Mittwoch, 16. Oktober 2013

Kultur!

Tel Aviv, die israelische Kulturhauptstadt, hat viel zu bieten. Ob Kunst, (klassische) Musik, Theater, Tanz oder Film, der urbane Schöngeist hat freie Auswahl aus einem breiten Spektrum von spannenden Projekten und Veranstaltungen. Da ich nicht direkt in Tel Aviv wohne, schaffe ich es am Abend bedauerlicherweise viel zu selten in die "beste Stadt", doch gestern habe ich die Reise (und die Parkplatzsuche) mal wieder auf mich genommen. Auf dem Programm stand die Eröffnung einer Fotokunstausstellung mit dem Fotografen und die israelische Erstaufführung des preisgekrönten Berliner Films "Oh boy" in der Tel Aviver Cinematheque mit dem Produzenten.

Es war großartig.


Schaustelle Tel Aviv-Berlin

In einem beeindruckenden Fotoprojekt hat der Künstler Max Norz Subkulturen in Tel Aviv und Berlin abgebildet. Dabei richtete er sein Objektiv primär und bewusst auf die Menschen am Rande der Gesellschaft dieser vibrierenden Städte: Junkies, Dealer, Flüchtlinge, Prostituierte, Obdachlose, Alte, Punks - die Fotografien sind schonungslos echt, nichts scheint retuschiert, im Gegenteil wirken sie auf mich wie eine sehr authentische Abbildung der Realität. Schön im klassischen Sinn sind sie nicht, diese düsteren schwarzgerahmten Fotografien, dafür gehen sie umso mehr unter die Haut. Viele Modelle sehen dem Betrachter direkt in die Augen, von herausfordernd-provokativ bis resigniert sieht man eine Bandbreite von Emotionen und Gesichtsausdrücken. Sie holen mich aus meiner "comfort zone", zwingen mich, sie und ihre Welt wahrzunehmen, die ich in der Regel meide, um meine Illusion der wunderbaren Großstadt zu bewahren, und um mich nicht emotional investieren zu müssen. Ich kann nicht umhin, den Künstler dafür zu bewundern, dass er es schafft, das Vertrauen seiner Modelle zu gewinnen und eine Beziehung zu ihnen herzustellen, die derartig lebendige Fotografien hervorbringt. Leider war er den Abend über so sehr in Gespräche vertieft, dass ich mich nicht wirklich mit ihm unterhalten konnte. Erstaunlich war für mich auch, wie ähnlich die Tel Aviver und Berliner Motive sich waren. Bei manchen hätte ich nicht mit Sicherheit sagen können, in welcher Stadt sie jeweils aufgenommen wurden. Letztlich spielt das aber auch keine Rolle, denn es sind immer die Menschen, die bei Max Norz' Schaustelle im Mittelpunkt stehen.

Die Ausstellung ist noch bis Mitte November in der Cinematheque Tel Aviv zu sehen. Einen ersten Eindruck vermittelt auch diese Galerie, ein Interview mit dem Künstler gibt es hier.

Homepage Max Norz: www.mnorz.de


Oh boy

Film von Jan-Ole Gerster.

Niko Fischer lebt in Berlin und lässt sich durch sein Leben treiben. Sein Jurastudium hat er längst abgebrochen, eine wirkliche Perspektive für sein Leben scheint er jedoch nicht zu haben. Im Laufe eines Tages und einer Nacht begegnet Niko an alltäglichen und völlig abgedrehten Orten den verschiedensten Menschen und durchlebt eine Reihe von kuriosen bis nachdenklich stimmenden Ereignissen, auf der Suche nach Nähe und seinem Platz in der Welt. (Und Kaffee....)

Dieser Überraschungserfolg des deutschen Films in schwarz-weiß hat mich berührt und zum Lachen gebracht. Wunderbare Bilder aus dem Herzen Berlins und das glaubwürdige Portrait Niko Fischers als Vertreter der jungen Berliner Bevölkerung machen den Zauber von Oh boy aus. Anfangs ist es noch ungewohnt, dass der Film ohne Farbe auskommt, doch schon nach wenigen Minuten habe ich das gar nicht mehr wahrgenommen.

In einer Fragerunde nach dem Film erklärt der anwesende Produzent Alexander Wadouh wie schwierig es ist, dem breiten Publikum einen s/w-Film zu verkaufen und dass so ein Wagnis eigentlich nur als Filmdebüt überhaupt denkbar ist. Ich finde, der Verzicht auf Farbe verleiht Oh boy eine ganz besondere Note, denn er lenkt den Blick auf das Wesentliche - die talentierten Schauspieler (das Mimenspiel von Tom Schilling als Niko Fischer ist unerreicht) und die herausragenden Dialoge.





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen