Mittwoch, 19. März 2014

Mama, machst du manchmal Diät?

Da war sie.

Eine Frage aus heiterem Himmel, und ich wusste erstmal gar nicht, was ich sagen soll. Denn Diät mache ich schon lange nicht mehr. Also nicht gezielt. Klar, ganz wahllos stopfe ich das Essen nicht in mich rein (wer tut das schon?), aber von Selbstkasteiung bin ich weit entfernt. Denn eigentlich bin ich endlich im Reinen mit mir und meinem Körper, nachdem mich mein Gewicht und der aussichtslose Kampf, dem gängigen Schönheitsideal entsprechen zu wollen, gut die Hälfte meines Lebens beschäftigt hatte. (Ironischerweise merkt man erst, wie idiotisch das eigentlich ist, wenn man mal mit richtigen Problemen konfrontiert wird, aber das gehört nicht hierher.)

Die Frage traf mich also ein bisschen unvorbereitet. Während ich noch über einen schlauen Gesprächsansatz nachdachte, fragte mich meine fast 7-jährige schlanke Tochter, die als Kleinkind sogar nicht mal das altersgerechte Gewichtsminimum erreichen wollte, ob ich meine, dass sie vielleicht eine Diät machen sollte. Nein, sagte ich, das braucht sie natürlich, um Himmels willen!, nicht. Wer denn überhaupt von Diäten gesprochen habe?

Die Hortbetreuerin war's. Eine etwas ältere, rundlich Dame, von der ich nicht zum ersten Mal höre, dass sie Diät macht und darüber auch im Hort spricht. Außerdem darüber, dass ich ja so abgenommen hätte, so dünn wäre, was mein Kind offenbar mehr beschäftigt, als gedacht, denn das Thema kommt immer wieder zur Sprache. Nun kann es schon sein, dass mein Gewicht ab und an ein bisschen schwankt, aber so abgenommen habe ich nun wirklich nicht und abgesehen davon, finde ich es saublöd, dass diese Thematik überhaupt stattfindet in der Hortbetreuung. Wieso muss sich ein Kind anhören, dass seine Mama ab- oder zugenommen hat? Was soll dieses unreflektierte Geschwätz? Reicht es noch nicht, dass die Medien ein völlig unrealistisches und für etwa 90% der Bevölkerung unerreichbares Schönheitsideal propagieren? Müssen sich schon Erstklässler mit dem Thema "Diät" auseinandersetzen?

Mich nervt das. Mich nervt es, weil es die Kinder beschäftigt. Weil es ihnen suggeriert, dass Körper - in all ihren vielfältigen Formen, Größen und Farben - nicht in Ordnung sind, so wie sind. Dass es, gerade bei Frauen und Mädchen, immer etwas gibt, was nicht schön genug ist.

Besonders beim Gewicht bin ich da echt empfindlich. Weil ich sehe, wie weit manche Mädchen gehen, um so dünn wie möglich zu werden. Und weil ich selbst dort war. Weil es mir auch heute noch ab und an passiert (selten!), dass ich tagelang praktisch nichts esse und mich gut dabei fühle - "skinny" nämlich. Phasen in denen ich meine Knochen nachspüre und es mir einen Kick gibt, dass ich sie spüren kann. Phasen, in denen ich Bilder von essgestörten Mädchen im Internet ansehe und zwischen Grauen und ein wenig Neid hin- und hergerissen bin, obwohl ich ganz genau weiß, dass Oberschenkel mit Lücke und herausstehende Hüftknochen alles andere als gesund sind.

In solchen Phasen muss ich mich dann sehr bewusst wieder zurückholen, auf Spur bringen und auch mal widerwillig den Sport ausfallen lassen, um nicht in alte Gewohnheiten zu verfallen.

Denn dem Kind indirekt zu suggerieren, dass körperliche Entbehrung als Preis für irgendeinen Schönheitsmythos in Ordnung oder gar wünschenswert ist, geht gar nicht. (Dieser Artikel ist dazu sehr lesenswert) Ich nehme mir daher immer wieder vor, öfter wohlwollend über mein eigenes Aussehen zu sprechen, Komplimente freundlich anzunehmen und nicht zu negieren und vor allem ein positives Körpergefühl auszustrahlen. Das ist nicht leicht, aber es ist wichtig, denn nur so kann ich glaubwürdig signalisieren, dass es ok ist, sich selbst so anzunehmen, wie man ist. Mit Kanten und Rundungen, Falten und Flecken, blonden oder dunklen Haaren - weil Vielfalt es ist, die uns als Persönlichkeiten ausmacht.




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Kommentare:

  1. Ich unterschreibe und unterstreiche hier jedes einzelnen Wort. Wie wahr das alles ist und wie recht Du hast. Danke für diese Zeilen :)
    Als Kind genauso, wie als junge Frau war ich sehr sehr schlank. Von Natur aus, ich konnte essen was ich wollte, ich nahm nicht ein Gramm zu. Dann kamen die Wechseljahre und meine chronische Krankheit. Beides zur selben Zeit. Und mein Körper fing an zu spinnen. Ich nahm unglaublich zu, innerhalb von 2 Jahren fast 30 kg. Das ist eine Hausnummer, mit der musst Du erst mal leben und die musst Du erst mal lernen zu akzeptieren. Natürlich nicht Du, sondern ich. Ich bin erst jetzt soweit, dass ich lerne mich zu akzeptieren wie ich bin und dass ich auf gar keinen Fall dem heutigen Schönheitsideal entspreche, auch wenn ich nach wie vor nicht so alt aussehe, wie ich nunmal laut Geburtsurkunde bin. Aber ich bin auf einem guten Weg. Ich merke das daran, dass ich heute beim Shoppen gleich zu der richtigen, großen Größen greife und nicht erst zu den Kleiderständern renne auf denen die kleinen Größen hängen.
    Und soll ich Dir was verraten. Mittlerweile fange ich an mich schön zu finden. Ich kaufe mir schöne Unterwäsche, keine die meine Kurven wegpresst. Schöne Jeans, die meinen runden Hintern in Szene setzen. Und schöne Oberteile die von meinem Bauch (komischerweise ist nur der so richtig dick) ablenken und statt dessen den Blick auf den Ausschnitt lenken. Man muss es nur wollen, dann kann man sich auch mit ein paar Pfund mehr auf den Hüften akzeptieren.
    Ein ganz liebes Grüßle und ein herzliches Schalom schicke ich Dir nach Israel.
    Gudrun von Baustelle "Leben"

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    1. Oh, da hast du ja auch einiges durch. :-/ die Wechseljahre sind noch mal eine ganz andere Herausforderung, fürchte ich. Toll, dass du dich heute so annehmen kannst, wie du bist. Grüße zu dir in die Baustelle !

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  2. Ich finde, das geht gar nicht, daß die Hortbetreuerin ihre Themen den Kindern aufdrückt. Da wäre wohl ein Gespräch nicht schlecht.

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    1. Sehe ich auch so. Ich bin mir nur nicht schlüssig, wie ich das angehen soll. Sie denkt sich ja nichts dabei und würde mich wahrscheinlich nur verständnislos ansehen.

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  3. Sag mal, gibt es schon Kinderbücher zum Thema, ich meine zum vernünftigen Umgang damit? Such-such, und wenn du nichts findest, so schreib doch eins. Du bist eine so begabte Erzählerin. Einen Verleger würdest du bestimmt finden, und viele Mütter wären dir dankbar. (Könntest jener Horttante ein Exemplar schenken :-) ) Viel Glück
    Vered

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    1. Es gibt auf Englisch viele gute Ratgeber für Eltern. Kinderbücher müsste ich echt mal suchen, bestimmt gibt es irgendwo was.... Aber danke für die lieben Blumen :)

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