Montag, 11. März 2013

Pessach - ein Realitätscheck

Matzen
Die allermeisten Nichtjuden verbinden mit dem Passahfest, vorausgesetzt sie wissen mit dem Begriff überhaupt etwas anzufangen, die biblische Geschichte um den Auszug der israelischen Sklaven aus Ägypten. Manche erinnern sich sogar an die zehn Plagen und vielleicht das Gebot zur Erinnerung  daran, eine Woche lang nur ungesäuertes Brot zu essen. Wie diese alte Tradition in der modernen israelischen Realität gelebt wird, können sich nur wenige vorstellen. Das Gebot mit dem ungesäuerten Brot zieht in der rabbinischen Auslegung nämlich eine Vielzahl von religiösen Vorschriften nach sich.

1. Pessachputz. Während der Passahzeit darf in traditionellen und religiösen Haushalten kein Fragment "Gesäuertes" zu finden sein. Das heißt in der Praxis, dass das ganze Haus von oben bis unten gereinigt wird, um ganz sicher zu gehen, dass sich nicht in irgendeinem Schrank doch noch ein Stückchen Brot oder ein Keks verkrümelt hat. Viele Familien streichen sogar zur Passahzeit die Wohnung komplett, damit auch die Wände ganz rein werden. Sämtliche "gesäuerte" Waren werden entweder aufgebracht, verschenkt oder symbolisch verkauft und für die Passahzeit weggeschlossen.

2. Laaaaange Ferien. Bereits eine gute Woche vor dem traditionellen Sederabend, schließen Schulen und Kindergärten. Böse Zungen behaupten, das müsse so sein, damit die Kinder zuhause zum Putzen eingespannt werden können.... Und siehe da: Heute schleppte meine Tochter das hier an:

Set zum Pesachputz inkl. Belohungsaufkleber für geleistete Arbeiten, wie
"Bücherregale auf Krümel überprüft" und "kleine Geschwister davon
abgehalten, "Gesäuertes" zurück in die Zimmer zu tragen"

3. Verkaufsverbot "gesäuerter" Ware. Auch im Supermarkt darf während der Passahwoche nichts "Gesäuertes" über den Ladentisch gehen, d.h. Brot und andere verderbliche Lebensmittel werden vorher abverkauft, stattdessen halten Matzen (weitgehend farb- und geschmacklose Cracker aus Mehl und Wasser) kartonweise Einzug in die Märkte. Während der Passahwoche selbst werden Nudeln, Kekse, Tiefkühlpizza und andere mehlhaltige Lebensmittel mit Planen abgedeckt, damit keiner auf die Idee kommt, diese zur Kasse zu tragen. Doch nicht nur Lebensmittel sind betroffen. Zu Pessach gibt es spezielle Spülmittel, Zahnpasta, Schädlingsbekämpfungsmittel (!), Hundefutter und vieles mehr. "Kosher für Pessach" muss draufstehen, sonst werden es religiöse Juden während der Passahzeit nicht im Haushalt verwenden.
 
Brötchen aus ungesäuertem Matzenmehl
4. Ungesäuerter Hotelbetrieb. Auch in den allermeisten israelischen Hotels gilt das religiöse Speisegesetz. Osterpilger müssen also am Büffet ebenfalls auf gesäuerte Speisen verzichten (ob es ihnen passt oder nicht).

5. Schlupflöcher und Geheimtipps. Wer nicht verzichten mag und vergessen hat, vor Pessach die Tiefkühltruhe und Vorratsschränke mit Brot und co. zu beladen, muss dennoch nicht darben. Arabische Bäcker und Händler helfen ihren jüdischen Landsleuten gerne aus, und Supermärkte ohne Kosher-Zertifikat (z.B. "Tiv Taam", da gibt es auch Shrimps und Schweinelendchen) nehmen in der Regel die ungesäuerte Ware auch nicht aus dem Regal. In Tel Aviv soll es sogar Restaurants und Cafés geben, die Brötchen reichen. Nur die Falafel- und Dönerstände sind fast ausnahmslos geschlossen, denn die sind in der Regel kosher.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für diesen -mal wieder- sehr interessanten Einblick!!! Find ich klasse, auf diesem Wege immer wieder mal was dazu zu lernen.....
    Man kennt all diese Ausdrücke und kann aber doch nicht so recht was damit anfangen!!
    Ich stelle es mir schwierig vor, sich an solche Traditionen zu gewöhnen.....sie sind uns doch sehr fremd!!
    Gelingt Dir das inzwischen gut??
    Alles Liebe
    Simone

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    1. Es geht.. Man gewöhnt sich an vieles ;) Schwierig ist es, wenn man diese strenge Religiosität nicht lebt und dann trotzdem immer wieder damit konfrontiert wird. Im Kindergarten finde ich es dieses Jahr schon fast ein bisschen zu viel Religion - diese Aufkleberliste zum Beispiel geht für mich über reine Traditionenpflege hinaus und gehört meiner Meinung nach nicht in einen städtischen KiGa.

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    2. Ich kann mir vorstellen, dass es vielleicht ein bisschen viel ist, was an religiösen Dingen rüberkommt. Auf der anderen Seite entkommt man in Deutschland auch in städtischen Kindergärten weder Ostern noch Advent und Weihnachten.. :) Ich denke, das kann man vergleichen, oder?

      Lieben Gruß,
      Symphonee

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    3. Stimmt schon. Allerdings habe ich schon gefühlsmäßig den Eindruck, dass es hier mehr ist. Aber es ist sicher auch in Deutschland von Einrichtung zu Einrichtung verschieden.

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  2. gründlicher hausputz - okay. aber ich würde durchdrehen, müsst ich jedes jahr die wände streichen!

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  3. Rein theoretisch war mir das bekannt - schön dass ich durch deine Schilderungen auch den Alltagstrubel, der sich damit verbindet, kennenlerne. Ein ganz liebes Danke dafür!
    Herzliche Grüße
    Andrea

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  4. Achje… Auf bestimmte Lebensmittel verzichten - okay. Aber so viel Aufwand! Das wäre mir ja zu viel! Ich wäre ein schlechter Jude ;) Aber ich faste ja auch nie, ein guter Christ bin ich also auch nicht :D

    Und das Kehrschäufelchen aus der KiTa ist ja, öhm, interessant?


    Lieben Gruß, Midsommarflicka

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