Sonntag, 16. März 2014

[Buch] Lieblingsbuch 2/2014 - Stiller

Stiller, die Hauptperson, vergißt man nicht wieder, er ist keine Romanfigur, sondern ein Individuum, ein in jedem Zug erlebter und überzeugender Charakter.
- Hermann Hesse


So steht es als Klappentext auf meiner abgegriffenen Taschenbuchausgabe von Max Frischs "Stiller".

Diesen modernen Klassiker, eine Charakterstudie mit Plotelementen, könnte man sagen, habe ich als fünftes Lieblingsbuch für die Jahreschallenge bei der Bücherphilosophin gelesen.

Die Geschichte einer gescheiterten Existenz, eines Mannes, der Zeit seines erwachsenen Lebens vergeblich versucht, seinen eigenen Ansprüchen und denen seines Umfelds (und seien sie auch nur eingebildet) gerecht zu werden und schließlich beschließt, die Identität zu wechseln und fortan zu leugnen, was und wer er selbst in seinem früheren Leben war, hat mich fasziniert seit wir sie vor rund 20 Jahren im Leistungskurs Deutsch als "Sternchenthema" zum Abitur beackert haben. Die tiefgründige Philosophie neben ganz schlichten Wahrheiten verpackt in einen Sprachstil, der mal zynisch, mal verzweifelt, mal poetisch daherkommt, machen "Stiller" zu einem der ganz großen Werke der deutschen Literatur.

Irgendwie muss mich darüber hinaus die Person des Stillers in all ihrer Zerissenheit schon damals berührt haben, obwohl ich ganz sicher viele zentrale Aspekte nicht wirklich verstehen konnte. Insbesondere die Ehe kann meiner Meinung nach nur beginnen zu verstehen, wer sie selbst erlebt hat. Was mir aber schon damals, mit einer doch recht begrenzten Erfahrung in Partnerschaftsdingen, absolut einleuchtete, ist Frischs Vorwurf an seine Hauptperson Stiller, er habe sich von seiner Frau "ein Bildnis" gemacht, sie nicht mehr als Mensch gesehen und gleichzeitig unausgesprochen von ihr verlangt, sich zu ändern und an ihn anzupassen. Das, so kamen wir damals in der Interpretation auf einen Nenner, sei der Anfang vom Ende einer jeden Beziehung. Diese These ist bis heute hängengeblieben und ich bemühe mich nach Kräften, danach zu leben.

Meine Lehrerin, die weder Autor noch Hauptperson wirklich leiden konnte, zu viel Chauvinismus schwingt in diesem Werk für ihren Geschmack mit, was ich heute besser nachvollziehen kann als mit 18, beschmunzelte und respektierte mein Interesse gleichermaßen während sie uns sorgfältig auf die Prüfungen vorbereitete.

(klammer auf) Diese Lehrerin war überhaupt der Glücksgriff meiner Oberstufenzeit. Eine Dame durch und durch, elegant und kultiviert fiel sie im Lehrerkollegium auf, kumpelhaft war sie nicht, aber dennoch warm und "nahbar", wann immer man sie brauchte. Ihretwegen habe ich lange ernsthaft erwogen, Germanistik (trotz meiner bis heute miserablen Kommasetzung) auf Lehramt zu studieren, es dann aber, ebenfalls ihretwegen, wieder verworfen, weil ich mir nie zugetraut hätte, jemals auch nur annähernd ihr Niveau zu erreichen und - vor allem ! - über Jahrzehnte zu halten. (klammer zu)

Als ich am Tag der Prüfung die Abiturunterlagen aufschlug, zögerte ich nur den Bruchteil einer Sekunde, bevor ich mich an "Stiller" festbiss. Die genaue Fragestellung kann ich nicht mehr wiedergeben, aber es reichte für 13 baden-württembergische Punkte über die ich sehr glücklich war. Als Abschiedsgeschenk schenkte mir meine Lehrerin mit einem großen Augenzwinkern einen weiteren Frisch-Roman - "Mein Name sei Gantenbein". Den könnte ich auch mal wieder lesen.



Alle Challenge-Lieblingsbücher sind hier aufgelistet.



Follow on Bloglovin


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen