Samstag, 29. März 2014

[Buch] Frank Schätzing: Breaking News

Breaking NewsBreaking News by Frank Schätzing
My rating: 4 of 5 stars


Starreporter Tom Hagen hat schon alles gesehen. In den Krisengebieten dieser Welt jagt er Bilder und Stories für seine spektakulären Reportagen, die man ihm in der Heimat aus den Händen reißt. Dabei hält er sich weder an äußere Vorschriften, noch an die Regeln menschlicher Vernunft und sieht auf alle herab, die nicht ebenso denken wie er. Als er bei einer riskanten Geiselbefreiung in Afghanistan durch seine Sensationsgier den Tod von mehreren Menschen verschuldet, stürzt er in eine tiefe Krise und muss sich fortan als Freelancer eines drittklassigen Online-Magazins durchschlagen. Drei Jahre später ergreift Tom in Israel die dünne Chance auf ein Comeback und sticht unversehens in ein Wespennest von unwahrscheinlichem Ausmaß. Plötzlich geht es nicht mehr nur um sein Renommee, sondern um Leben und Tod.

Yael Kahns Familie lebt seit vier Generationen in Israel. Ihre Urgroßmutter war dabei, als David Ben Gurion 1948 den Staat ausrief, ihr Großvater wuchs Tür an Tür mit Arik Scheinermann auf, dem späteren Ariel Sharon. Über die Jahrzehnte erlebt die Familie Kriege und Tragödien, säkulare Hoffnung und religiösen Wahn, Friedensverhandlungen, Terror und Attentate - die ganze Bandbreite israelischer Geschichte bis heute.

Als Yael und Tom sich begegnen, sind die Schatten der Vergangenheit den beiden bereits auf den Fersen und zwingen sie zur Zusammenarbeit, um zu überleben und vielleicht eine unglaubliche Verschwörung aufzudecken.


Mit seinem neuen Roman ist Frank Schätzing ein großes Wagnis eingegangen. Nicht nur hat er versucht, die Geschichte des Staates Israel und den hochkomplexen Nahostkonflikt lesbar abzubilden, nein, er hat mit Arik Sharon als Schlüsselperson seiner historischen Rückblenden einen der bekanntesten und kontroversesten Charaktere eben jenes Konfliktes gewählt und dessen Todesumstände fiktiv in Mord umgedeutet. Dazu gehört schon eine gute Portion schriftstellerischer Mut. Entsprechend gespannt war ich auf das Ergebnis und konnte es kaum erwarten, "Breaking News" zu lesen.

Wie es sich für einen echten Schätzing gehört ist auch "Breaking News" recht umfangreich. 950 Seiten liest man nicht mal eben so weg, obwohl der Autor durch ständige Perspektivwechsel und Sprünge in der Zeitschiene von Anfang an eine gewisse Grundspannung aufbaut, die es mir leicht machte, am Ball zu bleiben. Trotzdem sollte man ihm etwa 250 Seiten Zeit geben, bis man sich eingelesen und mit den zahlreichen Orten und Personen vertraut gemacht hat. Richtig Fahrt nimmt die Handlung Richtung Halbzeit auf, ab dann war es für mich ein Selbstläufer - ich musste einfach wissen, wie es weitergeht. Nicht nur für Tom Hagen und Yael Kahn, sondern auch für ihre Familie aus den Rückblenden. Die erzählt Schätzing als berührende Familiensaga unterfüttert mit solide recherchierten historischen Informationen. So aufbereitet wird der Stoff greifbarer als ein Geschichtsbuch oder Wiki-Artikel. Ich persönlich hatte, trotz vereinzelter Längen, die man vielleicht behutsam hätte kürzen können, nicht den Eindruck, permanent Informationsblocks serviert zu bekommen, die meinen Lesefluss stören.

Israelfreunde werden "Breaking News" schon allein dafür mögen, dass Schätzing auch die dunklen Kapitel israelischer Geschichte, von denen er durchaus einige erwähnt, nicht platt verurteilt sondern in einen Gesamtzusammenhang stellt. Auch seinem Ariel Sharon begegnet er weitgehend verständnisvoll und stellt immer wieder die Verbindung zu der Person hinter dem "Hardliner" her. Ich hatte überhaupt nicht den Eindruck, dass hier - mal wieder - ein Außenstehender den mahnenden Zeigefinger erhebt, um die Schuldfrage des Nahostkonflikts zu weiten Teilen auf Israel abzuwälzen. Vielmehr nutzt Schätzing seine Protagonisten dazu, dem Leser die vielen Gesichter Israels zu zeigen, das Innenleben der Gesellschaft und ihren Umgang mit der ständigen Anspannung. Das wirkt auf mich als Wahlisraelin authentisch, was ich Schätzing hoch anrechne, denn es zeigt, dass er sich mit den Menschen tatsächlich auseinander gesetzt hat. Klar, das eine oder andere Klischee ist schon dabei, aber insgesamt bin ich nur über eine Handvoll wirklicher Unstimmigkeiten in der Darstellung der mir bekannten israelischen Alltagswelt gestoßen. Ob alle Szenen sich genau so auch in der Realität abspielen könnten, kann und will ich nicht beurteilen. "Breaking News" ist und bleibt ein fiktiver Thriller mit ordentlich genretypischer Action.

Ahnungslose und Israelkritiker, vor allem die, die selbst nie einen Fuß in dieses Land gesetzt haben und dennoch zu wissen meinen, wie dieser Konflikt gelöst gehört, bekommen von mir eine klare Leseempfehlung. Schätzing schildert die Eckpunkte des Nahostkonflikts verständlich, nüchtern und unterhaltsam.

Einige Rezensenten bemängeln Schätzings Schreibstil in "Breaking News". Auch mir sind das slanghafte, lässige Deutsch und die teils etwas dick aufgetragenen Vergleiche an manchen Stellen aufgefallen, insbesondere da ich da aus seinen früheren Werken so nicht kenne. Passt aber zu Hagens Charakter und ins Genre, besonders im Vergleich mit amerikanischen Thrillern ähnlicher Machart.

Insgesamt also ein echt gutes Buch. Episch und spannend zugleich, für Gelegenheitsleser vielleicht ein bisschen zu episch. Mir persönlich gefallen ja Wälzer.

Hardcover, 976 Seiten | 2014 Kiepenheuer & Witsch



** Ganz herzlichen Dank an den KiWi-Verlag für das Leseexemplar. **



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Kommentare:

  1. *schmatz* Dankeschön, das motiviert mich doch zum Durchhalten. "Wir" sind noch in Afghanistan und Hagen ist so voll zum K***, dass ich das Hörbuch, das mir die langen täglichen Autofahren versüßen soll, fast schon wieder gelöscht hätte.

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    1. Genau. Noch ein bisschen durchhalten, dann geht es erstmal in die Vergangenheit weit vor Hagens Zeit *zwinker*

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