Sonntag, 15. Dezember 2013

Winter, Winter !

Der israelische Winter ist sehr abwechslungsreich. Das liegt meteorologisch gesehen daran, dass Israel auf einer lächerlichen Fläche von nur rund 21.000 Quadratkilometern gleich mehrere Klimazonen hat. Im Kernland gemäßigtes Mittelmeerklima, im Süden die Wüste, im hohen Norden ein Skigebiet, alles theoretisch innerhalb eines Tages bereisbar.

Wirklich kalt wird es im Zentrum des Landes auch im tiefsten Winter nicht, zu Minusgraden kommt es höchst selten. Das Gegenteil ist der Fall - erst vor einer guten Woche kratzten die Temperaturen noch an der 30-Gradmarke. Richtig kalt erwischt hat uns daher Alexa, ein eisiger Wintersturm, der die letzten Tage über ganz Israel gefegt ist. Mit heftigen Regenfällen und eisiger Kälte fing es am Mittwoch an, über Nacht begann es in Jerusalem zu schneien. In einer Stadt, in der die Temperaturen auch im Winter nur ab und zu in den einstelligen Bereich rücken, Autos und Busse ganzjährig mit Sommerreifen unterwegs sind und die allermeisten Wohnungen allenfalls mit elektrischen Klimaanlagen oder Heizlüftern ausgestattet sind, trat der Ausnahmezustand ein: Bereits am Donnerstag wurden sämtliche Straßen in die Hauptstadt gesperrt. Dutzende Fahrzeuge blieben auf dem Weg dorthin stecken und mussten von Einsatzkräften evakuiert werden. In vielen Gegenden fiel der Strom aus, die Schulen wurden geschlossen, der gesamte Verkehr kam zum Erliegen. Und es schneite immer noch munter weiter. Wie ernst die Lage tatsächlich war zeigte sich am gestrigen Samstag: Die israelische Eisenbahn, die eigentlich zur strengen Shabbatruhe verpflichtet ist, erhielt eine Sondergenehmigung, im Laufe des Shabbats Züge von Jerusalem nach Tel Aviv einzusetzen, um gestrandeten Nicht-Jerusalemern zu helfen, die - immer noch - abgesperrte Stadt zu verlassen.

Meine Schwägerin hatte die an sich sehr originelle Idee, mit der Familie über's Wochenende auf die Golanhöhen zu fahren. Dort schneiten sie ein und teilten gestern Morgen verzweifelt mit, dass sie nicht einmal wissen, wie sie das Auto frei kriegen sollen, von den Straßenverhältnissen ganz zu schweigen. Das Winterwunderland, das sie sich ausgemalt hatten, wurde urplötzlich zu einem grauen, kalten Alptraum mit Schneemassen, wie ich sie nur aus manchen Skiurlauben meiner Kindheit in den Alpen kenne.

Und bei uns? Regen, ergiebiger Regen. Am Freitag Nachmittag besuchten wir Freunde in den Hügeln, die bereits seit dem frühen Morgen stundenlang ohne Strom in ihrem Häuschen saßen. Mit wundervoller Aussicht über schneebedeckte Hügel Richtung Jerusalem zwar, aber trotzdem ungemütlich. Der Gasherd funktionierte zum Glück, sodass sie uns "Glög", sehr leckeren schwedischen Glühwein, servieren konnten. Versteckspielen im düsteren Haus hatte zwar kurzzeitig einen gewissen Reiz, dennoch waren wir irgendwann froh, wieder zurück in die Stadt fahren zu können. Dort hatte sich der Regen in der Zwischenzeit in eine Art Nassschnee verwandelt. Zum ersten Mal seit den späten 90er Jahren. Ich muss darauf bestehen, dass es Schnee war und nicht verregneter Hagel, wie manche behaupten, aber letzlich ist es ja auch nicht so wichtig. Die Hauptsache ist schließlich, dass das Mädchen einen Schneeball in den Gefrierschrank retten konnte.


Impressionen:

Verschneite judäische Hügel
unser Mädchen im Schneematschglück Freitag
unsere Stadt am Freitagnachmittag
Jerusalem, Blick auf die Altstadt (Bild: Drorit Zilberberg)

Jerusalem (Bild: Drorit Zilberberg) 


Und hier noch ein sensationelles Video aus der Jerusalemer Straßenbahn vom Donnerstag:





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Kommentare:

  1. Scheint, als wäre der Winter doch etwas nach Süden verrutscht... Ich hätte ja gern etwas von dem Schnee aus dem atmophärische tollen Video. Ich hoffe, Euch wird es bald wieder warm. So ganz ohne Heizung bei Schnee finde ich nicht wirlklich prickelnd...
    Liebe Grüße
    Andrea

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  2. Wir brauchen die Kälte nicht. Heute morgen bin ich bei 3° zum Bahnhof geradelt, das habe ich zuletzt zu Studienzeiten in Deutschland ....

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  3. Hier hat es grade 11°. Typisches rheinisches Weihnachtswetter. Ich beneide euch aber nicht um den Schnee, denn so schön er ist: Wenn hier bei solcher Witterung schon der Weg zur Arbeit 3 Stunden dauert (normal gut eine), wie fies ist das dann auf Sommerreifen und ohne eingespielten Winterdienst? (Von der Heizung ganz zu schweigen!) Haltet die Ohren steif - bald ist es bei euch wieder erträglich. Wir werden bis April im Matsch und unter kahlen Bäumen hocken (wenn auch kuschelig warm mit Zentralheizung).

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    1. Jerusalem war von Donnerstag bis Samstag praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Das ist schon ziemlich ungemütlich und für eine Hauptstadt irgendwie krass.

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