Mittwoch, 27. November 2013

Die Stimme des israelischen Soundtracks ist tot

Gestern Nacht ist der wohl bedeutendste israelische Sänger und Liedermacher überraschend gestorben. Arik Einstein (*1939 in Tel Aviv) hat wie kein anderer die israelische Pop- und Rockmusikszene geprägt und eine ganze Generation mit seinen Liedern großgezogen. Seine Liebe und Verbundenheit zu seiner Heimat, der Traum nach einem besseren Israel, seine Bescheidenheit und Zurückgezogenheit machten ihn so beliebt und authentisch bei seinen Landsleuten, während er im Ausland weitgehend unbekannt blieb. Die zahlreichen Nachrufe sind sich alle einig: Ein ganz großer Israeli ist von uns gegangen. Im Haaretz heißt es, er sei unser Frank Sinatra, Elvis Presley und Bruce Springsteen in einer Person. Das trifft es wohl ganz gut.

Nachdem er gestern Abend in seinem Haus zusammengebrochen war, brachte man Arik Einstein mit einem geplatzten Aneurysma in Tel Aviv ins Krankenhaus, wo die Ärzte wenig später aufgeben mussten. Der Krankenhauschef selbst trat mit belegter Stimme vor die versammelten Menschen. 

Der bekannte israelische Radiosender "Galgalatz" spielt seither nur noch Arik Einsteins Lieder (auch im Webradio), die kollektive Trauer ist den ganzen Tag über spürbar, meine Timeline auf Facebook kennt kein anderes Thema: Dieser Mann hat die Herzen in diesem Land bewegt wie kein anderer. Bereits am Nachmittag wird Arik nach jüdischer Tradition zur letzten Ruhe gebettet. Zuvor findet auf dem Rabin Square in Tel Aviv eine Trauerfeier statt, zu der Tausende erscheinen, die israelische Musikszene scheint geschlossen vertreten zu sein und sogar unser Ministerpräsident erweist Arik Einstein die letzte Ehre, bei seiner kurzen Ansprache kämpft der "Hardliner" sichtbar mit den Tränen. Bis in die Nacht hinein bleiben zahlreiche Fans auf dem Platz zurück, entzünden Kerzen und singen gemeinsam die bekannten Lieder. Und obwohl die Musik uns erhalten bleiben wird und obwohl (oder gerade weil?) Arik Einstein schon lange nicht mehr auftreten wollte und öffentliche Auftritte scheute, wird er den Israelis fehlen. Er war mit dem Land und seiner Geschichte untrennbar verbunden. Viele erinnern sich an ganz eigene "Arik-Einstein-Momente", er war einfach immer da. In Kriegszeiten, nach Terroranschlägen, nach dem Mord an Yitzhak Rabin, aber auch für die schönen, alltäglichen Momente, etwa zur Einschulung mit seinem Lied "Ouf Gozal - kleiner Vogel flieg!".

 - Arik Einstein: "Ouf Gozal - kleiner Vogel flieg'" (1987)

Für mich persönlich werden Arik Einsteins Lieder für immer mit meiner allmählichen "Israelisierung" verbunden sein. Am Anfang konnte ich nur zusammenhanglose Bruchstücke seiner Texte verstehen, aber die blieben hängen. Immer wieder hörte ich unbewusst Lieder von ihm, die mich berührten, mein Gemüt streichelten. Zu seinem sanften, manchmal melancholische Bariton möchte man sich nur einkuscheln, einen Gang von der Hektik herunterschalten und vom Leben ausruhen. Später, je mehr Hebräisch ich lernte, lernte ich auch seine Lieder noch mehr schätzen, denn sie geben alle so viel Sinn in ihrer schlichten Poesie. Dabei spielt keine Rolle, ob er über flügge werdende Kinder, Weltenverbesserer oder humorisch über den Shabbat singt, sie haben alle diesen besonderen Zauber, der mitten in die israelische Seele trifft, gebürtige wie eingewanderter Israelis. Mein Mann wunderte sich immer darüber, dass mir gerade diese Musik gefällt, und ich kann es auch nicht erklären, aber wann immer ich diese Stimme im Radio höre, werde ich ein bisschen froher. Einfach so. Und als ich irgendwann letztes Jahr meiner Schwägerin gegenüber bemerkte, dass ich Arik Einstein so gerne mag, leuchteten ihre Augen auf, und es stellte sich heraus, dass er auch ihr Lieblingssänger ist. Schon immer gewesen. Beim nächsten Treffen überreichte sie mir eine von ihr höchstselbst zusammengestellte Lieblingslieder-CD. Mit Liedern "jenseits der Radio-Standards", wie ihr sehr wichtig war, zu bemerken.

Arik Einstein wird uns fehlen. Aber seine Lieder und Filme behalten wir. Das tröstet.

Ruhe in Frieden.



- Arik Einstein: "HaYamim HaArukim, HaAtzuvim - Die langen traurigen Tage" (1968)

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