Donnerstag, 17. April 2014

Grübeleien zu Pessach

Pessach, wie das jüdische Passahfest auf Ivrit heißt, ist zur Zeit in vollem Gange. Ab dem traditionellen Sedermahl, das die Pessachwoche einleitet, bis zum zweiten Feiertag eine Woche später, dürfen nach jüdischem Glauben weder Brot noch andere gesäuerte Lebensmittel "Chametz" verzehrt, erworben oder auch nur im Haushalt vorgehalten werden. Auch Spuren dürfen im Haus nicht mehr nachweisbar sein, weswegen vor dem Fest gründlich geputzt wird und viele Familien sogar für diese Zeit das Geschirr austauschen, damit sie nicht in Kontakt mit den verbotenen Lebensmitteln kommen. (Wie das in der Realität aussieht habe ich hier letztes Jahr ausführlicher beschrieben, und meine Freundin Chutzpi hat letztens berichtet, wie sie als religiöse Jüdin die Vorbereitungen händelt.)

Mir als Nichtjüdin christlicher Herkunft fällt dieses jüdische Fest so schwer wie kein anderes. (Nur Yom Kippur kann das noch toppen, aber der ist auch per Definition kein Festtag.) Ich kann gar nicht genau beschreiben, warum das so ist, vermute aber, dass es daran liegt, dass ich mich in dieser Zeit dem Volk weniger zugehörig fühle als sonst, weil sich in der Pessachzeit auch viele nichtreligiöse Israelis sehr wohl auf ihre jüdischen Wurzeln besinnen und das Chametzverbot einhalten - ganz im Gegensatz zu anderen religiösen Vorschriften, die der gemeine säkulare Jude das ganze Jahr über kaum beachtet. Weswegen es noch mehr auffällt, wenn man nicht richtig Teil dieser Tradition ist. In der Familie meines Mannes ist das kein Problem. Dort feiert man den Sederabend eher als Folklore, Brotwaren werden die ganze Woche über wie gewohnt verzehrt. Wenn man jüdisch geboren und in Israel aufgewachsen ist, kann man, scheint mir, sehr frei und selbstbewusst entscheiden, was man wie tradtionell ausleben will. Mir als Eingeheiratete fehlt diese Unbefangenheit, so gut ich sonst inzwischen in allen Bereichen israelischen Lebens integriert bin. Vermutlich geht es Andersglaubenden in christlich geprägten Gesellschaften zu Weihnachten und Ostern ähnlich, darüber habe ich mir nur nie Gedanken gemacht, als ich noch dort unter "meinesgleichen" lebte.

Nun könnte man sich fragen, wieso ich dann nicht einfach für eine Woche mit dem Strom schwimmen und machen kann, was die meisten machen. Zumal es zwischen dem jüdischen Passahfest und der christlichen Passionszeit sehr enge Verbindungen gibt. Das könnte ich natürlich, es würde sich für mich allerdings gefakt und aufgesetzt anfühlen. Weil diese eben nicht meine Religion ist. In meinem "nichts machen" komme ich mir aber ebenfalls sehr fremd vor, obwohl es mir nicht auf der Stirn geschrieben steht, dass ich nichts mache. Es ist ja nicht so, dass ich eine Woche lang von morgens bis abends bei mir zuhause Brot backe, damit auch der letzte Nachbar begreift "Hier lebt ein Goy" ...

Ein Dilemma, das mich jedes Jahr wieder neu einholt.


unsere diesjährige Sederplatte



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Kommentare:

  1. Ach Hadassal, so viele scheren sich nicht um Pessach. Vielleicht solltet Ihr es wie das gefühlt halbe Land halten und zu Pessach einfach weg fahren. ;-) in Berlin ist grad Hochbetrieb und sie essen keineswegs koscher le Pessach. Also, kine Gedanken machen!

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    1. Danke dir, es ist lieb, dass du das so siehst (und sagst). Ich weiß ja, dass du "von der anderen Seite her" immer wieder um deine Identität ringst, daher ist mir deine Einschätzung echt was wert. Ganz herzliche Grüße nach Berlin!

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  2. Liebe Hadassa, ich kann deine Überlegung ganz gut nachvollziehen, glaube aber auch, dass du einerseits sehr froh sein kannst, in einer Familie zu leben, die sehr unkompliziert mit der Frage umgeht, und andererseits, dass du eine Lösung mit reinem Herzen für dich finden musst, damit das nicht Jahr für Jahr wieder eine Belastung wird - Pessach ist ein Fest, keine Strafe. Vielleicht funktioniert es über den Weg, einen Sinn der Speisegesete für dich als Nichtjüdin in einem jüdischen Land zu definieren?
    Nur so ein paar Gedanken dazu, aus säkularer, aber im christlichen Abendland kulturhistorisch geprägter Sicht:
    Die fünfte der 7 Todsünden ist "gula", gemeinhin übersetzt mit "Völlerei". In Anbetracht einer Welt, auf der es einerseits viel Not und Hunger gibt, andererseits wir (?) in den Wohlstandsgesellschaften eine Menge Zeug im Kühlschrank haben, mit dem unsere Großmütter gar nichts hätten anfangen können, und in der gut zu essen landläufig als "sündigen" apostropiert wird, scheint mir generell die Demut vor dem, was wir als Speise zur Verfügung haben, und ein bewusster Umgang damit ein sehr überlegenswerter Weg. WAS ich nun daraus mache, ist für mich als freigeistige Christin hier in Deutschland absolut meine Sache - ich bin aber auch alleine damit und muss jede Entscheidung selber treffen. In Israel ließen sich für dich in solche Ansätze vielleicht ein paar regionale Gebräuche und auch Verfügbarkeiten integrieren, die den Weg einfacher machen können.

    Nur so als Idee...

    Ich wünsche euch ein friedliches und frohes Pessachfest!

    Christa

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    1. Naja, viele der jüdischen Gebräuche sind schon auch ein bisschen eine Strafe, bzw. eine bittere Erinnerung daran, was das Volk schon alles schlimmes durchgemacht hat und wie froh man sein muss, dass man inzwischen frei als Juden leben kann. Eine Woche pappkartonartigen Brotersatz essen müssen, wird tatsächlich von vielen als Strafe gesehen ;-)

      Aber du hast schon Recht. Ich werde für mich einen Weg finden müssen, der für mich und unsere Familie passt. Da sind wir auch schon ganz gut dabei, für viele Feste haben wir schon so Art "Familientraditionen" gefunden, die uns allen gut gefallen. Der Kompromiss, an Pessach ein schönes Essen am Sederabend mit ein bisschen Symbolik und Liturgie zu haben und ansonsten einfach ein paar Tage Ferien zu machen, ohne Nahrungskrampf, funktioniert eigentlich auch ganz gut. (Heute waren wir in einem arabischen Restaurant im Norden in guter Gesellschaft mit vielen anderen Israelis, die machen ein gutes Geschäft über Pessach *g* )

      Dieses Fremdsein in bestimmten Situationen wird man als kultureller Außenseiter wahrscheinlich nie ganz abschütteln können.

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