Donnerstag, 21. März 2013

Obama-Fieber

Gestern um die Mittagszeit ist er gelandet. Präsident Obama ist der fünfte Präsident der USA, der Israel besucht, zum ersten Mal in seiner Funktion als Präsident. 2008 war er schon einmal als Senator hier und hat sich damals sogar die vom ständigen Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen gebeutelte israelische Stadt Sderot angesehen.

Der Aufwand und das Aufgebot für seinen nur 51-stündigen Besuch sind riesig. Mehrere Hubschrauber, gepanzerte Limousinen und eine Entourage von rund 600 Mitarbeitern und Journalisten sind mit ihm eingeflogen, neben den obligatorischen zwei Air Force One-Maschinen, die derzeit im Land parken. Rund 40 Millionen Schekel (8 Mio Euro) soll der Spaß "uns" kosten, das ist schon ziemlich krass.

Da war die Aufregung in Israel vor Obamas Ankunft natürlich groß, obwohl man die Erwartungen eher gering halten wollte. Viele Israelis sind enttäuscht, dass Obama in seiner ersten Amtszeit so stark mit der muslimischen Welt sympathisierte und kreiden ihm an, dass er lange nicht klar Stellung zum Iranproblem beziehen wollte.

Bisher sieht es allerdings so aus, als hätte es der POTUS geschafft, die Israelis wieder für sich zu erwärmen. Angefangen mit seiner offensichtlich gezeigten Zuneigung zu Präsident Peres direkt nach der Landung, über die lässige Obama-legt-seine-Jacke-ab-und-Bibi-macht-es-ihm-sofort-nach-Einlage bis zu der Besichtung einer Iron Dome-Anlage, an der er echtes Interesse zeigte, hatte ich schon gestern nicht den Eindruck, er würde diesen Besuch nur der Form halber durchziehen.

(Foto: Avi Ohayon/GPO/Flash90 über Times of Israel)
Heute Nachmittag erreichte der Besuch seinen vorläufigen Höhepunkt mit einer fulminanten Rede vor israelischen Studenten in Israels großem Tagungszentrum in Jerusalem. Mit seiner Rede hat er genau den richtigen Ton getroffen und direkt die israelische Seele angesprochen. Sie trifft jeden Nerv, bemüht Zitate großer israelischer Persönlichkeiten wie Rabin, Grossmann und Ben Gurion, um zu zeigen und glaubwürdig zu versichern, dass der Präsident die Israelis und ihre Sorgen versteht, und dass die USA auch in Zukunft hinter Israel stehen werden. Doch es ist keine reine pro-israelische "Wohlfühlrede", denn in einem zweiten Teil findet Obama deutliche Worte zur - wie er es nennt - Notwendigkeit des Friedens. Dabei klammert er auch die umstrittene Siedlungspolitik nicht aus und fordert die Bevölkerung auf, den Frieden voranzutreiben, die Politiker in die Pflicht zu nehmen. Er klagt die Ungerechtigkeit an, dass Palästinenser nicht die Chance haben, eine Zukunft in einem eigenen Staat aufzubauen und unterstreicht die Dringlichkeit direkter Verhandlungen.

Durchaus Kritik am Status Quo also, aber keine einseitigen Forderungen und viel Verständnis für den Frust der Israelis, die sich über die Jahrzehnte immer wieder vergeblich um den Frieden bemüht hatten. Von dieser Rhetorik könnte sich manch deutscher Israelkritiker eine Scheibe abschneiden, wenn es um die Beurteilung der Lage hier und wohlmeinende Empfehlungen an die "Freunde" in Israel geht.

Die Abschrift der Rede auf Englisch findet sich zum Beispiel bei Times of Israel, das Video habe ich mir hierher geholt:




Ach, es wäre wirklich ein Traum, wenn wir es noch erleben dürften, dass hier zwei Völker Seite an Seite zufrieden in ihren eigenen Grenzen leben. Nicht als beste Freunde vielleicht, aber in stabiler Nachbarschaft mit einem Minimum an gegenseitigem Respekt und einer "leben und leben lassen"-Einstellung.

Clemens Wergins sieht es in seinem Kommentar leider etwas nüchterner, aber mich hat das Obama-Fieber gepackt und wieder ein wenig Optimismus angefacht. Das lasse ich mir nicht nehmen, denn wer weiß, wie lange es anhält.


(Auf die Unruhen in der Westbank und die Raketen aus dem Gazastreifen "zur Feier" des Präsidentenbesuches gehe ich an dieser Stelle nicht genauer ein. Lila aus Rungholt hat heute morgen schon treffend ausgedrückt, was ich davon halte . Und über die Empörung der Palästinenser darüber, dass die Israelis Obama doch tatsächlich Falafel servieren wollen, kann ich allenfalls verzweifelt den Kopf schütteln.)

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