Sonntag, 3. November 2013

[Kino] Bethlehem - der Film

Es gibt Filme, die sind so krass, dass man danach erstmal ein ganz hohles Gefühl im Magen hat und sich fragt, ob das wirklich alles so stattgefunden hat auf der Leinwand. Filme, die mit einer so realistischen Intensität daherkommen, dass sie streckenweise wirken wie eine Doku. Filme bei denen man sich nicht sicher ist, ob und wem man sie weiterempfehlen kann, weil man zarte Gemüter eher davor schützen will, und sie gleichzeitig unbedingt weiterempfehlen will, weil sie so gut, so wichtig sind. Die israelische Bewerbung* für den besten ausländischen Film bei den Oskars - "Bethlehem" - ist so ein Film.
 
Das Gemeinschaftsprojekt des israelischen Regisseurs Yuval Adler und des arabischen Drehbuchschreibers Ali Waked spielt zur Zeit der zweiten Intifada und erzählt die Geschichte von Razi (Tsahi Halevi), einem israelischen Shin Beth-Agenten und Sanfur (Shhadi Maryee), seinem jugendlichen Informanten aus Bethlehem. Über zwei Jahre sind sie bereits in engem Kontakt und es entsteht schnell der Eindruck, dass sie sich näher stehen als wahrscheinlich gut für sie ist. Mitunter meint man, hofft man sogar, dass Razi eine Art Vaterfigur für Sanfur ist, der, wie später deutlich wird, schon immer im Schatten seines großen Bruders und Al-Aqsa-Kämpfers Ibrahim stand, den wiederum die Israelis schon lange im Visier haben. Als es darum geht, über Sanfur an Ibrahim heranzukommen, um ihn auszuschalten, riskiert Razi seine Position, um Sanfur zu schützen. Zu einem hohen Preis, denn Ibrahim wird bei dem Zugriff, bei dem Razi und ein anderer Soldat verletzt werden, zwar getötet, doch Sanfur fühlt sich verraten, bricht den Kontakt zu Razi ab und schließt sich letztlich den Al-Aqsa-Brigaden an. Als die Verdacht schöpfen, Sanfur könnte ein Kollaborateur sein, spitzt sich die Situation dramatisch zu.

Quelle: בית לחם הסרט - FB movie page

"Bethlehem" hat viele Aspekte. Der Film zeigt eindrücklich, unter was für einem immensen Druck der Shin Beth steht, wenn es konkrete Terrordrohungen gibt, man aber nicht weiß, wo und wie diese stattfinden werden. Razi verkörpert so einen Agenten, der aber gleichzeitig seinen Informanten nicht zum Bauernopfer machen will und ihm versucht klarzumachen, dass er einen anderen Weg einschlagen kann. Auf der anderen Seite sieht man Sanfur, einen äußerlich typisch palästinensischen Jugendlichen, wie man sie zu Dutzenden in Jerusalem sieht. Das ging mir als Zuschauer nahe. Sanfur, der sich seiner Familie und seinen Freunden beweisen will und zeigen, dass er ein ganzer Mann ist, indem er Mutproben macht und sich schließlich der Al-Aqsa anschließt. Gleichzeitig wünscht er sich - wie jeder andere Teenager - neue Jeans und zeigt Verletztlichkeit, und ab und an schimmert der "ganz normale" Junge durch, der er sein könnte, wenn er in andere Umstände hinein geboren wäre. "Bethlehem" zeigt, in welcher Angst palästinensische Kollaborateure ständig leben, von ihren eigenen Landsleuten entlarvt und gelyncht zu werden und deutet fragwürdige Methoden des Shin Beth bei der Rekrutierung neuer Informanten an. Besonders eindrücklich hat mir persönlich "Bethlehem" aber einmal mehr gezeigt, dass es in diesem Konflikt zu viele Verlierer gibt. Zu viele Leben, die gelassen, zu viele Perspektiven, die für immer zerstört werden, zu viele Kinder, die ihre Eltern verlieren.


Ausschnitt mit englischen UT:



Zum offiziellen Trailer geht es hier (englische UT):

http://www.moviepilot.de/movies/bethlehem 


* Leider hat der Film es letztlich nicht auf die "Shortlist" der Akademie geschafft.



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