielen Personen mit den komplizierten Namen und Familienverhältnissen, die mitunter fast schon Kopfschmerz auslösen, und will unbedingt immer wissen, wie es weitergeht. A Dance with Dragons steht jetzt noch aus. Ich bin hin- und her gerissen, ob ich es jetzt lesen oder lieber warten soll, bis endlich ein verbindlicher Erscheinungstermin für Band 6 feststeht.

Ich glaube, ich warte noch etwas. 



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Kommentare:

  1. Guten Morgen,

    ein wirklich sehr guter Artikel, der im Großen und Ganzen auch meine Gefühle, sei es beim Lesen oder beim Schauen der Serie, widerspiegelt. Westeros übt auf mich eine Faszination aus, der ich mich schwer entziehen kann. Diese vielen Beziehungen muss man allerdings erstmal überschauen. Aber trotz der Komplexität kann man hier einfach nur genießen :-)

    LG

    Kay

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    1. Danke fürs Reinschauen :) Mir lag schon länger auf der Seele, mal einen Grundsatzartikel zu Westeros zu schreiben. Das Phänomen ist so schwer zu fassen, weil es so vielschichtig ist.

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  2. Mit deinen Worten hast Du genau ins Schwarze getroffen. Viel besser kann man das Feeling kaum beschreiben :-)

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  3. Ich habe den ganzen Hype um die Reihe und die Serie jahrelang ignoriert, obwohl ich ganz gerne mal Fantasy lese. Mein Freund hatte angefangen die Serie zu schauen und meinte, das wäre nichts für mich wegen der vielen Gewalt. Dann bin ich aber doch mal neugierig geworden, habe angefangen parallel zu lesen und die Serie zu schauen. Und obwohl mich auch manches stört, habe ich die ersten drei Bände geradezu verschlungen.

    Ich bin auch etwas zwiegespalten, ob ich dann demnächst weiterlese, oder noch warte, bis wenigstens ein Erscheinungstermin für den 6. Band feststeht. Immerhin habe ich noch gut 2000 Seiten vor mir, bis ich das vorläufige Ende erreicht habe.

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    1. Wir sind auch erst durch die Serie überhaupt auf die Reihe aufmerksam geworden. Stimmt schon, einige Szenen sind durchaus grenzwertig; ich glaube aber, dass das auch erst den Reiz ausmacht :-)

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  4. Stefanie, ich hing gerade wieder mit dem Finger über der Bestelltaste von A Dance with Dragons.. , lange werde ich das nicht mehr rauszögern können.

    Kay, ich habe gesehen, dass du die "Out of Eden"-Reihe von Julie Kagawa gerne liest. Dazu schreibe ich demnächst auch mal was. Allerdings habe ich den Abschluss schon auf Englisch gelesen, bzw. alle drei in weniger als einer Woche, dumdidum..

    Grüße an euch zwei, bibliomaner Austausch ist doch immer nett :D

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  5. ...das will ich auf jeden Fall nicht verpassen! Falls doch, stups mich bitte ganz kräftig an :-) LG, Kay

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  6. Ok, ich habe mich jetzt auch dazu aufgerafft, mir das Spiel um die Macht mal etwas näher anzuschauen.
    Je mehr so etwas gehyped wird, je eher tendiere ich dazu, es erstmal zu blockieren, irgendwie so eine Art Trotz-Reaktion.
    Ich habe auf dem Reader gerade die Leseprobe des ersten Bandes auf Englisch und finde es gut lesbar - und geschaut haben wir jetzt die ersten beiden Staffeln.
    Mich nervt der viele Sex und auch die Blutigkeit, aber es ist ja gut zu wissen, dass es im Buch nicht so dominiert, das spricht aktuell eher für die Lektüre der Bücher.
    Gespielt finde ich es aber trotzdem auch ganz toll, und auch Ausstattung und generell die Bilder sind echt toll gelungen.

    Bisher ist es in meinen Augen irgendwie wie "Marion Zimmer Bradley gone screen" nur ohne die ganze Mystik (jedenfalls nicht mit soviel davon) und mit mehr Wumms und mit Frauen, die nicht nur magische Banner und Schwertscheiden besticken und bangend auf ihre Männer warten und sich gegenseitig hintergehen, sondern lieber selber los marschieren und kämpfen.

    Magst Du mal ein Beispiel für "Urban Fantasy" nennen?
    Das ist mir so gar kein Begriff!


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    1. Urban Fantasy sind Geschichten, die in einem städtischen Kontext spielen, oft gibt es zur "normalen" Welt eine fantastische Parallelwelt, die von den Protagonisten aus der Normalwelt entdeckt/frequentiert wird. Sex ist häufig ein zentrales Element in diesem Genre ("Black Dagger", "Anita Blake").

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