Montag, 28. April 2014

Holocaust kindgerecht?

Heute wird in Israel der jährliche Holocaust-Gedenktag "Jom HaShoa" begangen.

Während dieser Artikel live geht, ertönt in Israel für zwei Gedenkminuten eine Sirene, während derer der pulsierende israelische Alltag vollständig zum Erliegen kommt. Der Verkehr stoppt, man steigt aus dem Auto aus, bleibt stehen, wo man gerade steht, sei es im Büro, im Supermarkt oder im Wartezimmer, und verharrt zwei Minuten im schweigenden Gedenken.

Gestern Abend um 20:00 wurde in Yad VaShem die Gedenkzeremonie abgehalten, im Rahmen derer jedes Jahr stellvertretend für 6 Millionen ermordete Juden sechs Holocaustüberlebende Fackeln entzünden. Ihre Geschichte wird in kurzen eindrücklichen Videoeinspielern gezeigt, beklemmend besonders dadurch, dass die Überlebenden, die heute Fackeln entzünden, während der Shoa noch Kinder waren. Schicksale wie das von Eliezer Eizenschmidt, Yitzhak Biran oder Dita Kraus schnüren mir jedes Jahr wieder die Luft ab, weil sie zeigen, wie wichtig das Erinnern ist, wie sehr sich die jüngste Geschichte in die jüdische Seele gebrannt hat und wie präsent der Genozid durch die Nazis im heutigen Israel noch immer ist. So viele Familien sind betroffen, so viele Kinder haben oder hatten Großeltern oder Urgroßeltern, die nach Israel fliehen konnte, die Shoa höchst traumatisiert überlebten oder ihr zum Opfer fielen. Die Kinder von Überlebenden tragen häufig an einem sekundären Trauma, da sie in einer Zeit aufwachsen mussten, in der man die Symptome einer indirekten Traumatisierung noch kaum einordnen und daher auch nicht psychologisch begleiten konnte.

Wie aber vermittelt man (kleinen) Kindern diese Thematik? Man kommt an diesem Gedenktag hier im Land nicht vorbei, sodass bereits im Kindergarten in irgendeiner Form darauf eingegangen werden muss. Bilderbücher gibt es bereits für Dreijährige, ab der Vorschule wird schon sehr konkret auf die Shoa Bezug genommen. Ich bin nicht sicher, ab welcher Klasse in Deutschland der Massenmord an den Juden auf dem Lehrplan steht, aber ich erinnere mich, dass ich bereits vieles von zuhause wusste, als es im Geschichtsunterricht soweit war, und mir das Thema alles andere als neu war. Gerne möchte ich auch mit meiner Tochter die Grauen der Shoa im geschützten Familienrahmen besprechen. Sehr ungut fände ich nämlich, wenn ihr ohne Vorwarnung die Verbindung "Deutsche haben unzählige Juden ermordet" klar würde, ohne die Zusammenhänge einordnen zu können, noch schlimmer, wenn Kinder ihr ihre Herkunft deswegen an den Kopf werfen würden. Das ist so ein Schreckgespenst, das mich immer mal wieder heimsucht. Aber so einfach ist das gar nicht. Richtig tief schürfende Gespräche können und wollen viele Kinder in diesem Alter nämlich nicht wirklich führen (das kenne ich von anderen wichtigen Themen) und von sich aus erzählt unsere - zumindest auf Aufforderung - auch eher ungern, was sie bewegt.

Also doch ein Buch hernehmen? Die Kinder- und Jugendbücher, die man so kennt (Anne Frank, Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, Sternkinder), eignen sich aus meiner Sicht frühestens ab der 5. Klasse, davor gibt es auf Deutsch praktisch nichts. Oder? Ich bin offen für Tipps, falls ihr welche habt, meine Recherche hat nichts brauchbares zutage gefördert, nur einige Artikel die erklären, dass es zu früh ist, den Holocaust in der Grundschule zu thematisieren..

Die israelische Kinderliteratur zur Shoa kenne ich zu wenig, aber ich schätze, ich werde wohl mal den Buchladen aufsuchen und mir ein paar Bücher ansehen, ob da eventuell was für uns dabei ist.

Ein Einstieg könnte auch sein, mit ihr gemeinsam die ausdrucksstarken Zeichnungen der Fünftklässler aus ihrer Schule anzusehen. Dabei kommen wir vielleicht ins Gespräch. Mich haben diese Bilder gestern beim Bringen jedenfalls ziemlich aufgewühlt...






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Kommentare:

  1. Hallo, ja, wie heißt Du eigentlich?
    Ich kann auf Deinem Blog nirgendwo Deinen Namen finden. Würde Dich sehr gerne persönlich anreden. Finde Hallo Du da etwas komisch ;)
    Aber zurück zum Thema. Ich bin der Meinung, dass man nicht zu früh mit dieser doch sehr schweren Problematik anfangen darf. Ich würde meinem Kind immer nur die Fragen beantworten, die es von sich aus stellt und diese auch sehr knapp ohne groß auf Details einzugehen. Ich denke, ab einem bestimmten Alter kommen die Fragen ganz von selbst, besonders da Ihr ja in Israel lebt und dort die Geschichte allgegenwärtig ist. Etwas anderes ist es wenn Ihr den jüdischen Glauben praktiziert, da wachsen die Kinder irgendwie mit rein und stellen Ihre Fragen vielleicht etwas früher als sonst. Meiner Meinung nach ist es aber besser, nicht zu früh damit anzufangen. So eine kleine Kinderseele kann das vielleicht nicht immer so gut verkraften. Als der Holocaust damals über die Juden hereinbrach, konnten die Erwachsenen die Kinderseelen nicht vor dem ganzen Leid schützen, heute haben wir das aber in der Hand! Und deshalb nicht zu früh damit anfangen. Es ist nicht schlimm wenn sich ein Kind mit 10 Jahren noch nicht dafür interessiert. Evtl. ist es mit 11 Jahren bereit dafür und wenn nicht dann eben später. Auch dieser Zeitpunkt wird immer noch früh genug sein. Ich wünsche Dir viel Weisheit und lass es Dein Kind einfach selbst entscheiden, wann es sich damit beschäftigen möchte.
    Ich schicke Dir ein ganz liebes Grüßle aus dem regnerischen Deutschland.
    Schalom :) Gudrun von Baustelle "Leben"

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    1. Manche Blogbetreiber bleiben lieber anonym und haben gute Gründe dafür. "Sehr knapp" Fragen beantworten signalisiert Kinder eher, daß der Erwachsene mit dem Thema nicht so gern umgeht. Im Ursprungsposting fragt sich eine in Israel lebende Deutsche, die es nicht dem Zufall überlassen möchte, wie sie mit dem Thema umgeht, auch im Hinblick auf die Situation einer gemischten Familie. Und in Israel ist das Thema für alle gegenwärtig, nicht nur für diejenigen, die "den jüdischen Glauben praktizieren", sondern auch für säkular lebende Menschen.
      Und im Übrichen brach der Holocaust nicht über die Juden herein wie eine Naturkatastrophe, sondern es war ein geplanter Massenmord, der industriell durchgeführt wurde.
      Ich wünsche Dir viel Weisheit für zukünftige Kommentare.

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    2. Als ich dieses Blog gestartet habe, war tatsächlich meine Intention, anonym zu bleiben, was sich im Laufe der Zeit aber etwas aufgeweicht hat. Spätestens seit der Verknüpfung meines Twitter-Accounts dürfte recht offensichtlich sein was mein Vorname ist, aber ich bevorzuge es trotzdem, ihn nicht zu offensichtlich auf dem Blog zu verwenden. Du kannst mich aber gerne damit ansprechen :)

      Was die Holocaust-Bewältigung angeht, so ist es wirklich eine Gradwanderung, finde ich. Man will den Kindern nicht ungefragt zu viel Informationen aufzwingen, andererseits aber auch nicht warten, bis Fragen kommen, weil man ja weiß, dass in der Schule die Thematik behandelt wird. Vermeiden kann man das hier im Land also überhaupt gar nicht. Dabei hängt es tatsächlich nicht davon ab, ob man in einer religiöse, säkularen oder gar nicht-jüdischen Familie lebt - am Holocaust-Gedenktag ist der Holocaust allgegenwärtig, alle Israelis sind an diesem Tag eins in ihrer Erinnerung und ihrer Trauer.

      Die Bücherliste von HaGalil ist super, IWe! Da werde ich mich mal durcharbeiten. Ich habe auch ein Bilderbuch über Anne Frank gesehen, in dem der Kastanienbaum ihre Geschichte erzählt, das klang auch interessant.

      Ganz viele Grüße und einen schönen Abend euch :)
      H.

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  2. Als Bilderbuch auch für größere Kinder empfehle ich:
    Inge Deutschkron und Lukas Ruegenberg: Papa Weidt: Er bot den Nazis die Stirn

    Es ist die Geschichte von Inge Deutschkron, die sie in ihrer Autobiografie (ich trug den gelben Stern) schon für Jugendliche erzählt hat.

    Für Kinder ab 10 Jahren sind die Bücher von Ida Voss sehr lesenswert. Sie hat als Kind in den Niederlanden im Versteck überlebt.

    Hier gibt es eine Liste über "Kinderbücher zum Nationalsozialismus"
    http://www.hagalil.com/buch/kinderbuch.htm

    Bilderbücher sind hier:
    http://www.hagalil.com/archiv/2010/07/19/bilderbuecher/
    (nach unten durchscrollen)

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  3. Erst heute morgen finde ich die Zeit, deinen post in Ruhe zu lesen.
    Ich finde es ja immer sehr interessant, wenn du von deinem Leben in Israel schreibst, aber diesmal war ich berührt und kann dich so gut verstehen, mit all deinen Ängsten und zwiespältigen Gefühlen, wann und wie du deine Tochter im geschützen(= familären) Rahmen über den Holocaust informierst.
    Ich hab da auch keine neuen Büchertipps, denn ich denke die Liste meiner Vorschreiberin ist schon sehr detailliert, deshalb will ich dir mit meinem Kommentar auch keinen Vorschlag machen, sondern, ja, wie soll ich es sagen, meiner Betroffenheit Ausdruck geben.
    Ich setze mich schon sehr lange mit diesem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte auseinander, hatte ich doch Eltern, die im Nazideutschland Jugendliche waren, und mit denen ich meinerseits als Jugendliche, Diskussionen über Mitläufertum und Schuld führte.
    Damals war in Deutschland gerade die amerikanische Miniserie "Holocaust" gelaufen, die dann auch im Geschichtsunterricht aufgegriffen wurde.
    30 Jahre später war es mir ein tiefes Bedürfnis endlich mal Auschwitz zu sehen und mit einer polnischen Freundin war ich vor einigen Jahren dort.
    Ich muss ja nicht erzählen, dass mich dieser Besuch tief beeindruckt hat.
    Aber das ich dir das hier schreibe, hilft dir auch nicht bei deiner Problematik deine Tochter kindgerecht zu informieren, aber ich hoffe, dass du inzwischen ein Buch gefunden hast.
    Ich finde ein Buch immer einen guten Aufhänger, um mit einem Kind ins Gespräch zu kommen, bin bei meinem eigenen Sohn, der wohl ãhnlich verschlossen war, wie deine Tochter, da auch oft auf Granit gestoßen.
    Dabei meine ich jetzt nicht speziell das Holocaustthema.
    Ich erinnere mich, dass ihm das als Jugendlicher oft zuviel wurde, wenn ich ihm geschichtliche Zusammenhänge erklären wollte:"Jetzt kriegst du wieder diese Jammer-Stimme.", war dann oft sein Kommentar.
    Also hilfreich war mein Kommentar wohl eher nicht für dich, aber das wissen, dass du Andere zum Nachdenken und Erinnern bringst ist doch auch ein schönes "Ergebnis"
    LG,
    Monika

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    1. Danke, dass du dir Zeit für diesen Kommentar genommen hast. Es berührt mich sehr zu lesen, dass ich nicht alleine mit diesem Dilemma bin. Was du zu deiner persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema schreibst, kann ich gut nachvollziehen. Bei mir waren es die Großeltern, denen ich als Teenie, ebenfalls nachdem ich "Holocaust" erstmals auf Video gesehen hatte, eine ganze Zeitlang nicht mehr leichtherzig begegnen konnte. Erst später konnte ich reflektieren und musste mir eingestehen, dass es keine Garantie dafür gibt, dass ich selbst in ihrer Lebenssituation damals anders, im Sinne von überhaupt irgendwie, gehandelt hätte. Leider war mit ihnen bis zu ihrem Tod nicht wirklich über die Thematik zu sprechen, die Verdrängung hatte sie bis zum Schluss fest im Griff.

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